Die Orgel - die Königin der Instrumente

Julia Haak, ehemalige Schülerin, Regionalkantorin

Die Orgel ist das Instrument der Extreme: Sie kann ein komplettes Orchester ersetzen. Und sie ist größer, schwerer, lauter, höher und tiefer als jedes andere Instrument. Früher mussten kräftige Männer auf den Blasebalg steigen, sogenannte Kalkanten. Sie sorgten dafür, dass gleichmäßig Luft durch die Pfeifen der Orgel strömte und Töne erzeugte. Sie bekamen dafür Lohn. Heute treibt ein Motor den Blasebalg an und man muss für ein Training im Fitness-Studio auf den Stepper steigen und bezahlen. Eine Besonderheit der Orgel sind ihre Register: Mit ihnen kann der Organist die Klangfarben festlegen. Wenn er dann ein A spielt und drei Register zieht, kommen drei unterschiedliche Töne - als wenn drei Instrumente gleichzeitig einsetzen würden. Die Orgel ist zudem das einzige Instrument, das auch mit den Füßen Melodien spielt. Organisten legen sogar virtuose Pedal-Soli hin. Weil sie so majestätisch und kraftvoll ist, wird die Orgel zu Recht „Königin der Instrumente“ genannt.

 

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Zu wem passt die Orgel?

Wer Orgel spielen lernen möchte, braucht Grundlagen im Klavierspiel. Los gehen kann es, wenn ein Schüler Bachs zweistimmige Inventionen beherrscht. Bei diesen Stücken spielen die rechte und linke Hand abwechseln die Melodie. Diese Selbständigkeit der linken Hand ist auch an der Orgel wichtig. Interesse an religiöser Musik ist keine Voraussetzung. Wohl aber ein gewisser Fleiß - und die Lust, vor Publikum zu spielen.

Berühmte Orgelmusik

Die „Toccata und Fuge in d-Moll“ von Bach ist so etwas wie die Visitenkarte der Orgelmusik. Das kurze Anfangsmotiv, bei dem man förmlich Ausrufzeichen in der Musik sieht, wiederholt sich in drei Oktaven abwärts. Danach geht mit rasanten Läufen die Post ab.

Der Titel „Orgelsinfonie“ von Saint-Saëns ist eigentlich eine Mogelpackung, denn die Orgel taucht erst im letzten Satz beim Finale auf. Aber das Warten auf diesen Moment lohnt sich definitiv, der triumphale Schluss adelt die Sinfonie. Und nun noch einmal Bach, denn die meisten verbinden mit der Orgel vor allem diesen Komponisten. Ruhig, sanft und ganz schlicht ist sein Choral „Jesu, meine Freude“. Diese Musik wirkt so leicht und transzendent, dass sie direkt aus dem Himmel zu kommen scheint.

Julia Haak

Mit 27 Jahren Regionalkantorin

An der Orgel der Musikschule fühlt die Organistin Julia Haak sich sehr wohl.

Sie weiß noch genau den Augenblick, als ihr Leben eine andere Richtung nahm: Julia Haak war als Au-pair-Mädchen in Schottland und fuhr mit dem Bus an der Musikhochschule in Glasgow vorbei. Dort war eine große Aufschrift an der Wand: „Life is not a Rehersal“ („Das Leben ist keine Probe“). In diesem Moment wurde ihr klar: „Ich belüge mich. Ich  muss doch Musik machen.“ Am gleichen Tag rief sie ihre Eltern an und teilte ihnen mit, dass sie weder Medizin noch Journalismus studieren würde, sondern Musik. Julias Eltern hatten ihr immer zu „etwas Handfestem und Sicherem“ geraten. Es dauerte noch ein Jahr, bis die Tochter sie überzeugt hatte. Auf Anhieb bestand Julia die Aufnahmeprüfung an der Hochschule Stuttgart und studierte Kirchenmusik. Ein knallvoller Stundenplan und zusätzlich fünf Stunden täglich an der Orgel waren für sie kein Grund zu jammern. „Ich wollte das Maximum an Musik rausholen, das ich in ein Instrument quetschen kann. Dafür ist die Orgel perfekt.“ Schon als Musikschülerin hatte Julia ein Stipendium für Orgelunterricht, das alle zwei Jahre an der Musikschule vergeben wird. Mit 16 Jahren durfte sie die ersten Gottesdienste spielen.  Ob es Talent überhaupt gibt, weiß sie nicht. „Vielleicht ist alles nur eine Frage von Üben und Fleiß.“ Sie sei eigentlich schüchtern und introvertiert, sagt Julia. Aber wer so ein großes Instrument in Bewegung setzen will, kann sich  nicht verbergen. „Ich bin innerlich sehr gewachsen an der Orgel.“ Jedes Mal, wenn sie auf einer neuen Orgel spielt, hat sie das Gefühl, eine neue Freundin kennenzulernen. 40 Prozent ihrer Mitstudierenden sind Frauen. Zwar sind heute noch viele spannende Posten von Männern besetzt, aber Julia gehört zu der jungen Generation, die das ändern wird. Kürzlich ist sie bereits mit 27 Jahren bereits Regionalkantorin im niedersächsischen Twistringen geworden.

Martin Sonnen

Regionalkantor und Musikschullehrer

Martin Sonnen war als Jugendlicher im Taekwondo-Landeskader. Zwar hatte er als Kind Klavierunterricht und als jugendlicher Messdiener einen Kirchenschlüssel, um auf der Orgel herumzuprobieren. Aber erst mit 21 Jahren bekam er „konstruktiven“ Orgelunterricht. Es fiel ihm sofort sehr leicht, Hände und Füße unabhängig voneinander zu bewegen. „Körperteile isoliert einzusetzen, hatte ich ja sechs- bis siebenmal pro Woche trainiert“, erklärt er. Aber bei der Prüfung für den schwarzen Dan musste er dann drei Bretter mit der Hand durchschlagen. Beim dritten hatte er nicht mehr genug Spannung in der Hand und brach sie sich. Da die Hände das Kapital des Organisten sind, wurde ihm klar: „Ich muss mich entscheiden.“ Er hörte mit dem Kampfsport auf und konzentrierte sich fortan genauso intensiv auf die Orgel. Schon nach zwei Jahren studierte er Kirchenmusik. Inzwischen ist Martin Sonnen Regionalkantor und Orgelsachverständiger im Bistum Aachen, Musikschullehrer und Kirchenmusiker in Korschenbroich. Für ihn gibt es Gemeinsamkeiten zwischen einem Konzert und einem Kampf: „Du musst auf den Punkt da sein. Fehler passieren, aber sie dürfen dich nicht ablenken“, sagt er. Martin Sonnen stellt klar: „Die Orgel ist kein Gegner, den ich besiegen will.“ Dennoch: Wenn er mal Dampf ablassen musste, ging er früher kämpfen. Heute setzt er sich dann an die Orgel.

Übrigens...

An der Musikschule Mönchengladbach kann man Orgel spielen, ohne kalte Füße zu bekommen. Statt in einer zugigen Kirche üben die Schüler in einem kuschelig warmen Raum neben der Bühne auf der Orgel. Von dort wird das Instrument für Konzerte in den Saal geschoben. Die Musikschule ist die erste in Deutschland, die eine moderne digitale Orgel angeschafft hat.

Der Spieltisch sieht fast normal aus: aus Eichenholz, mit vier Tastaturen übereinander und Pedalen. Aber statt an Hebeln stellt man auf zwei Touchscreens rechts und links die Register ein. Und es gibt weder Pfeifen noch elektronisch erzeugte Klänge wie beim Keyboard. Sondern die Orgel spielt digital gespeicherte Töne ab. Der Spieltisch ist im Prinzip eine Spielkonsole. Der Clou: Man kann die Töne von großen Originalorgeln herunterladen - von Barock über Klassik, Romantik und sogar eine Kino-Orgel. Der Klang ist bombastisch, weil der Raumklang der Kirchen mit gespeichert ist. Wenn man die Augen schließt, fühlt man sich dann im Carl-Orff-Saal wie im Hauptschiff einer Kathedrale.

In einer Kirche an einem historischen Instrument zu sitzen, ist zwar immer noch etwas anderes. Aber die neuartige Orgel macht musikalische Erfahrungen möglich, die in einer Musikschule bisher undenkbar waren.