Das Akkordeon - Volksmusik und Virtuoses im Ein-Mann-Orchester

Lena Kolo, Akkordeonlehrerin

Bei einem Balg denken wir an ein freches, verzogenes Kind. Der Balg des Akkordeons kann auch ungezogen sein. Aber nur, wenn jemand nicht weiß, wie man den fächerförmigen Mittelteil auseinanderzieht und zusammendrückt. Seinen Namen hat der Akkordeon-Balg aber vom Blasebalg, denn er wird mit Luft angetrieben. Der Balg ist die Lunge des Instruments. Im Rhythmus der Musik atmet und keucht er.

Den Akkordeonisten und sein Instrument verbindet eine innige Nähe: Er hält es in den Armen wie ein Baby. Beim Spielen wiegt er es hin und her. Und wenn ihm beim Auftritt vor Aufregung laut das Herz klopft, dann hört man über den Balg verstärkt das „Poch, poch - poch, poch“.

Die Familie der Aerophone hat viele Sprösslinge: Manche Akkordeon-Typen haben für die rechte Hand Tasten und für die linke Knöpfe, andere nur Knöpfe. Und auch ein reines Knopf-Akkordeon ist längst nicht wie das andere. In der Musikschule darf jeder Schüler aussuchen, welcher Typ ihm liegt. Der Lehrer hat Pech: Er muss alle spielen können.

 

FAQs zur Anmeldung  Ansprechpartner  Hier gehts zur Anmeldung

Zu wem passt das Akkordeon?

„Es gibt nur eine Voraussetzung: Man sollte zwei Arme haben“, sagt der Akkordeonlehrer Marko Kassl. Viele entscheiden sich für das Akkordeon, weil sie seine Bandbreite lieben: Es hat einen Tonumfang von siebeneinhalb Oktaven und zudem Register wie eine Orgel. Das sind Kippschalter, auf denen der Musiker verschiedene Stimmen und Klangfarben einstellen kann. Der Akkordeonspieler ist ein Ein-Mann-Orchester. Er kann sich selbst begleiten und feierlich wie eine Orgel, flink und wendig wie eine Klarinette oder fanfarenhaft wie die Trompete spielen. Deshalb ist das Akkordeon auch bei erwachsenen Schülern ein sehr beliebtes Instrument.

„Mit vier Knöpfen lassen sich 80 Prozent der Volksmusik begleiten“, sagt Marko Kassl. Ihm ist wichtig, auch Walzer und Volkslieder ernstzunehmen und bei Interesse zu unterrichten. „Volksmusik gehört dazu. Sie ist in die DNA des Akkordeons eingeschrieben.“ Aber aus diesen Schuhen ist das Instrument lange herausgewachsen. Vor allem aus Russland kommt ein kräftiger frischer Wind mit Virtuosen, die große Werke von Bach, Vivaldi, Paganini oder Schnittke spielen. Auf dem Akkordeon ist musikalisch so ziemlich alles möglich.

Berühmte Akkordeonmusik

Das Akkordeon ist Melancholie zum Mitnehmen: Überall auf der Welt erzählt es Geschichten von Sehnsucht und Fremdsein, von Heim- und Fernweh. Ohne das Akkordeon wäre die europäische Volksmusik nicht denkbar, genauso wie die Shanty-Lieder der Matrosen, der Tango Argentino, Jazz oder die Klezmer-Tradition. In dem Musical „Anatevka“, das in einem jüdischen Dorf in Russland spielt, mischt das Akkordeon Broadway-Flair mit typischen Klezmer-Rhythmen. Seit dem 20. Jahrhundert hat auch die Klassik den Charme dieses Instruments entdeckt. Die sonnig-beschwingte „Jazz-Suite Nr. 1“ von Schostakowitsch ist eine Liebeserklärung an das Akkordeon. Sogar in großen Orchesterwerken wie Alban Bergs Oper „Wozzeck“ hat es seinen Platz. Da spielt das Akkordeon in beklemmend schrägen Ländlern und Polkas mit seinem Klischee, ein Volksmusik-Instrument zu sein.

Astor Piazzollas „Libertango“ oder sein „Oblivion“ sind weltbekannte Stücke, die jeder fortgeschrittene Akkordeonist im Repertoire hat. Piazzolla selbst hat sie nicht auf dem Akkordeon gespielt, sondern auf dessen kleinem Bruder Bandoneon. Es ist zu erkennen an seinem quadratischen Gehäuse. Dieses Instrument gilt zwar als Inbegriff der lateinamerikanischen Musik, aber erfunden wurde das Bandoneon direkt vor unserer Haustür - von dem Krefelder Musiklehrer Heinrich Band. Matrosen sollen es in die Kaschemmen der Hafenviertel von Buenos Aires gebracht haben. Dort verlieh es dem Tango seinen traurig-samtigen Klang.

 

Justus Strickling

Mitglied im LandesJugendAkkordeon Orchester NRW

Nein - Akkordeon studieren wollte Justus Strickling nicht. Gerade weil dieses Instrument seine große Liebe ist. Angefangen hat er schon mit fünf Jahren auf einem Hohner-Kinderakkordeon. Er war Preisträger beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert", wurde mit dem „Deutschen Akkordeonpreis“ ausgezeichnet und hat bei „Bühne frei“ mit den Niederrheinischen Symphonikern musiziert. „Von meinem Akkordeon werde ich mich mein ganzes Leben lang nicht trennen“, sagt der 24-Jährige. „Aber ich möchte nicht den Stress, dass meine Existenz davon abhängt.“ Während seines Industriemanagement-Studiums gab es sehr fordernde Klausurphasen. In diesen Zeiten übte Justus sogar mehr als sonst Akoordeon. „Es ist für mich das beste Mittel zum Abschalten. Akkordeon spielen ist für mich Meditation.“ Justus ist schon seit 19 Jahren Schüler bei Marko Kassl. So vertraut, wie die beiden miteinander reden und musizieren, wirken sie wie eine Mischung aus Vater und Sohn und beste Freunde. Aktuell macht Justus eine Piloten-Ausbildung in den USA. Aber nach der Rückkehr wird er wieder mit Marko Kassl musizieren und im Akkordeon-Ensemble der Musikschule mitspielen.

Karin Füser

Sie hat als Erwachsene den Neustart gewagt

Karin Füser hat schon als Kind Akkordeon gespielt. „Aber das war nicht kindgerecht. Damals bin ich mit dem Instrument nicht warm geworden“, sagt die 61-jährige Leiterin eines Kindergartens. Vor neun Jahren hat Karin Füser einen Neustart gewagt und sich wieder zum Unterricht angemeldet. Wenn sie Zeit hat, übt sie am liebsten sechs Stunden am Stück. „Ich will etwas dann einfach können. Ich muss mich irgendwann zwingen aufzuhören.“ Inzwischen spielt sie beim Martinszug im Kindergarten Akkordeon. Anfangs war sie dabei sehr aufgeregt, gesteht sie. „Aber nun macht es unheimlich Spaß. Und die Kinder lieben es.“

Sie sei kein Talent vor dem Herrn, sagt Karin Füser. Wenn sie unzufrieden mit sich ist, hört sie von ihrem Lehrer Marko Kassl: „Karin, das war schon sehr gut.“ Sie habe einen hohen Anspruch an sich, sagt er. Er sieht aber, wie sie wächst und stetig Fortschritte macht. Wenn sie mal nicht so perfekt spielt, denkt sie: „Jetzt belästige ich meinen armen Lehrer mit dieser Qualität.“ Es tut ihr richtig gut, wenn er dann lacht. „Und irgendwie glaubt er trotzdem immer an mich.“

Übrigens...

Fliegenpresse, Zerrwanst, Heimatluftkompressor, Quetschkommode, Schifferklavier, Schweineorgel, Tretschrank, Klavier des kleinen Mannes - all diese witzigen Namen für das Akkordeon klingen nicht nach schickem Konzertsaal. Edvard Grieg mäkelte vor gut 100 Jahren: „Das Akkordeon klingt wie ein heiseres Schwein“. Inzwischen gibt es aber eine Akkordeon-Fassung vieler Grieg-Stücke. „Sie klingen viel besser als Griegs Originale für Klavier“, stellt Marko Kassl klar. „Ich wette 100 Euro: Wenn er sie hören könnte, würde er seine Meinung ändern.“