Die Oboe - sportliche Herausforderung und einzigartiger Klang

Die erste Oboe gibt im Orchester beim Einstimmen den Ton an: ein A. Alle anderen müssen sich danach richten. So wie der Konzertmeister der ersten Geigen die Streicher führt, ist der erste Oboist Chef der gesamten Holzbläser. Das liegt daran, dass die Oboe einen besonders klaren, prägnanten Klang hat. Ihr etwas näselnder Ton dringt mühelos durch den Klangvorhang der Streicher, die vor ihr sitzen. Man hört sie auch dann noch, wenn das ganze Orchester im Fortissimo spielt und die zarten Flöten schon im Klanggewühl verschwunden sind.

Oboe spielen ist wie einen Luftballon aufblasen. Weil das Doppelrohr-Mundstück enger ist als bei allen anderen Blasinstrumenten, muss man die Luft darin mit Druck zum Schwingen bringen. Oboisten sagen gerne selbstironisch, dass sie beim Spielen einen dicken Hals bekommen, blau anlaufen und die Backen aufblasen wie ein Laubfrosch. Das ist ziemlich übertrieben - aber dieses Instrument ist durchaus eine sportliche Herausforderung. Oboe spielen kann man sich vorstellen, wie eine Zugfeder zu spannen. Eine gute Bauchmuskulatur schadet ebenso wenig wie tägliches Üben. Für Asthmatiker ist die Oboe das ideale Lungentraining.

Doch es kommt auf das richtige Maß an: Oboisten sind eher Balletttänzer als Bodybuilder. Um einen warmen, klaren Ton zu formen, darf man nicht zu viel Druck aufbauen. Wer das hinbekommt, der weiß, warum er sich auf diese Diva eingelassen hat: Er wird mit einem einzigartigen, beinahe sphärischen Klang belohnt - dunkel, schwebend, weich, aber auch mit der Schärfe eines hochprozentigen Whiskys.

Besonders intensiv wirkt bei Oboisten die Permanentatmung. Normalerweise atmet jeder Blasmusiker ein und produziert mit der Ausatmung die Töne. Wenn die Lungen leer sind, ist der Ton zu Ende. Aber bei dieser speziellen Technik fließt fortlaufend Luft durch die Nase ein und beim Spielen durch den Mund aus. Geübt wird das mit einem Strohhalm und einem Glas Wasser. Das Ziel ist, dass fortlaufend Luftblasen im Wasser blubbern. Mit Permanentatmung kann ein Musiker unendliche Melodien spielen, ruhig und himmlisch schön.

 

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Zu wem passt die Oboe?

Oboisten sollten keine Weicheier sein, die gleich aufgeben. In den ersten Stunden darf man sich nicht wundern, wenn die Oboe so quakig klingt, als würde man einer Ente auf den Schwanz treten. Doch bereits nach einem Monat beherrschen Schüler die ersten kleinen Lieder. Kinder können im Grundschulalter anfangen - auch mit Zahnlücken. Wer Spaß an Mechanik, Basteln und Werken hat, sollte unbedingt Oboe spielen, denn des Öfteren hat das geliebte Instrument eine Schraube locker. Dann muss man sein Werkzeug herausholen und die Schrauben und Klappen justieren - so wie ja auch eine Geige gestimmt werden muss. Profi-Oboisten bauen sich ihr Mundstück, das sogenannte Rohr, auch gerne selber. Wer aber nicht nebenbei eine Handwerker-Ausbildung absolvieren will, der kann sich seine Mundstücke auch für 15 Euro kaufen.

Die meisten Oboisten sind allerdings zu ungeduldig, das Mundstück aus Schilfrohr vorm Spielen mehrere Minuten in Wasser einzuweichen. Stattdessen machen sie etwas, was für Außenstehende witzig aussieht: Sie nuckeln es weich.

Berühmte Oboenmusik

Jedes Kinderlied lässt sich auf der Oboe spielen. Auch die Filmmusik von James Bond über Harry Potter bis zur Liebesschnulze wäre ohne sie ärmer. Doch vor allem ist die Oboe in der klassischen Musik zu Hause.

Ihr leicht nasaler Klang macht sich wunderbar bei der Ente in Prokofjews „Peter und der Wolf“. Wenn die Oboe auftritt, hören wir ihr Quaken und ihren watschelnden Gang. Ruhig, gesanglich und träumerisch klingt der zweite Satz des „Konzerts für Oboe und Orchester" von Marcello mit seinen fließenden Melodien, bei denen der Oboist die Permanentatmung einsetzt. Berühmt wurde das Konzert durch die Verzierungen von Johann Sebastian Bach. In Ennio Morricones Titelmusik zum Film „Mission“ sind die Klänge der Oboe der Ruhepol in der grausamen Geschichte. Ein Pater findet durch sein Oboenspiel Zugang zu den Ureinwohnern. Sie töten ihn nicht, sondern nehmen ihn auf. Durch die schlichten, langen Bögen des weltberühmten Stücks „Gabriel´s Oboe“ entsteht ein Zauberklang, den man nicht wieder vergisst.

Lucia Heiwolt

Studentin der Medien- und Musikwissenschaften

Lucia Heiwolt und ihre Oboe - eine tiefe Verbindung

Ihr Berufsziel? „Ich möchte Intendantin in einem Konzerthaus werden“, sagt Lucia Heiwolt. Die 21-Jährige mag das Prinzip „Think big!“ „Auch wenn ich vielleicht nicht so weit komme, bringt mich mein Ziel weiter“, sagt sie. Einen starken Willen hatte Lucia schon immer: Mit sechs Jahren meldeten ihre Eltern sie zum Geigenunterricht in der Musikschule an. Mit acht setzte Lucia durch, dass sie zur Oboe wechseln durfte. „Ich hatte mich so in ihren Klang verliebt.“ Mit zwölf Jahren bekam sie ein Oboen-Stipendium und durfte schon im Jugendsinfonieorchester mitspielen. „Das waren ganz schön große Hosen für mich. Ich war riesig aufgeregt, aber ich fand es super“, erzählt sie. Auch wenn die ersten Konzerte für sie mit Tränen endeten. „Ich bin halt sehr ehrgeizig und habe in der ersten Zeit manches in den Sand gesetzt.“ Aber von Anfang an spürte sie, dass das Orchester ihr Zuhause ist. „Ich habe dort auch meine besten Freunde gefunden.“ Selbst als das Jugendsinfonieorchester wegen Corona ein Jahr pausieren musste, hatte sie täglich Kontakt mit jemandem aus dem Orchester. Und sie hat täglich vier Stunden Oboe geübt. „Das hat mich durch diese harte Zeit getragen.“ Nach dem Abitur hat sie ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Mediateam der Tonhalle in Düsseldorf gemacht. Um ihr Ziel zu erreichen, hat Lucia in Bonn ein Doppelstudium in Medienwissenschaften und Musikwissenschaften begonnen. Was für sie feststeht: „Ich werde immer Oboe spielen und mit einem Orchester arbeiten.“

Übrigens...

Eine junge Frau übt zu Hause auf der Oboe die „Winterreise“, als es an der Wohnungstür klingelt. Sie öffnet und in der Tür stehen zwei Polizisten in Uniform. Einer hat Handschellen dabei. „Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragt die Frau verdutzt. Ein Polizist räuspert sich. „Wir haben einen Notruf aus der Nachbarschaft erhalten“, erklärt er. „Hier soll angeblich ein Herr Schubert schwer misshandelt werden.“