Das Fagott - das Instrument der Liebe

Joshua Jüngermann, Fagottschüler

Fagott? Wie bitte? Wer dieses Instrument spielt, muss sich daran gewöhnen, dass neun von zehn Menschen gar nicht wissen, was das ist. Das Fagott ist kein Selbstdarsteller, sondern eher lichtscheu. Dabei spielt es im Orchester eine zentrale Rolle: In der Familie der Holzbläser hat es die tiefste Stimme. Es ist wie mit den Wurzeln eines Baumes. Wenn sie nicht gut im Boden verankert sind, wackelt der ganze Baum. Und die Fagotte werden gebraucht, um die tiefen Streicher mit den Holzbläsern zu verbinden - teilweise untergründig, denn ihr Klang ist zu warm und weich, um andere zu übertönen. Wegen seiner Sanftheit wird es auch „das Instrument der Liebe“ genannt.

So wie manchmal zwischen Hund und Herrchen eine gewisse äußere Ähnlichkeit besteht, sagt man im Spaß, dass Fagottisten oft lang und dünn sind. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Das Instrument ist jedenfalls ein Lulatsch. Es besteht aus einem 2,60 Meter langen Rohr, das wie ein U unten einmal geknickt ist. Warum das Rohr so lang ist? Je länger, desto tiefer: So kann der Fagottist, wenn er in sein Mundstück aus Schilf bläst, die schönen dunklen und honigfarbenen Töne erzeugen. Aber es ist nicht nur ein Brummbär, sondern hat einen Tonumfang von dreieinhalb Oktaven. In der Höhe ist der Klang klar und weich. Dieses Instrument kann sehr sanft und lyrisch klingen. Aber ebenso charakteristisch sind seine kurzen, hüpfenden Töne, die an einen drolligen Clown erinnern. Wenn in der Oper jemand auf die Nase fällt oder eine Blumenvase zerspringt, kann man wetten, dass dann das Fagott zu hören ist.

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Zu wem passt das Fagott?

Fagottspieler sind Individualisten. Wenn jemand sie freakig findet, zucken sie maximal mit den Achseln. Am wohlsten fühlen sie sich als Mannschaftssportler, sie tragen auch gerne Verantwortung - aber im Team. Wer in einem Orchester spielen möchte, für den ist dieses Instrument ideal. Denn es gibt nicht viele Fagottisten. Mit einer guten Grundausbildung hat man dort bereits Chancen.

Jeder, der eine Kerze auspusten kann, bekommt auch aus dem Fagott einen Ton heraus. Da sind andere Instrumente deutlich zickiger. Anspruchsvoll sind später komplizierte Griff-Kombinationen. Aber wer gerne viele Stunden am Tag übt, sollte lieber zu den Geigern oder Pianisten gehen. Wichtig ist allerdings eine gute Klangvorstellung. Denn wie der Ton gelungen ist, kontrolliert ein Fagottist vor allem über sein Gehör.

Auch wenn das Instrument groß ist: Für kleine Kinder gibt es ein extra Zwerg-Fagott, das sogenannte Fagottino, danach folgen halbgroße Kinder-Instrumente und ab etwa zwölf Jahren das große Fagott. Auch das Gewicht des Instruments ist kein Problem: Beim Halten hilft ein Tragegurt, der um den Hals gehängt wird. Für Frauen gibt es spezielle Gurte, um ihre natürlichen Rundungen nicht einzuquetschen.

 

Berühmte Fagottmusik

Viele kennen die brummige Stimme des mahnenden Großvaters in Prokofjews „Peter und der Wolf“, gespielt vom Fagott. Paul Dukas erzählt in dem „Zauberlehrling“ mit sehr bildhafter Musik von einem Jung-Zauberer, der seine magischen Fähigkeiten nicht im Griff hat. Mit munteren Tönen, die hüpfen wie ein Ball, stellt das Fagott den Besen dar, der sich verselbständigt. Sehr weich, verführerisch, mit einem treibenden Rhythmus und arabischen Anklängen ist das Instrument in der „Scheherazade“ von Rimski-Korsakow. Virtuos zeigt es sich in Mozarts „Konzert für Fagott und Orchester“. In schnellen Läufen wird der gesamte Tonumfang von drei Oktaven genutzt, irrwitzige Trillerketten reihen sich aneinander. Dem gegenüber stehen die träumerischen Passagen des Mittelteils mit langen, singenden Tönen.

 

Olivia Comparot

Fagottistin beim Philharmonischen Staatsorchester Hamburg

Joshua Jüngermann, Fagottschüler bei Annelise Lickfett, spielt am liebsten im großen Orchester. Er baut seine Mundstücke gerne selbst.

Ihr Vater war kein Musiker, aber er sammelte mit Leidenschaft Instrumente. Als er auch noch ein Fagott anschaffen wollte, sagte Olivias Mutter: „Es reicht.“ Ihr Vater löste den Konflikt kreativ: Er schenkte seiner Tochter ein Fagott. Sie war damals 10 Jahre alt - und offensichtlich ähnlich hartnäckig wie ihr Vater. Denn sie nahm sich kleine Klavierstücke von Anna Magdalena Bach, eine Grifftabelle und übte die Bassnoten auf dem Fagott.

Als sie neue Mundstücke brauchte, kam Olivias Vater auf die Idee, in der Musikschule zu fragen. Als der Fagottlehrer Rudolf Peters beim Abholen von Olivias Eigeninitiative hörte, sagte er: „Du bleibst mal schön bei mir.“ Ein Jahr später nahm Olivia bereits bei „Jugend musiziert“ teil, bald gewann sie einen ersten Preis beim Bundeswettbewerb. Sie bestand die erste Aufnahmeprüfung an der Hochschule Köln und nach einer Handvoll Probespiele bekam sie die Stelle als stellvertretende Solo-Fagottistin beim Philharmonischen Staatsorchester Hamburg - einem der renommiertesten deutschen Orchester. Es spielt in der Staatsoper und Elbphilharmonie. Das ist ganz schön viel Rampenlicht. „Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt“, sagt Olivia heute noch. Als Fagottistin sei sie zum Glück immer Teil des Orchester-Kollektivs. Ihr kleiner Sohn Felix scheint auch eher ruhige Klänge zu mögen. Wenn er Geigenmusik hört, fängt er an zu schreien. Bei Fagott-Tönen schläft er ein.

 

Übrigens...

Was ist schwieriger? Mit der linken Hand in rasendem Tempo saubere Töne zu greifen oder mit rechts den Bogen zu ziehen? „Eindeutig rechts“, sagt Christian Malescov. „Mit links zu greifen ist Sport, das kann man lernen.“ Aber rechts kommt es auf die feinen Nuancen zwischen Druck, Geschwindigkeit und Kantung des Bogens an. Mit dem Bogenstrich den warmen, runden, gesungenen Geigenton zu formen, ist eine Kunst. „Und am allerschwierigsten: den Bogen ganz langsam und ruhig zu ziehen. Daran feilen auch Virtuosen noch stundenlang.“