Die Blockflöte - das am meisten unterschätzte Instrument

Iuno Rosenthal, Blockflötenschülerin

Okay, es stimmt: Eine ordentliche Anfänger-Blockflöte kostet nur 35 Euro. Sie passt in jeden Schulranzen. Man bekommt aus ihr auch viel leichter einen Ton heraus als aus Geige, Oboe oder Trompete. Aber ist die Blockflöte deshalb ein pädagogisches Nutzholz oder Folterinstrument aus dem Kinderzimmer? Wer sie verspottet, hat keine Ahnung von dem Potenzial dieses Instruments.

Die Mönchengladbacher Blockflötenlehrerin Marion Bleyer hat für die Blockflöte Pionierarbeit geleistet: Ihre Schülerinnen und Schüler der Musikschule sind so gut wie jedes Jahr Preisträger beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“. Einige Ehemalige aus Mönchengladbach gehören mittlerweile zur jungen Generation der Blockflöten-Virtuosen, die über alle Vorurteile hinwegblasen. Dabei ist die Blockflöte das älteste Instrument der Welt. In einer Höhle bei Ulm wurde 2009 eine Flöte aus Geierknochen aus der Eiszeit gefunden. Sie ist über 35.000 Jahre alt. Dass trotzdem heute manche die Blockflöte nicht ernst nehmen, ist im Grunde ein Missverständnis. Zwar muss man nur in das Mundstück, den sogenannten Schnabel, blasen und schon ist der Ton da. Im Schnabel ist der Block aus Zedernholz. Er verengt das Holzrohr zu einem Schlitz - genau wie bei einer Trillerpfeife. Doch Anfänger blasen oft zu kräftig, dann entsteht ein schriller Ton. Oder sie haben zu wenig Puste, dann klingt es gespenstisch. Die große Herausforderung bei der Blockflöte ist, Finger, Zunge und Luft zu koordinieren. Einen sauberen Ton zu spielen, ist nicht so einfach wie am Klavier. Bei jeder minimalen Veränderung steigt oder fällt der Ton. Das können Anfänger nicht perfekt regulieren. In Blockflöten-Ensembles wird besonders deutlich, wenn nicht alle den gleichen Ton treffen. Wer sich mit Kindern an so etwas wagt, braucht Mut - und bisweilen ein dickes Fell.

 

FAQs zur Anmeldung  Ansprechpartner  Hier gehts zur Anmeldung

 

 

 

 

Zu wem passt die Blockflöte?

Noch vor einigen Jahren war die Blockflöte ein Mädcheninstrument. Doch auch immer mehr Jungen finden zu ihr. Kürzlich war der Gewinner des renommierten Deutschen Musikwettbewerbs in der Sparte Blockflöte ein junger Mann. Anfangen können Kinder, wenn ihre Finger groß genug sind, um die Löcher abzudecken. Lange, schnelle Finger helfen beim Spielen der Blockflöte. Aber genauso wichtig sind eine gute Körperwahrnehmung und feine Ohren. Es gibt für jeden Typ die passende Blockflöte, die gängigsten vier gehen von der „normalen“ Sopranflöte bis zur großen, tiefen Kontrabassflöte. Aber das sind längst nicht alle. Das kleinste Familienmitglied ist die „Garkleinflöte“. Sie ist nur 16 cm lang - aber deshalb nicht schüchtern: Sie ist die lauteste Blockflöte von allen.

Berühmte Blockflötenmusik

Wenn die Barockzeit ein Höhepunkt der Blockflötenmusik war, dann steht ganz oben auf diesem Gipfel zum Beispiel das „Brandenburgische Konzert Nr. 4“ von Bach. Darin stellt er zwei Flöten in den Mittelpunkt - ein Glück für jeden, der diese klare, schwungvolle Musik spielen darf. Auch Vivaldis Blockflötenkonzerte sind eine Hommage an das Instrument. Sein berühmtes „C-Dur Konzert RV 443“ ist sehr flott, virtuos und voller positiver Energie. Der zweite Satz ist so ruhig und sehnsuchtsvoll wie bei einem Morgenspaziergang in einem hellgrünen Frühlingswald. Sogar in der Rockmusik werden Blockflöten eingesetzt, zum Beispiel in Led Zeppelins Klassiker „Stairway to Heaven”. Es beginnt ruhig mit einem Arrangement für zwei Flöten und Gitarre, doch bald geht die Post ab. Wenn ein Trio mit Blockflöte „Wildes Holz“ heißt, kann man sich den Rest schon denken. In „Highway to Hell“ übernimmt die Flöte mühelos den Part der menschlichen Stimme - als würde der AC/DC-Sänger Bon Scott losrocken.

In der zeitgenössischen Blockflötenmusik gibt es unglaublich verrückte Stücke, zum Beispiel „Außer Atem“ von Moritz Eggert. Da wird gleichzeitig in zwei Blockflöten geblasen, geschnauft und parallel gesungen. Es gibt Töne mit Flatterzunge, Atemvibrato und explosivem „Sputato“. Keine Sorge, dabei wird nicht in die Flöte gespuckt!

Eva Leonie Fegers

Blockflötistin in Wien

Matilda Imhorst, Blockflötenschülerin, beschwört mit ihrem Instrument sogar wilde Tiere.

 

Es sieht aus, als würde sie einen Getränkekarren schieben, wenn Eva Leonie Fegers zu einem Konzert unterwegs ist. Doch sie transportiert keine Wasserkästen, sondern ihre Blockflöten. 35 Stück hat sie, von winzig bis mannshoch. Die in Wien lebende Blockflötistin, Sängerin, Komponistin und Lehrerin hat schon mit vier Jahren in der Badewanne, auf der Schaukel und im Auto ununterbrochen auf ihrer Blockflöte gespielt. Mit fünf Jahren wurde sie Schülerin an der Musikschule. Sie hatte auch Klavier-, Geigen- und Gesangsunterricht, war in ihrer Jugend „in so ziemlich allen Orchestern und Ensembles“ und hat mit der Blockflöte siebenmal einen ersten Preis beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ bekommen. Sie hat in Salzburg, Leuven und Wien studiert und zahlreiche Preise und Stipendien gewonnen. Sie habe seit ihrer Jugend viele Musikschulen kennengelernt, sagt Eva Leonie. „Nirgendwo waren die künstlerische Qualität, die Offenheit und das Engagement so hoch wie in Mönchengladbach.“ Was sie am meisten geprägt hat: „Hier gab es keine kreativen Grenzen. Es wurden Dinge ermöglicht.“

„Blockflöte spielen ist für mich wie eine Sucht“, sagt sie. „Wenn man einmal in diese Welt eingetaucht ist, kommt man nicht wieder heraus.“ Jeden Morgen  macht Eva Leonie vor dem eigentlichen Üben eine Stunde Fitness-Training für Atmung, Mundmuskulatur und Fingerfertigkeit. Sie braucht das, weil auf ihrem Niveau zu spielen Hochleistungssport ist. „Wenn ich drei Tage nicht dazu komme, fühle ich mich ganz unrund.“ Als Blockflötistin muss sie sehr flexibel sein. Sie spielt abwechselnd auf winzigen bis riesigen Flöten, von Mittelalter bis zur Neuen Musik, als Solistin, in Orchestern und Bands. Besonders mag sie etwas ausgeflippte Stücke. Und Eva Leonie liebt es, dass die Blockflöte extrem sensibel reagiert. Sie zu spielen hat für sie etwas sehr Inniges. „Man wärmt das Instrument an, es ist nah am Körper und es lebt durch meine Atmung.“ Und in manchen Momenten findet sie, wonach sie schon ihr Leben lang sucht: den vollen, warmen, zauberhaften Ton, bei dem das Holz zum Klingen kommt.

 

Übrigens...

Im 16. und 17. Jahrhundert war die Blockflöte das Statussymbol des kultivierten adeligen Mannes. Wer etwas auf sich hielt, hatte sie stets in der Jackentasche dabei - so wie heute das iPhone. Das galt aber ausschließlich für Männer. Frauen hatten Geige, Cello oder Cembalo zu spielen. Bei ihnen hätte man eine Blockflöte anstößig gefunden.