Stadtgeschichte

Funde aus der Steinzeit und später aus der Römerzeit weisen darauf hin, dass das Gebiet der heutigen Stadt Mönchengladbach schon seit vielen tausend Jahren besiedelt ist. Die Geschichte des Ortes Gladbach beginnt allerdings erst viel später, vor etwas mehr als 1000 Jahren. Von der Gründung 974 an bis in die Gegenwart soll nachfolgend die Geschichte der Stadt in drei Kapiteln dargestellt werden: Das erste Kapitel Mittelalter und Frühe Neuzeit beinhaltet die Zeit von der Stadtgründung bis zum Ende der Feudalzeit 1794. Dabei wird die Entwicklung der einzelnen Orte geschildert, die heute im Wesentlichen die Stadt Mönchengladbach bilden: Alt-Gladbach, Rheydt, Odenkirchen, Wickrath und Rheindahlen respektive Dahlen. Anschließend folgen die Kapitel Mönchengladbach in der Moderne über das heutige Mönchengladbacher Stadtgebiet in der Neuzeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und über Mönchengladbach nach 1945. Diese beiden Kapitel bieten eine Gesamtschau der Stadtgeschichte, auch wenn es das Mönchengladbach, das wir heute kennen, erst seit 1975 gibt.

Einführung

Kennzeichnend für das alte Gladbach war das Nebeneinander von Abtei, Stadt und Jülicher Vogt als herzogliche Amtsgewalt, von geistlicher und weltlicher Herrschaft. Rheydt war dagegen eine Unterherrschaft des Herzogtums Jülich, die von einer eigenen Dynastie regiert wurde. Odenkirchen gehörte als Amt zum Kurfürstentum Köln. Wickrath war eine reichsunmittelbare Herrschaft unter einer eigenen Dynastie, das heißt, es war nur dem Kaiser als dem Reichsoberhaupt untertan. Dahlen gehörte wie Gladbach und Rheydt zum Herzogtum Jülich, bildete jedoch ein Unteramt innerhalb des Amtes Brüggen.

Gero und Sandrad halten die Abtei

Eine erste Siedlung mit der Kirche eines Adligen auf eigenem Grund und Boden entstand vermutlich in karolingischer Zeit. 974 erfolgte die Gründung der dem Hl. Vitus gestifteten Abtei Gladbach durch Erzbischof Gero von Köln.

Neben dem Kloster entstand spätestens im 12. Jh. eine Marktsiedlung, deren Grundherr die Abtei St. Vitus war. Im Laufe des 13. Jh. erfolgte der Aufbau der Jülicher Landesherrschaft in Gladbach

Außer dem Abt, der für die ökonomische Leitung des Klosters zuständig war, gehörte sein Stellvertreter, der Prior, als Oberhaupt des Konvents zur Führungsspitze der Abtei. Weitere Klosterämter waren das des Kellners, des Kämmerers und des Hospitalvorstehers.

Zwischen Stadt und Abtei Gladbach kam es seit dem 15. Jh. zu häufigen Auseinandersetzungen. Allmählich bildete sich ein mit der Abtei konkurrierendes Machtzentrum innerhalb der Stadtmauern heraus. Daher ließen die Äbte ab dem 16. Jh. sicherheitshalber die weltlichen Rechte von Abt und Konvent aufzeichnen. 

Schöffen von Gladbach erhalten Stadtrechtsurkunde

Ein Anzeichen für die Entwicklung zu einer Stadt waren die Schöffen, die sich ab 1183 nachweisen lassen. Diese waren sowohl dem Vogt als auch dem Abt verpflichtet. Ihre Aufgabe war es, unter einem Richter zu Gericht zu sitzen sowie Verwaltungsaufgaben zu übernehmen.

1300 wird die Marktsiedlung in Abgrenzung von anderen Orten desselben Namens Monich Gladebach genannt. Zwischen 1364 und 1366 erhielt Gladbach das Stadtrecht, besaß zu dieser Zeit allerdings nur eine Umfriedung. Erst gegen Ende des 14. Jh. ist in einer Urkunde von einer steinernen Mauer die Rede. 1414 befreite die Stadt den Abt vom Unterhalt der Stadtmauern und trat auf diese Weise dem geistlichen Herrn als gleichberechtigter Partner gegenüber. Im Laufe des 15. Jh. werden Konturen einer Magistratsverfassung erkennbar. Bürgermeister sind erstmals für 1405 belegt, ein Stadtrat für 1466.

Bis zum Ende des 18. Jh. gehörte Gladbach zum Amt Grevenbroich des Herzogtums Jülich-Berg, das von einem Vogt geleitet wurde.

An der Spitze der Stadt standen sechs Bürgermeister, die zusammen den Magistrat bildeten. Einer von ihnen war der regierende, der unter Vorsitz von Schultheiß und Vogt ernannt wurde. 1772 versuchte die kurfürstliche Verwaltung in absolutistischer Manier, die vier nicht regierenden Bürgermeister abzuschaffen, auf einen Einspruch der Bürgerschaft hin blieb aber das sechsköpfige Bürgermeisterkollegium erhalten. Selbstergänzung und einjährige Wahlperiode des regierenden Bürgermeisters fielen allerdings weg. Damit war die ohnehin eingeschränkte Mitbestimmung der Bürger beseitigt.

Gladbach war von der Einwohnerzahl her gesehen keine bedeutende Stadt - bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatte sie knapp 1200 Einwohner.

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Wirtschaftliche Grundlage der Abtei Gladbach war der ihr nach der Grundherrschaft zustehende Zehnt. Das Kloster verfügte über ausgedehnten, weit verstreuten Landbesitz, zu dem noch gewerbliche Anlagen wie Mühlen, vor allem Wassermühlen, hinzukamen. Gewinn zog die Abtei darüber hinaus aus dem Grutrecht, dem Verkauf des Grutbieres. Eine weitere Einnahmequelle bildeten Gerichtsgefälle, die anfallenden Strafgelder und Bußen sowie Stiftungen und Schenkungen. Ende des 14. Jh. ist erstmals der Flachsanbau bezeugt. Ökonomische Bedeutung kam vor allem den zahlreichen Mühlen zu. Der Erhöhung der städtischen Einnahmen diente die von Herzog Wilhelm IV. 1488 erlassene Akziseordnung, die u.a. Abgaben auf den Verkauf von Bier, Flachs, Leder, Waid und Fisch vorsah. Roggen und Hafer waren die vom 13.-18. Jh. am häufigsten angebauten Getreidearten, seit dem 15. Jh. kam Weizen hinzu.

Die Gewerbetreibenden standen zunächst in Abhängigkeit von der Abtei. Genannt werden im 12. Jh. Schuster und Schmied, im 13./14. Jh. Zimmermann, Bader, Bäcker, Brauer, Schneider, Müller und Gerber. Die Handwerker waren zum Teil bis in die französische Zeit in Zünften organisiert, von denen es in Gladbach vier gab, die Schuster (1494), Schmiede und Schreiner (1518), Krämer (vor 1573) und Weber, Tuchscherer und Gewandschneider (1605). Die Zunftgenossen schlossen sich daneben zu Bruderschaften zusammen, die für die Ausstattung eines Altars und den Unterhalt des Vikars zu sorgen hatten. Einige wenige Kaufleute unterhielten lange vor der Industrialisierung überregionale Handelskontakte, so die im Leinenhandel tätige Familie Kauertz, die um 1730 in Verbindung mit einem Amsterdamer Handelshaus stand und seit mindestens 1757 die Frankfurter Messe beschickte. Begehrt waren die sogenannten „holländischen Tuche“ in ganz Europa, die in Gladbach hergestellt und in Holland nur gebleicht wurden. In den 1740er Jahren beschäftigte der Elberfelder Kaufmann Ullenberg in Gladbach mehrere hundert Baumwollweber und -spinner in Heimarbeit. Die vier jährlichen städtischen Märkte waren weitberühmt und wurden in den alten Lexika immer wieder erwähnt.

Abt Ägidius von Bocholtz

Das religiöse Leben in Gladbach wurde über Jahrhunderte von der Abtei bestimmt. Um die eingerissenen Missstände im bis dahin rein adeligen Kloster zu beheben, trat die Abtei 1511 unter Abt Ägidius von Bocholtz (Amtszeit 1505-1538) der Reformbewegung von Bursfeld bei und kehrte zur strengen benediktinischen Regel zurück. Wie eng im 16./17. Jh. Politik und Religion miteinander verflochten waren erweist der Streit um das Laurentiushaupt. Die Gladbacher Äbte beanspruchten die Reliquie für sich und wiesen die Ansprüche der spanischen Könige Philipp II. und Philipp III. zurück.

Die Reformation drang in Gladbach nicht durch, die Stadt blieb überwiegend katholisch. Es gab nur vereinzelt Übertritte zum reformierten Bekenntnis. Erfolgreicher als Lutheraner und Reformierte waren die Wiedertäufer oder Mennoniten, die einen gewissen Wohlstand im Handel mit Leinwand, Garn oder Seide erwarben oder als Handwerker wie Gerber oder Kürschner tätig waren. Sie wurden 1654 aus der Stadt vertrieben. Nach einer Phase der Unterdrückung durften die Gladbacher Reformierten im Anschluss an den Religionsvergleich zwischen Brandenburg und Pfalz-Neuburg von 1672 eine Kirche errichten, die 1684 fertiggestellt wurde. Die Benachteiligung der christlichen religiösen Minderheiten endete allerdings erst mit der Franzosenzeit.

Die in Gladbach ansässigen Juden wurden bei dem Pogrom von 1348/49 ermordet oder vertrieben. Erst in den 1620er Jahren sind wieder Juden in der Stadt nachweisbar. Gegen Ende des 18. Jhs. unterhielt die kleine jüdische Gemeinde ein Gebetshaus. Juden wurden ebenso wie manche Berufsgruppen, Aussätzige oder Hexen von der Mehrheitsgesellschaft stigmatisiert.

Münster mit Barockhaube um 1885

Kulturell dominierte in Gladbach bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1802 eindeutig die Abtei. Bis heute gehört das Münster zu den bemerkenswertesten Bauwerken der Stadt, dessen Errichtung sich von der Gründung der Abtei bis zur Weihe des Hochaltars durch Bischof Albertus Magnus 1275 erstreckte. Unter Abt Servatius van den Berg (Amtszeit 1725-1750) erhielt der Münsterturm eine Barockhaube. Im Kircheninneren befanden sich im 16. Jh. nicht weniger als 26 Altäre. Zu den Kostbarkeiten gehörten Goldschmiedearbeiten, Glasmalereien und die Glocken. Die Abtei besaß eine überaus reichhaltige Bibliothek mit alten Handschriften, die im 18. Jh. benediktinische Gelehrte wie Edmond Martène und Ursin Durand aus Paris anlockte.

Unter den Äbten ist besonders Petrus Knor (Amtszeit 1703-1725) als Geschichtsschreiber zu nennen. Die schmale bürgerliche Schicht aus Gladbacher Kaufleuten, Theologen, Pädagogen, Juristen, Ärzten und Apothekern trat dagegen kulturell bis ins 19. Jh. hinein kaum in Erscheinung.  

Wappen der Familien Bylandt und Ingelheim

Die erste Erwähnung Rheydts fällt in die ausgehende Ottonenzeit. Die Pfarrei Rheydt, parochiam Reithe, war Teil eines Tauschgeschäfts der Bistümer Lüttich und Köln, das um 990 abgewickelt worden ist. Ursprünglich scheint sich Rheydt im Besitz der Abtei Gladbach befunden zu haben. Um 1080 verkauften die Herren von Rheydt ihre Burg an den Erzbischof von Köln. 1304 nahm die Familie Heppendorf Rheydt von Graf Wilhelm von Jülich zu Lehen, womit der Ort dem Jülicher Territorium einverleibt wurde. Unter den Nachfolgern der Heppendorfs, den Arenthals, nahm das Raubritterwesen überhand, was 1464 die Zerstörung des Schlosses durch ein Lütticher Aufgebot zur Folge hatte. 1500 kamen Schloss und Herrlichkeit Rheydt an die aus dem Klevischen stammende Familie Bylandt.

Der bedeutendste unter den Herrschern der Familie Bylandt war der 1552 mit Rheydt belehnte Otto von Bylandt, der in seiner Herrschaft ein hartes Regiment führte und auch vor Gewalttaten nicht zurückschreckte. Seine Versuche, die Unterherrschaft Rheydt zu einer reichsunmittelbaren Herrschaft auszubauen, scheiterten jedoch vor dem Reichskammergericht. Nach dem Tod seines Sohnes erhoben gleich drei Bewerber aus verschiedenen Familien Ansprüche auf die Herrschaft. Tatsächlich befand sich Rheydt 1637-1701 im Besitz der Linie Bylandt-Spaldorf. Schließlich sprach das Reichskammergericht nach einer langen Zeit der Streitigkeiten 1701 der Familie Bylandt-Schwarzenberg die Herrschaft Rheydt zu, die sie bis zur Besetzung durch die Franzosen 1794 behalten sollte.

Honschaften 1804

Als Dorf verfügte Rheydt lediglich über einen Schutzwall, der stellenweise mit der Gladbacher Landwehr zusammenstieß. Innerhalb des Rheydter Bezirkes zählte man gegen Ende des 16. Jhs. sechs Honschaften, darunter das Dorf Rheydt. Die Angelegenheiten der Gemeinde besorgten die Gerichtsschöffen im Verein mit den Vorstehern der Honschaften. Die Steuern wurden durch die Schöffen, seit 1706 durch einen Vogt eingenommen.

Um 1580 dürften etwa 140 Familien in der Herrschaft Rheydt gelebt haben.

Mäher und Binder bei der Arbeit

Das Leben in Rheydt war über Jahrhunderte hinweg bis weit in die Neuzeit hinein stark von der Landwirtschaft geprägt. Als Halbfreie, sogenannte Laten, standen viele Bauern in Abhängigkeit von ihrem Grundherrn. Angebaut wurden zunächst vorwiegend Getreidearten wie Roggen und Hafer, Flachs wird dagegen erst im 16. Jh. in den Quellen erwähnt.

Etwa seit dieser Zeit sind Wollweber in Rheydt nachweisbar. Um die Mitte des 18. Jhs. gelang es einzelnen Familien, erste bescheidene Ansätze eines Manufakturwesens aufzubauen. Cornelius Lenssen gründete vor 1765 eine Leinenmanufaktur (Lackenfabrique). Auch in anderen Gewerben kam es zur Gründung von Manufakturen. Um 1756 errichtete die Familie Wienandts am Rheydter Bach eine kleine Gerberei und Leimsiederei. Damit waren die Grundlagen für einen weiteren Ausbau des Manufakturwesens während der Zeit der französischen Herrschaft gelegt.

Pfarrkirche Johannes Nepomuk

Als erste Rheydter Pfarrkirche diente wahrscheinlich die Kapelle des Salhofes, des herrschaftlichen Gutshofes. Um 1200 wurde eine neue Pfarrkirche errichtet. Sie war dem Hl. Alexander geweiht und wurde 1326 vollendet. Aus einer Klause heraus entstand 1434 auf Betreiben der Klosterfrau Adelheid van Kempen ein Schwesternkonvent, das Tertiarierinnenkloster St. Alexandri. Es wurde 1802 aufgehoben.

Im Laufe des 16. Jhs. wurde Rheydt, von Otto von Bylandt geduldet, zu einem Sammelbecken für Calvinisten und Mennoniten. Seit 1602 war die ehemals katholische Pfarrkirche im Besitz der Reformierten, denen mittlerweile die Mehrzahl der Bewohner anhing. Die Streitigkeiten mit den Katholiken verschärften sich noch, als im Jahre 1701 die katholische Dynastie Bylandt-Schwarzenberg die Unterherrschaft Rheydt zugesprochen bekam. In den 1720er Jahren verschärften sich die Auseinandersetzungen mit der Herrschaft  um die Besetzung der Pfarrstelle im sogenannten „Rheydter Predigerstreit“, der 1731 durch einen Vergleich beigelegt werden konnte.

Die Reformierten fanden Unterstützung bei Brandenburg-Preußen und den Niederlanden. Die Auswirkungen der Konfessionsgegensätze bekamen vor allem die Minderheiten auf dem Rheydter Territorium zu spüren. Die kurfürstliche Regierung ging 1694 gegen die Rheydter Mennoniten vor, von denen die meisten vertrieben wurden. Die wenigen Juden mussten im 18. Jh. der Herrschaft Schutzgeld zahlen.  

Schloss Rheydt um 1576

Die imposanteste kulturelle Leistung auf Rheydter Territorium bis gegen Ende des 18. Jhs. war der unter der Herrschaft Otto von Bylandts erfolgte Umbau von Schloss Rheydt zu einem repräsentativen Bau im Stil der italienischen Renaissance. Otto hatte den Jülicher Baumeister Maximilian Pasqualini damit beauftragt.

Obwohl Rheydt nur ein Dorf war, fanden einige wenige Gelehrte hier ihr Zuhause, so die reformierte Familie Pitten. Während der aus Heinsberg stammende Johannes Pitten der Ältere lange Jahre als Pfarrer in Rheydt wirkte, studierte sein Sohn, der in Rheydt geborene Johannes Pitten der Jüngere, Theologie in Leiden und trat auch als Philosoph hervor.

Burg Odenkirchen um 1680

Als erster Ortsteil Odenkirchens wird Mülfort 946 als Molinuort in einer Quelle erwähnt. Die Burg Odenkirchen, das castellum Uodenkirchen, bestand vor 1153. Nach dem Aussterben des ersten Grafenhauses Mitte des 12. Jhs. ging die Burg in den Besitz des Kölner Erzbischofs über. Dieser übertrug Odenkirchen an eine adelige Familie mit dem Leitnamen Rabodo, die bis 1391 die Burggrafen stellte. Vom 14. bis zum 17. Jh. herrschten Angehörige der Familien Hoemen, Vlodorp und Botzelaer. Odenkirchen blieb Teil des Kurfürstentums Köln, im Laufe des 16. Jh. bürgerte sich die Bezeichnung Unterherrschaft ein. Nach dem Tode Franz Hattards von Botzelaer 1636 wurde Odenkirchen für fast ein Jahrhundert lang zum Streitobjekt mehrerer Familien, woran die Belehnung des Generals Jan von Werth 1643 nichts änderte. Ende des 17. Jh. entschied das Reichskammergericht zugunsten der Familie Merode-Westerloo, doch waren die juristischen Auseinandersetzungen durchaus nicht beendet.

Ein Brand zerstörte 1701 Ort und Burg. 1745 kaufte Kurfürst Clemens August von Köln die Unterherrschaft. Fortan war Odenkirchen bis 1794 ein kurkölnisches Amt, das von einem Vogt verwaltet wurde.

Zu Odenkirchen gehörten von alters her die Honschaften Mülfort, Güdderath, Hockstein und Sasserath. 1745 zählte man in der Herrschaft etwa 500 Häuser.

Burgmühle Odenkirchen

Große wirtschaftliche Bedeutung bis in die Neuzeit hinein kam den Odenkirchener Mühlen zu, insbesondere der seit 1373 in den Quellen belegten Burgmühle an der Niers, der Pixmühle, Steinsmühle, Güdderather Mühle und Beller Mühle. Zwar wurden in Odenkirchen spätestens im 16. Jh. Jahrmärkte abgehalten, doch entwickelte sich der Flecken nicht zu einer Stadt. Dass im 17. Jh. nicht mehr nur reine Naturalwirtschaft herrschte, erweist die Münzordnung des Florens Hattard von Botzelaer aus dem Jahr 1615. Im 16. Jh. lassen sich Berufe wie Schuster, Schneider, Schmied, Schreiner und Gerber nachweisen. Der innere Ausbau der Verwaltung machte Berufe wie Bote, Rentmeister, Kellner oder Vogt erforderlich. Von entscheidender Bedeutung für die spätere Industrialisierung wurde der Anbau von Flachs, aus dem Leinen gewonnen wurde. Der kurkölnische Hofkammerrat, Vogt und Kellner zu Odenkirchen Klemens August Bernhard von Bouget gründete 1776 die erste Samt-und Seidenfabrik, die nach seinem Tode seine Witwe Anna Katharina Bouget weiterführte.

Odenkirchen 1804

Die Odenkirchener Pfarrkirche wird 1243 erstmals erwähnt, war aber vermutlich erheblich älter. Seit der frühen Neuzeit stand sie unter dem Patrozinium des Hl. Laurentius. In den 1530er Jahren lassen sich erstmals Einflüsse der Reformation in Odenkirchen nachweisen. Protestantische Bestrebungen wurden durch die Haltung von Burggrafen aus den Häusern Vlodorp und Botzelaer begünstigt. 1627 ließ der Kölner Erzbischof die Odenkirchener Pfarrkirche besetzen und den katholischen Gottesdienst wieder einführen. Zwar vergaben die Kölner Erzbischöfe in der Folgezeit das Odenkirchener Lehen nur noch an katholische Herren wie Jan von Werth oder die Familien Raitz von Frentz und Merode-Westerloo. Doch da die Reformierten den Katholiken noch im 18. Jahrhundert zahlenmäßig überlegen waren, setzten sich die Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts fort. Nach den Niederlanden wurde Preußen mehr und mehr zu einer Schutzmacht für die Odenkirchener Protestanten. Schließlich kam es 1755 zu einem Vergleich, der die Trennung der reformierten von der katholischen Gemeinde vorsah und den reformierten Schulunterricht gestattete. Der Maastrichter Architekt François Soiron entwarf um diese Zeit die Pläne zu einem Neubau der reformierten Kirche.             

Schloss Wickrath um 1773

Der Ort Wickrath wird 1060 erstmals erwähnt, die Burg Wichinrod 1104. Grundherren waren zunächst die Herren von Wickrath, seit dem späten 12. Jahrhundert die Are-Hochstaden. Außer dem Ort Wickrath gehörten Wickrathberg, Beckrath, Herrath, Wickrathhahn, Hockstein, Mennrath, Wetschewell und Teile von Buchholz zur Herrschaft. Während des Burgundischen Krieges erhielt 1488 Heinrich von Hompesch Schloss und Herrschaft Wickrath von Kaiser Friedrich III. zu Lehen. Da die geldrische Lehnshoheit in dieser Urkunde aufgehoben wurde, wurde Wickrath zu einem Reichslehen und somit zu einer reichsunmittelbaren Herrschaft. Gleichzeitig verlieh der Kaiser dem Flecken Wickrath Stadt- und Marktrecht. Nach dem Tod Heinrichs von Hompesch erbte die Familie Quadt 1502  Wickrath, bei der die Herrschaft bis zur französischen Besetzung 1794 verbleiben sollte. Einen Prestigeerfolg stellte 1752 die Standeserhöhung von Wilhelm Otto Friedrich von Quadt dar, der den Titel Reichsgraf erhielt. Innerhalb der Herrschaft bzw. Grafschaft kam es dagegen bereits seit dem Ende des 17. Jahrhunderts zu Spannungen zwischen Herrschaft und Untertanen, die im 18. Jahrhundert juristisch vor dem Reichshofrat ausgetragen wurden. Vor allem die für den Schlossbau ab 1746 vorgesehenen Hand- und Spanndienste stießen bei den Wickrathern auf Widerstand, der jedoch 1760 durch Truppen des westfälischen Reichskreises gebrochen wurde.

Trotz der Verleihung des Stadt- und Marktrechts entwickelte sich Wickrath in der frühen Neuzeit nicht zu einer Stadt. Die Herrschaft wurde vom Amtmann oder anderen, vom Landesherrn ernannten Bediensteten ausgeübt. Die Mitwirkungsrechte der Bewohner beschränkten sich lange Zeit auf die Stellung von sieben Schöffen, die unter dem Amtmann als vorsitzendem Richter zu Gericht saßen. Die seit dem 17. Jahrhundert erwähnten Bürgermeister ernannte der Landesherr.  

Marktplatz

Jahrhundertelang wurde das Leben in Wickrath von der Landwirtschaft bestimmt, wobei viele der Bauern auf Nebeneinkünfte als Handwerker oder später als Weber angewiesen waren. Neben dem Landesherrn gehörten die Pfarrkirche und das Kreuzherrenkloster zu den Zehntherren, denen die Bauern einen Teil der Ernte abliefern mussten. Seit dem 17. Jahrhundert lassen sich Flachsanbau und Weberei quellenmäßig belegen. Eine gewisse Vielfalt an Berufen ist für das 18. Jh. nachweisbar. Außer Webern und Wollwebern werden Gerber, Bleichfärber, Uhrmacher, Chirurgen und Apotheker erwähnt. 1724 siedelte der Landesherr Wollweber in der sogenannten Neustadt, der heutigen Quadtstraße, an. Der Wickrather Markt besaß nur lokale Bedeutung, die Kaufmannschaft spielte bis in das 19. Jahrhundert hinein kaum eine Rolle. Ein Wickrather Kaufmann aber machte von sich reden: Weil er von seinen Fahrten in die niederländische Kapkolonie als Erster das Fell einer Kuduantilope nach Europa mitbrachte, wurde Peter Nellen 1766 von der kurfürstlichen Akademie der Wissenschaften zu Mannheim belobigt.

Kreuzherrenkloster

Der älteste nachweisbare Kirchenbau Wickraths stammt aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts. In Wickrathberg wurde im 11. Jahrhundert eine Saalkirche errichtet. Ab 1418 ist in Wickrath die Bruderschaft des Heiligen Sebastian belegt. Ein entscheidendes Datum für das religiöse Leben im Ort stellt die Gründung des Kreuzherrenklosters dar, das 1491 vom Landesherrn Heinrich von Hompesch und seiner Frau Sophia von Burtscheid gestiftet wurde. Von 1492 bis zu seiner Aufhebung 1802 standen dem Kloster insgesamt 26 Prioren vor.

Nach dem Aufkommen der Reformation waren die kirchlichen Verhältnisse in der Herrschaft gemischt, wobei die Zahl der Reformierten in Wickrathberg und Beckrath, die der Katholiken in Wickrathhahn überwog. Die reformierte Wickrathberger Kirche wurde ab 1569 zur Herrschaftskirche der Herren und späteren Grafen von Wickrath. Das anfänglich duldsame Verhältnis unter den Konfessionen verschlechterte sich seit der Mitte des 17. Jhs., wobei vor allem Konfessionsübertritte ein Ärgernis darstellten. Der Streit zwischen dem reformierten Landesherrn und dem Kreuzherrenkloster verschärfte sich in den 1740er Jahren. Bis zum Ende der Herrschaft der Quadts schwelte der Religionskonflikt weiter.

 

 

 

Schloss Wickrath 1856

Ein Zentrum der Bildung war seit dem Ende des 15. Jh. das Kreuzherrenkloster. Unter den Rektoren der Klosterschule ist insbesondere Johannes Buchler zu nennen, ein humanistischer Gelehrter, der unter anderem Poetik-Lehrbücher verfasste. Er war einer der am häufigsten zitierten Autoren seiner Zeit und wirkte weit über die Landesgrenzen hinaus.

Das 1772 nach Plänen der Gebrüder Soiron vollendete Barockschloss mit englischem Garten wurde wegen angeblicher Baufälligkeit 1859 abgerissen.     

Rheindahlen 1804

Die Anfänge Rheindahlens oder - wie der Ort bis weit in das 19. Jh. hieß - Dahlens lassen sich bis in die Karolingerzeit zurückverfolgen. In einer Urkunde aus dem Jahr 867 wird der Ort Dalon erwähnt. Im 12. Jh. besaß das Kölner Stift St. Maria im Kapitol eine Reihe von Höfen in Dalin und den benachbarten Siedlungen. Daneben gab es weitere Grundherren wie das Kölner Domkapitel oder die Herren von Wickrath, von denen einige Hofgerichte unterhielten. Die landesherrliche Gerichtshoheit teilten sich mehrere Herren, ab dem 14. Jh. lag sie aber zu drei Vierteln beim Markgrafen bzw. Herzog von Jülich.

Markgraf Wilhelm von Jülich erhob Dahlen 1354 zur Stadt. In der Stadtrechtsurkunde werden bereits Bürgermeister genannt, Schöffen lassen sich seit 1339 nachweisen. Eine Befestigung erhielt die im nördlichen Teil des Jülicher Territoriums gelegene Stadt in der zweiten Hälfte des 14. Jh. Verwaltungsrechtlich gesehen gehörte Dahlen jahrhundertelang als Unteramt zum Amt Brüggen. Der Brüggener Vogt oder Amtmann überwachte auf dem sogenannten „Herrengeding“ die Gemeindeangelegenheiten. Ein  gewählter Bürgermeister und ein Magistrat, der aus sieben Schöffen und sechs Geschworenen bestand, vertraten die Bürgerschaft.

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges verheerte 1647 eine Brandkatastrophe die Stadt, ein Ereignis, das bis heute im Bewusstsein der Bevölkerung lebendig geblieben ist. In der frühen Neuzeit zählten Stadt und Kirchspiel Dahlen trotz der zahlreichen kriegsbedingten Belastungen, angefangen vom französisch-holländischen Krieg in den 1670er Jahren bis hin zum Siebenjährigen Krieg, durchgehend etwa 2000-2500 Einwohner.

Kartoffelernte

Landwirtschaft und Viehzucht prägten die Lebensverhältnisse in Dahlen bis in die Neuzeit. Viele Bauern waren im Nebenerwerb als Handwerker tätig. Mühlen sind seit dem 13. Jh. nachweisbar, Flachs wurde zu Leinen verarbeitet, und Ende des 16. Jh. richtete man einen Wollenmarkt in der Stadt ein. Mennoniten brachten für kurze Zeit bis dahin nicht bekannte Gewerbe wie die Blaufärberei nach Dahlen. Zwar gab es zeitweilig eine Bäckerzunft, doch blieb das Zunftwesen unbedeutend.

Kirche St. Helena

Die Pfarre St. Helena gehörte im Mittelalter der Diözese Lüttich an und wurde 1330 dem Stift St. Maria im Kapitol in Köln einverleibt. Eine Dahlener Kirche ist seit der zweiten Hälfte des 13. Jh. bezeugt. Die Dahlener Pfarrer waren in der Regel Franziskanertertiaren aus dem Nikolauskloster bei Schloss Dyck. 1433 wird das Tertiarinnenkloster zur Heiligen Katharina erstmals erwähnt, in dem ein Jahrhundert später 40 Schwestern lebten, deren Zahl aber im 18. Jh. stark zurückging. Die Stärke des Dahlener Katholizismus kommt in Persönlichkeiten wie Peter Sybenius, dem späteren Gladbacher Abt, oder dem Jesuiten Jacob Masen zum Ausdruck.  

Über die Zeiten hinweg gab es in Dahlen allerdings auch religiöse Minderheiten, etwa Mennoniten und Juden. Die im 16. Jh. gegründete lutherische Gemeinde hatte keinen dauerhaften Bestand.

Einführung

Mit der Besetzung durch französische Truppen endete 1794 am linken Niederrhein das Zeitalter der feudalen Gewalten, der Kurfürsten, Grafen, Herren und Äbte. In der bürgerlichen Epoche wurden Gladbach und Rheydt im Laufe weniger Jahrzehnte zu Städten mit entsprechenden kommunalen Strukturen, außerdem kam es ab etwa Mitte des 19. Jh. zu einer Industrialisierung ungeahnten Ausmaßes. Von etwa 1880 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs erreichten industrielles Wachstum und der dadurch ermöglichte Wohlstand, der Ausbau der Verwaltung, das dichter werdende Verkehrsnetz und der Aufschwung der Kultur einen Höhepunkt. Zugleich wuchsen die sozialen Konflikte an, da nicht alle Einwohner vom Fortschritt in gleicher Weise profitierten. Am Ende der Epoche standen der Krieg von 1914-1918, Inflation, Besatzung, Weltwirtschaftskrise, Diktatur und ein weiterer Krieg 1939-1945 mit verheerenden Folgen. Alle diese Entwicklungen betrafen die heute die Stadt Mönchengladbach bildenden Orte gleichermaßen. Daher werden sie alle in einem Kapitel zusammengefasst.  

Französische Truppen erreichen den Niederrhein

Nach der Eroberung linksrheinischer Territorien durch französische Truppen erfolgte mit der Schaffung des Roerdepartements eine neue Verwaltungseinteilung. Die Mairie (Bürgermeisterei) Gladbach wurde von 1798-1814 dem Kanton Neersen im Arrondissement (Verwaltungsbezirk) Krefeld zugeschlagen. Zum Kanton Odenkirchen gehörten Rheydt, Giesenkirchen, Schelsen, Horst, Rheindahlen und Wickrath. Wanlo bildete eine eigene Mairie. Die neu eingerichtete Verwaltung orientierte sich an der französischen Verfassung, das Gerichtswesen wurde neu geordnet, französische Gesetze (Code Napoléon) eingeführt. Der Kirchenbesitz wurde verstaatlicht, die Abtei Gladbach 1802 aufgelöst, ehemaliges Kloster- oder Kirchengut versteigert. Der Adel verlor seine Herrschaftsrechte. Damit endete in Gladbach und Umgebung das Zeitalter des Feudalismus.

Amtskette Mönchengladbacher Oberbürgermeister

Das Rheinland kam 1815 an Preußen. Seit 1816 war Gladbach Verwaltungsmittelpunkt und Sitz des Kreises Gladbach im Regierungsbezirk Düsseldorf. Rheydt, Dahlen und Odenkirchen bildeten Bürgermeistereien im Kreis Gladbach, Wickrath und Wanlo wurden Gemeinden im Landkreis Grevenbroich.

1856 bekamen Rheydt, Odenkirchen und Dahlen die Rheinische Städteordnung verliehen, Gladbach dagegen erst 1859. In der Amtszeit von Bürgermeister Johann Josef Rottländer (1852-1871) kam es zu einem Ausbau der Verwaltung und zum Entwurf des ersten Stadtbauplans von 1863. Unter Oberbürgermeister Hermann Piecq (Amtszeit 1900-1920) wurde die seit 1880 bestehende städtische Leistungsverwaltung ausgebaut (Versorgung mit Wasser, Gas usw.). In Rheydt begann eine neue Ära mit dem ersten hauptamtlichen Bürgermeister Johann David Büschgens (Amtszeit 1823-1857), der die Verwaltung neu organisierte. Für Odenkirchen bedeutete die Amtszeit von Wilhelm Duven (Amtszeit 1862-1895) den Beginn einer modernen Stadtverwaltung.

Einen Einschnitt in der städtischen Entwicklung stellten nach dem Ersten Weltkrieg die Jahre der belgischen Besatzung 1919-1926 dar, in denen es zu einem Anwachsen separatistischer Bestrebungen kam. In den 1920er Jahren kam es jedoch auch zu einer Erweiterung des Mönchengladbacher Stadtgebietes durch kommunale Gebietsreformen. 1921 wurden Rheindahlen und Neuwerk nach Gladbach, das seit 1888 offiziell München-Gladbach hieß, eingemeindet. 1929 wurde durch Zusammenlegung von Mönchengladbach und Rheydt die Stadtgemeinde Gladbach-Rheydt geschaffen, in die die Stadtgemeinde Odenkirchen sowie die Landgemeinden Giesenkirchen, Schelsen und Hardt eingegliedert wurden. Allerdings führten die Nationalsozialisten auf Betreiben des aus Rheydt stammenden Propagandaministers Joseph Goebbels 1933 wieder die Trennung von Gladbach und Rheydt durch.  

Kunstschmiede Franz Köster 1944

Die stärkste politische Kraft war in Mönchengladbach über viele Jahre hinweg das Zentrum. War die NSDAP bis 1930 bedeutungslos geblieben, so erreichte sie bei den Stadtratswahlen von 1933 eine relative Mehrheit der Stimmen, in Rheydt die absolute Mehrheit. Die nationalsozialistische Herrschaft führte zum Verbot von Parteien wie Zentrum, SPD und KPD, außerdem wurde der Volksverein für das katholische Deutschland aufgelöst, der seit seiner Gründung durch den Unternehmer Franz Brandts und den Geistlichen Franz Hitze 1890 für soziale Reformen eingetreten war. Von Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft an geriet die jüdische Minderheit unter Druck, die bis 1938 schrittweise aus dem Wirtschaftsleben gedrängt wurde. Im November 1938 zerstörten Nationalsozialisten und ihre Anhänger die Synagogen in Mönchengladbach, Rheydt, Odenkirchen und Wickrathberg. Ab Herbst 1941 erfolgten Deportationen von Juden vom Mönchengladbacher Hauptbahnhof aus in den Osten, wo die meisten ermordet wurden.

In der Endphase des Zweiten Weltkriegs wurden durch die schweren Bombenangriffe der Alliierten, bei denen in Gladbach und Rheydt insgesamt mehr als 2000 Menschen ums Leben kamen, die Lebensgrundlagen zerstört.

Preußische Höhere Fachschule für Textilindustrie Webschulstraße

Die Leinenindustrie, die bereits gegen Ende des 18. Jh. aufgekommen war, erfuhr im Roerdepartement nicht zuletzt durch die Qualität der Erzeugnisse einen bedeutenden Aufschwung. 1808 wies Rheydt 16 Baumwollwebereien (Peuchen, Bresges, Dilthey, Preyer u.a.) auf, Gladbach sechs (Schlickum & Bölling u.a.). Allmählich ging die Gladbacher und Rheydter Textilindustrie zu einer mechanischen Produktionsweise über. In den 1830er Jahren trat an die Stelle der Siamosenweberei die Herstellung bedruckter baumwollener Rock- und Hosenstoffe. Zunehmende Bedeutung kam auch der Samt- und Seidenindustrie zu. In den 1850er Jahren dehnte sich in Kreis und Stadt Gladbach die Baumwollspinnerei aus. Ein entscheidendes Datum stellt 1855 die Gründung der Gladbacher Aktienspinnerei und Weberei dar, die mit 15.000 Spindeln eröffnete. Eine Folge des amerikanischen Bürgerkrieges 1861-1865 und des durch ihn hervorgerufenen Baumwollmangels war der Übergang zur Feinspinnerei. Die Gladbacher Bekleidungsindustrie verlegte sich vorwiegend auf die Produktion von Arbeits- und Berufskleidung. In den frühen 1870er Jahren erlebte die Textilbranche eine Hochkonjunktur, von der aber die Arbeiter kaum profitierten, so dass es 1871 zu einem ersten Streik mit 1.000 Arbeitern aus acht Webereien kam, der allerdings erfolglos blieb. Wie stark die Textilindustrie im Laufe des 19. Jahrhunderts angewachsen war, zeigt die Tatsache, dass es im Handelskammerbezirk Gladbach 1901 über 16.000 mechanische Webstühle gab. Der Name „Rheinisches Manchester“ hatte eine gewisse Berechtigung. 

Außer der Textilindustrie war die sich seit Mitte des 19. Jh. entwickelnde Maschinenindustrie recht bedeutend. Die Firma Klingelhöffer & Froriep in Rheydt stellte seit 1867 Werkzeug- und landwirtschaftliche Maschinen her. Rauhmaschinen wurden u.a. seit 1884 von der Firma A. Monforts produziert. Die Elektroindustrie erhielt 1881 mit der Gründung der Rheydter Firma Max Schorch einen kräftigen Schub. In Odenkirchen und Wickrath war die Lederindustrie stärker als anderswo vertreten. Zacharias Spier baute die 1860 in Wickrath übernommene Lohgerberei zu einer der größten Lederfabriken des Rheinlands aus, die 1889 Aktiengesellschaft wurde. Der Buchdruck war seit 1827 durch   Johann Vitus Bohmer vertreten, der mit dem Geschäfts- und Unterhaltungsblatt für Gladbach und Umgebung die erste Zeitung in der hiesigen Gegend herausgab.

Die sich spätestens um die Mitte des 19. Jh. in allen Gewerbezweigen entfaltende Industrialisierung lief mit einem Ausbau der Verkehrswege einher. Von größter Wichtigkeit war die Anbindung der Städte an das Eisenbahnverkehrsnetz. 1851 wurde die Bahnstrecke Gladbach-Viersen eröffnet, 1852 erhielt Rheydt einen Bahnhof, Wickrath 1853, Odenkirchen dagegen erst 1870 und Rheindahlen 1879. Ein neuer Großbahnhof in Mönchengladbach eröffnete 1908. Die gestiegene Bedeutung der Verkehrswege für die heimische Wirtschaft kam schon 1837 mit der Gründung der Gladbacher Handelskammer zum Ausdruck.

Die mitunter rasche Industrialisierung führte zu sozialen Spannungen, die in den Betrieben teilweise mit großer Härte ausgetragen wurden, so beim Streik in der Wickrather Lederfabrik 1907, bei dem es um die Zulassung einer Gewerkschaft ging. Die durch politische Instabilität und Inflation gekennzeichneten 1920er Jahre sahen viele wilde Streiks in der Gladbacher Textilindustrie. Besonders stark war hier der Christlich-Soziale Textilarbeiterverband für M.Gladbach und Umgebung vertreten, der sich 1896 gebildet hatte. Um 1920 waren die Mitgliederzahlen christlicher und sozialistischer Gewerkschaften mit jeweils 20.000 etwa gleich.

Der Stolz auf das „Rheinische Manchester“ traf auf das Bewusstsein, ein „soziales Gladbach“ schaffen zu wollen. Dies war die Devise der Denkfabrik des Volksvereins unter Führung von Franz Hitze, August Pieper, Johannes Giesberts und Carl Sonnenschein, die die Auswüchse der bestehenden Wirtschaftsordnung auf sozialreformerischem, nicht auf revolutionärem Weg korrigieren wollten. Die öffentliche Wahrnehmung verband in dieser Zeit Mönchengladbach häufig mit dem Volksverein. Am Ende der Herrschaft des Nationalsozialismus lag die Stadt in Trümmern, und der Volksverein war Geschichte.

Evangelische Bildungs- und Pflegeanstalt Hephata um 1920

Während der Zeit französischer Herrschaft versuchten Katholiken wie Cornelius Kirchrath, der letzte Prior der Abtei, das benediktinische Erbe möglichst unversehrt zu bewahren. Es gelang ihm, das Münster dadurch zu retten, dass es zum Anbau der Pfarrkirche (Annexkirche) erklärt wurde. Nach 1815 lebten alte Traditionen erneut auf. Der Gladbacher Pfarrer Alexander Halm ließ seit 1846 Wallfahrten wieder zu. Kennzeichnend für Pfarrer Joseph Remaclus Lelotte neben einem stärkeren sozialen Engagement war die konsequente Ausrichtung auf den Papst als Oberhaupt der katholischen Kirche, eine Haltung, die als „Ultramontanismus“ bezeichnet wird.

Die Größe der Gladbacher Pfarrei brachte es mit sich, dass in einzelnen Stadtteilen eigene Pfarrkirchen errichtet werden mussten. In Neuwerk war die ehemalige Klosterkirche bereits 1802 umgewidmet worden. 1853 wurden in Hehn Rektorat und Kirche fertiggestellt, 1861 bekam Lürrip, 1867 Venn und 1888 Eicken eine Pfarrkirche, die letzteren alle erbaut von Vincenz Statz.

Aus dem von Bismarck angestoßenen Kirchenkampf, der 1874 seinen Höhepunkt erreichte, gingen die katholischen Laien mit neuem Selbstbewusstsein hervor, einer Voraussetzung für die spätere Gründung des Volksvereins.

Unter der preußischen Herrschaft wurde die altpreußische Union von Lutheranern und Reformierten auf das Rheinland ausgedehnt, doch blieben die rheinischen Protestanten nach wie vor stark reformiert geprägt. Das soziale Engagement der Kirche trat hier vor allem bei der Gründung von Hephata durch den Unternehmer Quirin Croon und Pfarrer Herman Otto Zillessen hervor. In den Jahren 1845-1852 entstand die evangelische Christuskirche am Gladbacher Alten Markt. In Rheydt errichtete Kirchenbaumeister Johannes Otzen 1899-1902 die Evangelische Hauptkirche. Umstritten ist die Rolle von Pfarrer Ludwig Weber, der als Vorsitzender des Gesamtverbandes evangelischer Arbeitervereine tätig war, sich aber zumindest zeitweise mit dem Christsozialen und Antisemiten Adolf Stoecker einließ.                 

Das Verhältnis zwischen den beiden großen Konfessionen blieb während des 19. Jh. und darüber hinaus gespannt. Weder Katholiken noch Evangelische konnten sich trotz unangepassten Verhaltens in Einzelfällen in der NS-Diktatur dazu durchringen, offen für die von den Nationalsozialisten Verfolgten, insbesondere Juden, Partei zu ergreifen.

Die jüdische Minderheit wurde in der französischen Zeit von der Zahlung von Schutzgeldern befreit, eine dauerhafte völlige staatsbürgerliche Gleichstellung erfolgte aber erst 1869. In der ersten Hälfte des 19. Jh. verfügten die Gladbacher Juden über einen Betraum in einem Hinterhaus am Abteiberg. In den Jahren 1882/83 wurde eine Synagoge erbaut. Die Rheydter Juden erhielten 1876 eine Synagoge, die 1926 umgebaut und neu eingeweiht wurde. Seit 1911 verfügten die Odenkirchener Juden über ein neues Synagogengebäude. Noch vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges führte die auf Verdrängung und Vernichtung zielende nationalsozialistische Politik den Untergang der jüdischen Gemeinden herbei.

Konzert des Städtischen Orchesters um 1903

Die Neuzeit begann für Gladbach kulturell gesehen mit einem herben Verlust, wurde doch in der Zeit der französischen Herrschaft die kostbare Bibliothek der Abtei auseinandergerissen und zerstört. In der Folgezeit hatten es Wissenschaft und schöne Künste nicht leicht. Am ehesten gedieh noch der Gesang, insbesondere die Chormusik. Ab 1834 existierte an der Gladbacher Pfarre ein Chor, dessen Dirigent Heinrich Jordans im darauffolgenden Jahrzehnt eine Liedertafel und 1846 den Männergesangverein Liederkranz ins Leben rief. Jordans war es auch, der 1852 den später Caecilia genannten gemischten Chor gründete. 1854 wurde der aus Sachsen stammende Julius Lange zum Dirigenten bestellt. Spätestens nach der Jahrhundertmitte bildeten sich auch in anderen Orten Gesangvereine, so in Rheydt der Chorverein, in Odenkirchen, Wickrath, Holt und anderen Ortschaften Männergesangvereine. Für ein eigenes Orchester oder ein Theater reichten aber weder in Gladbach noch in Rheydt die finanziellen Mittel aus. Erst 1902 konnte sich Mönchengladbach ein städtisches Orchester leisten, dessen erster Musikdirektor Hans Gelbke war. Seit 1903 stand mit der Kaiser-Friedrich-Halle ein repräsentatives Gebäude für Musik- und Theateraufführungen zur Verfügung.

Die Pflege der Wissenschaften in der Stadt übernahm ab 1859 der Wissenschaftliche Verein, der nicht zuletzt über naturwissenschaftliche Entdeckungen informierte und zum Beispiel die Funktionsweise einer Dampfmaschine dem interessierten Publikum näherbrachte. 

Nach 1900 entstanden in Gladbach, Rheydt und Odenkirchen erste Museen. 1904 wurde der Museumsverein in Mönchengladbach aus der Taufe gehoben und dadurch das seit drei Jahren existierende Kunstmuseum auf eine sichere Basis gestellt. Der Kunsthistoriker Walter Kaesbach stiftete 1922 einen Teil seiner Sammlung expressionistischer Kunstwerke dem Städtischen Museum. Unter der NS-Herrschaft wurde die Sammlung Kaesbach als sogenannte „entartete Kunst“ beschlagnahmt. Teile des Bestandes konnten 1944 während des Luftkrieges evakuiert werden. Das Odenkirchener Kaiser-Wilhelm-Realgymnasium nahm 1914 ein Heimatmuseum auf. Das Rheydter Heimatmuseum, bis dahin an der Mühlenstraße ansässig, wurde 1922 in das Schloss Rheydt verlegt. 1904 erhielt Mönchengladbach eine Stadtbibliothek, die allerdings erst 1907 über eigene Räume verfügte.

Der namhafteste Gladbacher Schriftsteller war der wegen seiner Haltung zum Nationalsozialismus umstrittene Heinrich Lersch, der in einigen seiner Bücher, u.a. in Hammerschläge, das schwere Los der Arbeiter schilderte. Beliebt ist nach wie vor der Geneickener Mundartdichter Johannes Heck, der Leiter des Heimatmuseums Rheydt gewesen ist.

Bedeutsamer für Mönchengladbach waren weniger die schönen Künste als die angewandten Wissenschaften. Anziehungskraft über die Stadtgrenzen hinaus besaß die 1900 gegründete Preußische Höhere Fachschule für Textilindustrie, die von den Städten Mönchengladbach, Rheydt sowie anderen Gemeinden des Handelskammerbezirks und dem Staat Preußen getragen wurde.

Die populäre Kultur wies dagegen in eine völlig andere Richtung als die der Mittel- und Oberschicht. Neben den althergebrachten Vergnügen wie Tanz und Ball breitete sich der Karnevalsgedanke in der Stadt aus und führte 1860 zur Gründung der Karnevalsgesellschaft Gambrinus, der viele weitere folgen sollten. Selbstverständlicher Teil der Alltagskultur wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts die sportliche Betätigung, angefangen mit dem im Revolutionsjahr gegründeten Mönchengladbacher Turnverein 1848 e.V. bis hin zur Gründung eines ersten Fußballvereins 1894. Wer sich dem Schein der schönen Bilder hingeben wollte, konnte dies ab 1907 in den Central-Lichtspielen oder dem Theater lebender Photographien in Mönchengladbach und dem Palast-Theater in Rheydt tun.

Einführung

Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs brachten es mit sich, dass in Mönchengladbach und Rheydt die ersten Jahre nach dem Krieg ganz im Zeichen des Wiederaufbaus standen. In den 1970er Jahren griff die Politik dann das Projekt der Zusammenlegung der Städte Mönchengladbach und Rheydt wieder auf, das unter Einbeziehung Wickraths 1975 verwirklicht werden konnte. Die einstige wirtschaftliche Bedeutung als industrielles Zentrum hatte das heutige Stadtgebiet bereits seit den 1960er Jahren verloren. Die Krise der Textilindustrie mit den Folgen hoher Arbeitslosigkeit und geringer Steuereinnahmen sollte fortan die Lage der Stadt prägen, die Suche nach Gegenstrategien hält bis in die Gegenwart an. Kennzeichnend für die Jahre seit 1945 waren darüber hinaus viele gesellschaftliche Veränderungen innerhalb kurzer Zeit. Hier seien nur zwei genannt: Gegen Ende des 20. Jh. verloren die christlichen Religionen allmählich an Bindungskraft, eine Entwicklung, die auch in Mönchengladbach zu Umwidmungen von Kirchen führte. Seit den frühen 1960er Jahren wurde die Stadt nach und nach zur Heimat vieler Einwanderer aus unterschiedlichen Herkunftsländern, die kulturell in mancher Hinsicht Spuren hinterlassen haben. Da alle Lebensbereiche in der Zeit nach 1945 einem tiefgreifenden Wandel unterworfen waren, wird diese Epoche in einem eigenen Kapitel dargestellt.

JHQ Rheindahlen um 1958

Die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs für Mönchengladbach und Rheydt waren verheerend: in Mönchengladbach waren 42%, in Rheydt 32% aller Wohnungen zerstört. Den rasch erstellten Behelfswohnungen fehlte es an Strom, Gas und Wasser. Vor allem in den 1950er und frühen 1960er Jahren mussten gewaltige Anstrengungen unternommen werden, den auch durch Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen dringend benötigten Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Hatte 1912 der Kölner Schriftsteller Hermann Ritter lobend hervorgehoben, in beiden Städten finde sich keine amerikanische Bauweise, so verflüchtigten sich solche Überlegungen nach den beiden Weltkriegen. Mit Haus Westland oder dem Sonnenhaus in Mönchengladbach und der von Stadtplaner Alfons Leitl entworfenen Rheydter Innenstadt hielt in den 1950er Jahren endgültig die städtebauliche Moderne Einzug.

Die ersten Oberbürgermeister nach dem Krieg wurden 1945 von der britischen Besatzungsbehörde eingesetzt: in Mönchengladbach Wilhelm Elfes, in Rheydt Carl Marcus. Die Besatzungsbehörde war es auch, die 1946 die Kommunalverfassung nach britischem Vorbild einführte. Der vom Volk gewählte Stadtrat wählte einen ehrenamtlichen Oberbürgermeister als obersten Repräsentanten der Stadt, der Leiter der Stadtverwaltung war dagegen der hauptamtliche Oberstadtdirektor. Erst 1999 wurden die Ämter unter einem hauptamtlichen Oberbürgermeister vereinigt.

Die politische Vormachtstellung lag über Jahrzehnte hinweg bei der CDU, die in Rheydt zwischen 1948 und 1974 stärkste Partei im Stadtrat war. In Mönchengladbach erreichte die CDU bei allen 16 zwischen 1946 und 2014 abgehaltenen Stadtratswahlen die meisten Stimmen, doch konnte mit Norbert Bude 2004 erstmals ein SPD-Politiker Stadtoberhaupt werden.

In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg fielen wichtige Entscheidungen: Gestiegene Bedeutung erlangte die Stadt 1954 durch die Errichtung eines militärischen Stützpunktes in unmittelbarer Nähe, des JHQ Rheindahlen, der bis 2013 Bestand hatte. Die CDU-Ratsmehrheit entschied sich 1960 für den bis heute bestehenden Stadtnamen in der Schreibweise Mönchengladbach. Ein entscheidender Einschnitt folgte 15 Jahre später. Am 1. Januar 1975 wurden infolge der nordrhein-westfälischen Gebietsreform Mönchengladbach, Rheydt und Wickrath zur kreisfreien Stadt Mönchengladbach vereinigt. Entscheidend für die Durchsetzung war, dass die politischen Parteien gegen langandauernde Widerstände in Rheydt und Wickrath die Reform unterstützten. Die neue Großstadt hatte mehr als 261.000 Einwohner. Erster Oberbürgermeister der Gesamtstadt wurde Theodor Bolzenius (Amtszeit 1975-1984).

Die Kosten des Wiederaufbaus, von Wohnungs- und Straßenbau, führten bereits in den 1960er Jahren zu einer hohen Verschuldung Mönchengladbachs. Nach dem Wegfall der ortsansässigen Industrie und der weiter angestiegenen Verschuldung galt seit 2002 ein Nothaushalt: die Stadt musste u. a. Personal einsparen und Gebühren erhöhen.

Textilmaschinenfabrik Schlafhorst & Co. 1956

Die heimische Textilindustrie hatte im Zweiten Weltkrieg überdurchschnittlich große Maschinenschäden zu beklagen. Davon waren 77% aller Betriebe betroffen, der Zerstörungsgrad der Anlagen lag bei 54% und damit höher als in der Gesamtindustrie. Der Wiederaufbau der Industrie ging trotz der schlechten Ausgangslage im Allgemeinen rasch vonstatten. Es kam sogar zu Neuansiedlungen am hiesigen Standort. So ließ sich zum Beispiel die in Sachsen beheimatete Firma Trützschler & Co. 1948 in Rheydt-Odenkirchen nieder. Nach der Währungsreform erlebte die heimische Textil- und Maschinenindustrie einen wenige Jahre dauernden Aufschwung.

Es brauchte eine gewisse Zeit, bis man erkannte, dass es sich bei der zu Beginn der 1960er Jahre einsetzenden Krise der Textil- und Bekleidungsindustrie um eine Strukturkrise handelte. Eine Reihe von Betrieben wurde stillgelegt: Wienands, Casteel & Giesen (Bachstraße) stellte 1963 den Betrieb ein. Die Boetzelen Textilbetriebe (Künkelstraße), die 1962 etwa 400 Beschäftigte hatten, legten 1964 Weberei und Spinnerei still.  M. May & Cie. (Sophienstraße) verlagerte 1966 die Textilherstellung nach auswärts. Die Firma C. O. Langen (Lürriper Straße) war 1967 die letzte Gladbacher Baumwollspinnerei, die den Betrieb einstellte. Diese Entwicklung, die sich in den Folgejahren fortsetzte, wirkte sich entsprechend negativ auf den Arbeitsmarkt aus, als auch andere Industrien in Schwierigkeiten gerieten. Das Jahr 1985 wurde in der Presse als Pleitenrekordjahr bezeichnet. 1984 kletterte die Arbeitslosenquote auf 12%, dieser Wert wurde nochmals 1996 erreicht, als 15.000 Menschen in der Stadt ohne Arbeit waren. Von 2001 bis Ende 2016 bewegte sich die Arbeitslosenquote durchgehend im zweistelligen Bereich. Dennoch gehörten Textil- und Bekleidungsindustrie neben Maschinenbau und Elektrotechnik noch in den 1970er Jahren zu den vier wichtigsten Industriezweigen der Stadt. Um dem Niedergang der heimischen Wirtschaft entgegenzuwirken, gründeten Stadt und Unternehmensvertreter 1997 die Wirtschaftsförderung Mönchengladbach WFMG, die mit der Fachhochschule Niederrhein ein Fünf-Säulen-Modell zur Strukturentwicklung erarbeitete. Dieses sah vor, den Wirtschaftsstandort Mönchengladbach auf die Branchen Textil und Mode, Maschinenbau/Elektrotechnik, Telekommunikation sowie Logistik und Gesundheitswesen hin auszurichten.

Der rasche Erfolg blieb zwar aus, die gestiegene Bedeutung des Dienstleistungsgewerbes ist aber unverkennbar, während die Anzahl der Betriebe im produzierenden Gewerbe zurückging. Der Wirtschaftsstandort Mönchengladbach hatte weiterhin Einbußen zu verkraften. Mit der Mülforter Zeugdruckerei schloss 2002 einer der letzten traditionsreichen Textilhersteller in der Stadt.  Die Textilmaschinenindustrie schrumpfte ebenfalls weiter. 2001 kam es bei Schlafhorst zu einer Massenentlassung, von der 448 Mitarbeiter betroffen waren. Nach 125 Jahren stellte das Unternehmen 2009 endgültig den Betrieb ein. Die Firma Monforts meldete ab 2010 zweimal Insolvenz an, blieb aber weitgehend erhalten.

In der Finanzwirtschaft spiegelt sich die äußere Entwicklung der Stadt wider. Nach der Gebietsreform fusionierte die Stadtsparkasse Mönchengladbach 1976 mit der Stadtsparkasse Rheydt und der Gemeindesparkasse Wickrath. In der Verkehrspolitik sorgte man nach dem Wiederaufbau für einschneidende Veränderungen: in Rheydt wurde der Straßenbahnbetrieb 1959 und in Mönchengladbach 1969 eingestellt. Die Bahnlinie über Rheydt-Geneicken wurde 1986 stillgelegt. Dagegen verbesserte sich in den 1970/80er Jahren die Autobahnanbindung der Stadt. Nur geringe Impulse für die städtische Wirtschaft gehen vom Verkehrslandeplatz Mönchengladbach aus, der 1998 noch 224.000 Fluggäste zählte, seit der Einstellung des Linienverkehrs aber rückläufige Zahlen vorzuweisen hat.

St. Pius X. Uedding um 1960

Nach Kriegsende stellte sich den beiden christlichen Kirchen die Frage der moralischen Mitverantwortung für die im Dritten Reich begangenen Verbrechen - gefragt war hier die evangelische Kirche noch dringlicher als die katholische.

Viele im Kirchenkreis Gladbach, darunter der Rheydter Pfarrer Wilhelm Langenohl, hatten mit den „Deutschen Christen“, den Anhängern der Nationalsozialisten unter den evangelischen Gläubigen, kooperiert. Die Antwort der Kirchen bestand in den Jahren nach 1945 in einer Rückbesinnung auf die Tradition. Die Katholiken konnten nun wieder Wallfahrten und Prozessionen in althergebrachter Weise durchführen, die Kirchen waren gut besucht. Die Evangelischen erhielten durch Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten so großen Zulauf, dass die nördlichen Gemeinden aus dem Synodalverband Gladbach ausgegliedert und dem Kirchenkreis Krefeld zugeschlagen wurden.

Vor allem galt es, die im Krieg zerstörten Kirchen wieder aufzubauen. Zum Zweck der Wiederherstellung des Gladbacher Münsters wurde 1947 der Münster-Bauverein gegründet. Es dauerte bis 1950, bis die Gläubigen den ersten Gottesdienst feiern konnten, Jahre vergingen, bis Turm und Kryptagewölbe renoviert wurden. Die Arbeiten an der evangelischen Rheydter Hauptkirche waren 1962 mit der Innenrenovierung abgeschlossen. Andere Kirchen - St. Antonius in Wickrath etwa - waren so zerstört, dass nur ein völliger Neuaufbau übrig blieb. Die neu gestaltete St. Antonius-Kirche konnte 1956 eingeweiht werden. Der Andrang der Gläubigen machte bis in die 1960er Jahre hinein Kirchenneubauten in einzelnen Stadtteilen erforderlich. So gründete sich in Uedding 1950 ein Bauverein, der  1958 die Kirche St. Pius X. fertigstellen konnte.

Mit der innerkirchlichen Ruhe war es spätestens in den 1960er Jahren vorbei. Unmut erregten bei Teilen der Katholiken die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils, die eine Abkehr von der traditionellen Liturgie vorsahen. Noch 2010 sah sich der Pfarrer und Propst der Münsterbasilika Albert Damblon gezwungen, für die Messfeier in moderner Form einzutreten. Ein Prestigeerfolg für die Mönchengladbacher Katholiken war dagegen der 84. Deutsche Katholikentag im Jahr 1974 - der nicht zufällig 1000 Jahre nach Gründung der Abtei stattfand.

Der in den 1960er Jahren einsetzende gesellschaftliche Wandel führte bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts zu einem starken Rückgang des Kirchenbesuchs und einer hohen Zahl von Kirchenaustritten. Als Reaktion darauf wurden Kirchen geschlossen, in Wohnraum umgewidmet oder anderen Verwendungszwecken zugeführt, so 1998 die evangelische Friedenskirche in Geneicken oder 2007 die Herz-Jesu Kirche in Pesch und St. Peter in Waldhausen und 2009 St. Elisabeth in Eicken.

Der Aufbau der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach erfolgte noch 1945 durch Kurt Hecht, der zu den Wenigen gehörte, die die Shoah überlebt hatten. Gegen Ende der 1960er Jahre zählte die Gemeinde einschließlich der benachbarten Landkreise 120 Gläubige. 1967 konnte sie ein Gemeindehaus an der Albertusstraße beziehen. Ein Einschnitt in das Gemeindeleben bildete ab 1990 der Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, der die Zahl der Gläubigen bis 2005 auf etwa 700 anwachsen ließ.

Die seit den frühen 1960er Jahren in Mönchengladbach lebenden Türken brachten den Islam in die Stadt, der lange Zeit in Hinterhöfen ein Schattendasein fristete. Die hier heimisch gewordenen ehemaligen „Gastarbeiter“ oder ihre Nachkommen gingen seit Ende der 1980er Jahre dazu über, eigene Gotteshäuser zu errichten. 1989 wurde in Mülfort mit der Diyanet Moschee das erste islamische Gotteshaus gebaut, bis 2010 folgten acht weitere. Zu diesem Zeitpunkt gab es etwa 10.000 Muslime in Mönchengladbach. Für bundesweite Schlagzeilen sorgte 2010 eine islamische Minderheit, die radikale Strömung der Salafisten mit ihrem Verein Einladung zum Paradies e.V. und dem - verhinderten - Vorhaben der Gründung einer Islamschule in Eicken.

Raucherfoyer Stadttheater Mönchengladbach 1996

Das Kulturleben der Stadt kam nach dem Ende des 2. Weltkriegs allmählich wieder in Gang. Das personell stark reduzierte Orchester des Zweckverbands Mönchengladbach-Rheydt nahm noch im Herbst 1945 den Spielbetrieb mit einem Sinfoniekonzert wieder auf. Seit 1946 unter der Leitung von Romanus Hubertus, bot es bei Konzerten hauptsächlich das klassisch-romantische Repertoire.

1950 schlossen sich die Städte Mönchengladbach und Krefeld - ohne Rheydter Beteiligung -  zu den Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach zusammen. Mönchengladbach eröffnete 1959 ein neues Schauspielhaus an der Hindenburgstraße nach Plänen des Architekten Paul Stohrer. Nach heftigen Diskussionen wurde es 2012 endgültig zu Gunsten eines neuen Einkaufszentrums abgerissen. Schauspiel, Musiktheater und Ballett, nicht zuletzt die Konzerte der Niederrheinischen Sinfoniker bildeten den Kernbestand der künstlerischen Arbeit. Während der Renovierungsarbeiten am Stadttheater an der Odenkirchener Straße in Rheydt wurde 2009 das Theater im Nordpark vorübergehend Ausweichquartier für kulturelle Darbietungen

Seit 1979 findet in Mönchengladbach alle zwei Jahre das „Ensemblia Festival für Musik. Theater. Tanz. Kunst“ statt, das das zeitgenössische Schaffen in den genannten Sparten vorstellen und den Austausch unter diesen fördern möchte. Die Musik in ihren verschiedenen Spielarten jedem Interessierten zugänglich zu machen ist die Aufgabe der Musikschule, die 1958 auf Initiative von Karl Fegers gegründet wurde.

Das städtische Museum wurde 1946 wieder eröffnet und setzte fortan auf einen Ausgleich zwischen traditioneller und moderner Kunst. Leiter der städtischen Kunstmuseen war seit 1967 Johannes Cladders, der sich für den Bau des Museums Abteiberg eingesetzt hat, das 1977-1982 nach den Plänen des Wiener Architekten Hans Hollein errichtet wurde und der modernen Kunst vorbehalten ist.

Die Stadtbibliothek Mönchengladbach konnte 1964 ein neues Gebäude an der Blücherstraße beziehen, wo seither die 94000 Bände des Volksvereins für das katholische Deutschland, die in der NS-Zeit vor dem Zugriff der Gestapo gerettet werden konnten, aufbewahrt werden. Der Erwachsenenbildung dienten seit 1946 die Volkshochschule Mönchengladbach und das Volksbildungswerk Rheydt, seit den 1960er Jahren das Volksbildungswerk Wickrath. Aus dem Zusammenschluss mehrerer Fachschulen und Ingenieurschulen ging 1971 die Fachhochschule Niederrhein, seit 2001 Hochschule Niederrhein, hervor, die ihren Hauptsitz in Krefeld hat. Einzelne Fachbereiche wie Textil- und Bekleidungstechnik, Sozialwesen, Wirtschaftswissenschaften und Oecotrophologie sind in Mönchengladbach angesiedelt.

Die kulturellen Bedürfnisse vieler Mönchengladbacher richteten sich aber weder auf Hochkulturelles noch auf die vielfältigen Bildungsangebote. Nach dem Krieg machten Radio, Schallplatte und vor allem Film und Fernsehen die Produkte der Unterhaltungsindustrie jedermann zugänglich. Nicht alles, was dort zu sehen oder zu hören war, fand die Billigung kulturkonservativer Kreise. Gegen die ihrer Ansicht nach zu freizügige Darbietung in Filmen schloss sich in Mönchengladbach wie in einigen anderen deutschen Städten 1965 eine Initiative unter dem Motto „Wir wollen saubere Filme“ zusammen, die mit Unterstützung von Oberbürgermeister Wilhelm Wachtendonk und Oberstadtdirektor Wilhelm Elbers in kurzer Zeit 30000 Unterschriften sammelte, der aber kein Erfolg beschieden war.

Spätestens seit den 1980er Jahren ließen sich Hochkultur und Alltagskultur nicht mehr, wie bis dahin üblich, streng voneinander trennen. Davon zeugen sowohl Privatinitiativen als auch die offizielle Kulturpolitik der Stadt. 1989 öffnete das BIS - Zentrum für offene Kulturarbeit e. V. an der Bismarckstraße, welches neben einem Angebot verschiedener kultureller Darbietungen wie Filme und Konzerte vor allem mit Workshops Kreativität fördern möchte.

Ende der 1980er Jahre wurde das Kulturleben der Stadt mit der Eröffnung einer Kleinkunstbühne in einem kleinen türkisches Lokal bereichert:  bekannte Kabarettisten u. a. Harald Schmidt, Hans-Dieter Hüsch und Dieter Nuhr gaben hier ihre Gastspiele. Letzterer war Gründungsmitglied des 1995 gegründeten gemeinnützigen Vereins Kulturbeutel e. V. Dieser setzt sich ausdrücklich die Förderung von Kunst und Kultur, insbesondere der Kleinkunst zum Ziel, und betreibt seither das TIG (Theater im Gründungshaus) in Eicken.

2004 wurde das Städtische Kulturbüro Nachfolger des Kulturamts, das unter anderem freie Kulturinitiativen unterstützt und Veranstaltungsprojekte wie „nachtaktiv“ durchführt.

Es waren allerdings vor allem bildende Künstler, die national wie international auf sich aufmerksam machten:

Heinz Mack, der seit 1967 in Mönchengladbach lebt, Mitglied der ZERO-Gruppe, ist vor allem für seine monumentalen Skulpturen und Lichtobjekte bekannt.

Gregor Schneider - ein gebürtiger Rheydter - dessen Arbeitsschwerpunkt darin besteht, Räume umzubauen, erhielt 2001 auf der Biennale in Venedig für sein Totes Haus u r den Goldenen Löwen.

Markus Lüpertz, in Rheydt aufgewachsen und anerkannter Künstler der Gegenwart, der seinen Wohnsitz seit 2017 wieder in Rheydt - ganz in der Nähe seines Gemäldezyklus „Totentanz“ - hat: Diesen hatte er 2006 der Geneickener Kirchengemeinde St. Franziskus geschenkt.

Die Stadtwappen

Die Geschichte der Stadtwappen von Rheindahlen, Gladbach-Rheydt, Rheydt, Odenkirchen, Wickrath, Mönchengladbach bis 1974 und seit der Kommunalreform im Jahr 1975 können Sie hier einsehen.

Ehrenbürger der Stadt

Als höchste Auszeichnung vergeben Städte und Gemeinden die Ehrenbürgerschaft. Die Städte Mönchengladbach, Rheydt, Gladbach-Rheydt, Odenkirchen und Rheindahlen haben seit 1857 von diesem Recht Gebrauch gemacht und den hier aufgeführten neun Personen die Ehrenbürgerschaft verliehen. Dem zehnten Ehrenbürger wurde diese 1945 aberkannt.