Antrittsrede Oberbürgermeister Felix Heinrichs bei der konstituierenden Ratssitzung am 4. November 2020

Sehr geehrte Damen und Herren des neuen Stadtrates, sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung, liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Medienvertreterinnen und -vertreter...

 

Sehr geehrte Damen und Herren des neuen Stadtrates,

sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung,

liebe Bürgerinnen und Bürger

liebe Medienvertreterinnen und -vertreter,

 

heute, mit der konstituierenden Sitzung des Stadtrates beginnt die neue Wahlperiode. Wir starten in einer Zeit, die von Widersprüchen geprägt und in der in kürzester Zeit Undenkbares Realität geworden ist. Die Corona-Pandemie stellt Staat, Gesellschaft und Wirtschaft vor Herausforderungen, die Anfang des Jahres noch nicht absehbar gewesen sind. Deshalb kommt es jetzt mehr denn je darauf an, wohl überlegte Entscheidungen zu treffen.

Es wird unsere Aufgabe der nächsten Monate und Jahre sein, diesen Anforderungen vernünftig zu begegnen und dafür Sorge zu tragen, dass die Stadt gut durch die Krise kommt. Wir müssen den Kern unserer Stadt bewahren. Das, was sie im Inneren zusammenhält.

Doch - was ist eigentlich der Kern unserer Stadt Mönchengladbach? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten bei zwei Hauptbahnhöfen, 44 Stadtteilen, rund 270.000 Menschen und das ganze mitten in Europa nahe bei unseren Freunden und Nachbarn. Und anders als andere Städte kann Mönchengladbach auch nicht auf das eine Gebäude, die eine Skulptur, die eine Persönlichkeit oder den einen Fluss als prägendes Element verweisen. Im Gegenteil: Der Gladbach, bis heute Teil des Stadtnamens, verläuft überwiegend unterirdisch und nahezu unsichtbar. Die Frage nach dem, was Mönchengladbach ausmacht, ist jedoch wichtig, weil sie definiert, worauf wir politisch und gesellschaftlich aufbauen und wohin wir uns entwickeln können.

Wenn man sich also auf die Suche nach dem Kern begibt, fängt man am besten bei den Menschen an. Denn wenn eines im warmherzigen und offenen Rheinland klar ist, dann, dass nicht Steine und Beton Auskunft geben, sondern die Menschen, die hier leben. Und viele leben sehr gerne in Mönchengladbach. Genauer gesagt, sie leben sehr gerne in ihren Stadtteilen, Quartieren, Nachbarschaften und Honschaften. Überall begegnet man Leuten, die stolz sind auf ihr unmittelbares Umfeld, egal ob Rheydt, Wickrath oder Neuwerk. Sie engagieren sich vor Ort und tun etwas für die Gemeinschaft. Die Kraft und die Kreativität, die aus diesem Engagement erwachsen, sind spürbare Triebfedern in unserer Stadt. Und das Bekenntnis zu seinem Zuhause ist nach meiner Überzeugung kein ausschließendes, sondern immer auch ein einladendes.

Denn jedem ist klar, dass sich unsere Welt und damit auch das eigene Umfeld verändern. Bleiben wir bei den Außenbezirken. Wenn ältere Menschen erzählen, wie stolz sie auf ihren Stadtteil sind, dass sie gerne dort leben und was sie vor Ort alles bewegt haben, hört man trotzdem häufig den Wunsch, im Alter innenstadtnäher oder zumindest nicht mehr in dem großen Haus alleine zu leben. Junge Familien, egal woher, suchen aber nach wie vor das Eigenheim im Grünen. Und so verändern die Nachbarschaften schrittweise ihr Gesicht. Sie kennen das bestimmt aus Ihrem eigenen Umfeld.

Dieses Beispiel zeigt, dass nicht das Beharren Teil einer Zukunftsstrategie ist, sondern im Gegenteil der Wandel. Und ähnlich wie im Beispiel lassen sich in der gesamten Stadt unzählige weitere Dimensionen des Wandels finden: Nicht nur Corona verändert unser gesamtes Leben, sondern ich sehe auch positive Ansätze

  • in der notwendigen Verkehrswende,
  • bei den Innenstädten, die auf ein verändertes Einkaufsverhalten reagieren,
  • in der Art der Kommunikation,
  • der Digitalisierung,
  • im demografischen Wandel,
  • in der Energiewende und im Klimawandel,
  • im Strukturwandel
  • oder auch in einem anderen Verständnis von Bildung, Kultur, Sport und Ehrenamt.

Der Blick in die Vergangenheit unterstreicht die These, dass der Wandel immer schon ein Teil unserer städtischen Identität gewesen ist. Beginnend von wechselnden Herrschaftsbeziehungen im Mittelalter über die Industrialisierung, den sozialen Katholizismus des Volksvereins, die Gründung der Europäischen Union, in deren Herz wir liegen, den Niedergang der Textilindustrie und schließlich den jüngsten Aufbruch durch den aus der Bürgerschaft angestoßenen Masterplan MG 3.0.

 

Der Wandel ist das verbindende und das konstitutive Merkmal unserer Stadt Mönchengladbach.

Und diesen Wandel müssen wir als Chance begreifen. Wir müssen den Blick auf unsere Stadt ändern. Mönchengladbach ist eine Stadt, in der etwas geht, eine Stadt, in der Menschen etwas bewegen können und wollen. Mönchengladbach ist nicht fertig und nicht perfekt, sondern ein Ort, an dem es gute Ideen braucht und diese wiederum auch eine Perspektive auf Umsetzung. Mönchengladbach ist die Stadt des Wandels und muss noch viel mehr zur Stadt des dynamischen und mutigen Wandels werden.

Um den Wandel zu gestalten braucht es genau diesen Ideenreichtum, diese Kreativität, Tatkraft und Mut. Darauf müssen wir und darauf werde ich die Strategie für die Zukunft aufbauen. Deshalb begreife ich den Strukturwandel weg von der Kohle auch als immense Chance, um mit der notwendigen Unterstützung vielen Menschen eine neue und nachhaltige Perspektive aufzeigen zu können.

Denn die Herausforderungen, vor denen wir als Politik, vor denen die Unternehmen und vor allem die Menschen in unserer Stadt stehen, sind hinlänglich bekannt – von der Kinderarmut über marode Infrastruktur hin zu einem immer noch sehr engen Haushalt. Diese Herausforderungen werden von mindestens drei Mega-Trends begleitet: der Digitalisierung, dem demografischen Wandel und der Dekarbonisierung – also dem Ausstieg aus der Kohle. Das sind in meinen Augen die maßgeblichen Treiber der Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft.

Weil wir also vor überproportional großen Herausforderungen stehen, müssen wir auch überproportional viel bewegen. Es reicht nicht, genauso gut wie andere zu sein. Wir müssen besser sein, um wirklich aufzuholen. Wir müssen dorthin kommen, wo andere noch nicht sind, um diejenigen zu finden, die die Stadt mit uns gemeinsam besser machen. Damit haben wir bereits angefangen und das bürgerschaftliche, soziale, kulturelle und sportliche Engagement der Menschen in der Stadt schafft eine breite Basis, auf der wir aufbauen können. Das merkt jeder schnell, der in Mönchengladbach zuhause ist.

Bei der Gestaltung des Wandels haben alle, die politische Verantwortung übernommen haben, eine herausgehobene Rolle. Die Tatkraft der vielen Beschäftigten in Stadtverwaltung und städtischen Unternehmen ist die notwendige Bedingung, um aus Visionen Strategien und aus Strategien Realität werden zu lassen. Als Chef der Stadtverwaltung werde ich die Beschäftigten daher immer mit Respekt und Wertschätzung behandeln, zuhören und mit Leidenschaft und Dynamik an den gemeinsamen Zielen arbeiten. Ich möchte ihnen ein guter Oberbürgermeister sein. Und ich appelliere an Sie, die Mitglieder des Rates, bei allen Debatten immer auch vor Augen zu haben, dass in der Verwaltung Menschen arbeiten und keine Maschinen.

Wandel ist ebenfalls ein bestimmendes Element jeder Demokratie. Und genauso, wie sich Personen, Wahlergebnisse und Mehrheiten ändern, muss sich auch der Stil politischer Arbeit verändern. Als Oberbürgermeister werde ich dazu beitragen, eine politische Kultur der Offenheit unter Demokratinnen und Demokraten zu leben. Dazu ist es wichtig, Verständnis dafür zu entwickeln, dass alles auf einander aufbaut. Die Welt verändert sich nicht durch eine einzelne Entscheidung, sondern Schritt für Schritt. Daher sollten wir die Entwicklung dieser Stadt nicht in Wahlperioden, nicht in markante Entscheidungen unterteilen und auch nicht in richtig oder falsch, in schwarz und weiß denken, sondern das Bewusstsein und die Bereitschaft aufbringen, Transformation als fließenden Prozess zu verstehen.

Die Städte sind der Ursprung der Demokratie. In der griechischen Antike war es die Polis, die Stadt, in der mündige Bürger begonnen haben, Entscheidungen und die Ämtervergabe demokratisch zu regeln – zumindest nach damaligen Vorstellungen, die sich an Geschlecht und Status festgemacht haben.

Wir als Stadtrat und ich als Oberbürgermeister stehen in dieser langen Tradition. Das macht auch die Amtskette deutlich, die ich heute zum ersten Mal tragen darf. Mit ihr ruht symbolisch das Erbe dieser Stadt auf mir und uns allen. Sie verbindet die Vergangenheit mit dem Jetzt und wir sind es, die sie in die Zukunft tragen. Bei einer jeden Entscheidung sollte uns – und wird mir – daher bewusst sein, dass wir eine Verpflichtung haben, das Beste für die Menschen in unserer Stadt zu bewegen.

Zu Mönchengladbach gehören Menschen aus rund 120 Nationen, Menschen ganz unterschiedlicher Weltanschauung, Menschen verschiedenen Geschlechtes, Alters und sexueller Orientierungen, Menschen mit Einschränkungen und besonderem Unterstützungsbedarf. Diese Vielfalt zeichnet Mönchengladbach aus. Auch das friedliche Miteinander der Religionsgemeinschaften.

Und auch das sei an dieser Stelle deutlich gesagt: Jede oder jeder, der versucht, unser gelingendes Miteinander in Mönchengladbach durch Hass, Hetze oder andere Formen der Menschenfeindlichkeit zu stören, wird bei mir auf entschiedenen Widerstand stoßen.

Als demokratisch gewählte Vertreterinnen und Vertreter der Menschen in unserer Stadt haben wir die Verpflichtung, alle Menschen zu respektieren und demokratische Mittel nicht für die Spaltung der Gesellschaft zu missbrauchen. Darauf zu achten wird mir als erster Bürger dieser Stadt ein Herzensanliegen sein.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn Mönchengladbach eine Stadt des Wandels ist, dann sind wir – ob in Rat, Verwaltung oder Stadtgesellschaft – die Gestalterinnen und Gestalter des Wandels. Nehmen wir gemeinsam diese Rolle an.

Ich freue mich sehr auf die gemeinsame Zeit zum Wohle der Menschen in Mönchengladbach.

 

Herzlichen Dank.