Wettbewerb zur Neubebauung Haus Westland

Schrägluftbild 1950er Jahre (oben) und Situation heute (unten)

Seit 1955 markiert das Haus Westland zwischen dem heutigen Europaplatz und der Steinmetzstraße einen zentralen Eingang der Stadt. Einst ein begehrtes Postkartenmotiv ist das Gebäude, in dem teilweise Wohnungen und zeitweise auch Teile der Stadtverwaltung untergebracht waren, heute in desolatem baulichen Zustand und steht nahezu leer. Die wenigen noch vorhandenen Erdgeschossnutzungen stellen keine an dieser Stelle wünschenswerte städtebauliche Nutzung und Situation dar. Die Gebäuderückseite wird heute durch brachgefallene Flächen und Parkplätze bestimmt, die noch die Entstehung der Steinmetzstraße nachzeichnen.

Auch der vorgelagerte Europaplatz samt zentralem Omnibusbahnhof (ZOB) ist zu einem tristen, aus vielerlei Hinsicht dysfunktionalem Ort geworden, der damit seiner besonderen Lage im Zentrum der Stadt nicht gerecht wird.

Das Projektgrundstück selbst besetzt eine äußerst prominente Lage in der Mönchengladbacher Innenstadt. Als Gelenkpunkt innerhalb der östlichen City und mit dem Direktanschluss an den Hauptbahnhof ausgestattet existiert heute eine besondere Standortbegabung. Schnelle Verbindungen in die Metropolen Rhein-Ruhr, Düsseldorf und Köln bieten ein außergewöhnlich hohes (auch Wohn-)Potential für die Neupositionierung der Flächen. Aber auch mit Blick auf den unmittelbaren Übergang zur Hindenburgstraße und zum beliebten Gründerzeitviertel am Schillerplatz mit den angestoßenen Veränderungsprozessen besitzen die Flächen eine ausgezeichnete, einmalige Lagegunst. Das Haus Westland und seine Vorflächen bilden damit ein Filetgrundstück der künftigen Stadtentwicklung.

Betrachtungsgebiet am Europaplatz

Anfang 2016 hat die Projekt Mönchengladbach GmbH (Hildesheim) das Grundstück erworben. Sie beabsichtigt nun, das Bestandsobjekt zu beseitigen und sich in enger Abstimmung mit der Stadt Mönchengladbach der Verantwortung für eine qualitätsvolle Entwicklung und Neubebauung des Projektgrundstücks Haus Westland zu stellen. Neben Einrichtungen für Dienstleistungsangebote, Büros und Wohnen stehen auch Hotelnutzungen inkl. dazugehöriger oder separater Sport- und Fitnessnutzungen sowie ergänzende Einzelhandels- und Gastronomienutzungen im Fokus einer städtebaulichen Neubewertung des Standortes.

Diese Neupositionierung des Grundstücks erfordert eine städtebauliche und architektonische Gesamtkonzeption, die durch einen Wettbewerb gefunden werden soll, in dessen Rahmen auch die Neubetrachtung des Europaplatzes samt ZOB und des Übergangs zur Hindenburgstraße sowie die gedankliche Einbeziehung des Bunkerareals erfolgen sollen.

Im Vorfeld des Wettbewerbs wurden daher die Gesamtpotentiale des Projektgrundstücks diskutiert und die städtebaulich-architektonischen Anforderungen inkl. der Ideenbestandteile des Raums „Bahnhofvorplatz mit Bunkerareal" konkretisiert und untersucht. Der geschichtlichen Entwicklung rund um das Haus Westland mit einem länglichen Gesamtbaukörper im Duktus der 1950er Jahre und der Neutrassierung der Steinmetzstraße geschuldet ist das Projektgrundstück relativ schmal bzw. nicht angemessen tief. Im Sinne einer klassischen Baublock- bzw. Baufeldstruktur und dazugehörigen hohen Qualitäten im Blockinneren würde mehr Bewegungsspielraum zu einem Gewinn an Belichtung, Belüftung und Erlebnisqualitäten führen. Daher wurden für den Realisierungsteil zwei Bebauungsvarianten gefordert. In der „Minimalvariante +5 m“ wird das bestehende Grundstück um fünf Meter, in einer „Maximalvariante +20 m“ um 20 Meter in Richtung Europaplatz erweitert. Aus verkehrsplanerischer Sicht ist eine Verkleinerung des Europaplatzes möglich, ohne dass die Leistungsfähigkeit des ÖPNV leidet, indem der ZOB effizienter und kompakter gestaltet wird.

Die so zu erarbeitende städtebauliche Rahmenkonzeption sollte dabei neben einer klaren Nord-Süd-Zuführung zum Gründerzeitviertel jedoch zwei Aspekte rund um den HBF besonders würdigen: 1. Die Neubebauung nach Südosten ist eine der neuen Visitenkarten Mönchengladbachs rund um das zentrale „Eingangstor" des HBF samt dazugehörigem Vorplatz und ZOB bzw. Europaplatz. 2. Die ehemalige, nördliche „Rückseite" des Projektgrundstückes wird somit zu einer Vorderseite und stadtbildprägenden Adresse.

Beide höchst unterschiedliche Seiten des Projektgrundstücks erfordern differenzierte städtebaulich-gestalterische Handschriften, zugleich aber auch realisierbare städtische Qualitäten.

In enger Abstimmung mit der Stadt Mönchengladbach wurden diese komplexen städtebaulichen Anforderungen durch einen zweiphasigen Wettbewerb gelöst. Hierzu hat die Projekt Mönchengladbach GmbH im September 2016 folgende acht internationale Planungsbüros dazu aufgerufen, nach formulierten Vorgaben Entwürfe für das „zentrale Eingangstor“ der Stadt zu entwickeln (alphabetisch): COBE architects, Kopenhagen (DK), CROSS architecture, Aachen/Amsterdam (NL), Eike Becker Architekten, Berlin, green! Architects, Düsseldorf, Kasper Kraemer Architekten, Köln, KBNK Architekten, Hamburg, LAVA Labratory, Stuttgart und Lohmann-Architekten, Paderborn.

Die zur Entscheidungsfindung konstituierte Jury bestand aus externen Fachmitgliedern und Vertretern der Projekt Mönchengladbach GmbH sowie der Stadt Mönchengladbach.

Am 05.12.2016 wurden in einer ersten Jurysitzung acht Entwürfe vorgestellt und vier beste Konzepte mit Bekanntgabe von Empfehlungen zur weiteren Ausarbeitung ausgewählt. Am 20.02.2017 fand schließlich die entscheidende zweite Jurysitzung statt, in der die verbliebenen Büros Kasper Kraemer Architekten, KBNK Architekten, Eike Becker Architekten und COBE architects ihre überarbeiteten Konzepte vorstellten.

Gestaltungsplan (oben), Blick von der Steinmetzstraße Richtung HBF (Mitte), Modell mit Blick von der Sittardstraße (unten)

Einstimmig kürte die Jury den Entwurf „19 Häuser für Mönchengladbach“ des Büros KBNK Architekten aus Hamburg zum Wettbewerbssieger. Der Entwurf sieht durch die gewählte Kleinteiligkeit die Schaffung eines neuen Stadtquartiers der „19 Häuser“ und „vier Höfe“ vor. Die Proportionen der Baukörper variieren, orientieren sich jedoch an der vorgefundenen Umgebung. Akzentuierte Hochpunkte ergänzen das Relief des Quartiers.  

Der Entwurfsansatz, die Lebendigkeit und Körnigkeit eines Stadtquartiers „der 19 Häuser“ in der Kategorie des Gründerzeitquartiers rund um den Schillerplatz in Bahnhofsnähe zu bringen, ist innovativ und ein zeitgemäßer städtebaulicher Ansatz. Vielversprechend und damit städtebaulich reizvoll ist die Option, die Nutzungsmischung und Kleinteiligkeit durch die Wahl unterschiedlicher Architekten zu verstärken.

Das Konzept bietet darüber hinaus Möglichkeiten, (auch nach Realisierung) auf sich ändernde Rahmenbedingungen rund um Nutzungsbausteine sowie auch auf vollkommen neue Bedürfnisse reagieren zu können. Der Ansatz, die historische Straßenflucht der Hindenburgstraße wieder an den HBF heranzuführen und damit die +20 m zu überschreiten, schafft einen völlig neuen, erlebbaren Platzraum, der sich über die gewählte, innere Grundkonzeption des öffentlichen Raums in alle Himmelsrichtungen hervorragend mit der Umgebung vernetzt.

Die Jury lobte vor allem die vermittelte Haltung des Entwurfs zur Kleinteiligkeit und Mischung, die damit die Charakteristik des Gründerzeitquartiers aufgreift und zum Hauptbahnhof hin weiterentwickelt. Der Entwurf verspricht kein spektakuläres Großformat, keinen Symbolismus, sondern ist ein Bekenntnis zu urbanen, kleinteiligen Strukturen und läutet damit einen Paradigmenwechsel ein.

Den dritten Platz belegten aufgrund der „gleichwertigen“ Qualitäten der Neuinterpretation des „klassischen Baublocks“ die Entwürfe der Büros Kaspar Kraemer Architekten und Eike Becker Architekten. Der Entwurf des Büros COBE Architects belegte den vierten Platz. 

Derzeit wird das erforderliche Bebauungsplanverfahren vorbereitet. Der Vorentwurf des Bebauungsplans "BP 789/N Europaplatz" wird voraussichtlich im Herbst 2017 der Politik und Öffentlichkeit vorgelegt. Parallel dazu werden in Abstimmung mit der NEW die Belange des ÖPNV und auch des Fuß- und Radverkehrs behandelt.

Herr Urbanczyk

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