Das erste "Hochhaus" von Dahlen

Blick auf das erste "Hochhaus" von Dahlen

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„Ellen- sowie Spezereiwarenhandlung“ / „Manufaktur- und Kolonialwaren“ Vieten

In diesem am ehemaligen Beecker Tor gelegenen Haus betrieb der Schneider Johann Jacob Vieten (1787 – 1857) seit etwa 1823 ein Geschäft. Um genug Platz für sein Warenangebot zu haben, ließ er im Jahre 1848 (wie die eisernen Ziffern im Giebel verraten) das noch heute hier stehende dreigeschossige Haus errichten – damals wohl das höchste Wohngebäude von Dahlen.

Vieten hatte ganz klein angefangen. Als unehelicher Sohn einer Spinnerin war er bis etwa zu seinem 30. Lebensjahr Analphabet und verdiente seinen Lebensunterhalt als Schneider; seine Ehefrau stand ihm als Näherin auch beruflich zur Seite. Offensichtlich liefen die Geschäfte so gut, dass Vieten spätestens 1818 den Entschluss fasste, Kleidung nicht nur zu produzieren, sondern auch selbst zu vermarkten. Ihm dürfte klargewesen sein, dass dafür zumindest geringfügige Schreibkenntnisse vorteilhaft sein würden. So kann es nicht verwundern, dass Vieten ab 1819 erstmalig in der Lage war, in Schönschrift zu unterschreiben. Im selben Jahr lässt sich auch eine rege Geschäftstätigkeit Vietens außerhalb von Dahlen feststellen. Darauf deutet zumindest die Tatsache hin, dass er sich viermal – nämlich im Januar, März, Oktober und Dezember - in einem Düsseldorfer Gasthaus als „Handelsmann“ bzw. „Kaufmann“ einquartierte, um dort offensichtlich seine Waren feilzubieten.

Spätestens seit 1823 befand sich sein Wohn- und Geschäftshaus auf der Beeckerstraße, unmittelbar vor dem alten Stadttor gelegen. Der Laden beschränkte sich nicht nur auf das Erdgeschoss, sondern dehnte sich auch auf die erste Etage aus und war zu diesem Zeitpunkt vermutlich das größte Geschäft bzw. das erste „Kaufhaus“ in Dahlen. Hierauf deutet auch das Sortiment hin, das 1827 große Mengen an Stoffen, Branntwein, Tabak, Rübkuchen, Leinsamen und Gewürzen umfasste. In dem zu Grunde liegenden Inventar werden Personen genannt, die Vieten Geld schuldeten, vermutlich also Kunden waren, die eingekaufte Waren nicht bar hatten bezahlen können. Hieraus ergibt sich, dass das Einzugsgebiet von Vietens „Kaufhaus“ von Wickrath, über Wanlo und Venrath bis auf das Gebiet der heutigen Gemeinde Wegberg reichte. Ebenso darf man wohl davon ausgehen, dass die allermeisten Gläubiger, die Vieten zu bedienen hatte, Lieferanten gewesen sind. Somit bezog er seine Waren überwiegend vom Niederrhein (bis Moers und Duisburg) sowie vereinzelt aus dem Bergischen und der Eifel.

In einem Adressverzeichnis aus dem Jahre 1829 ist dokumentiert, dass Vieten eine „Ellen- sowie Spezereiwarenhandlung“ betrieb, deren Sortiment innerhalb der nächsten fünf Jahre offiziell um Farbstoffe erweitert wurde. Ab spätestens 1843 lief Vietens Warenangebot unter der Bezeichnung „Manufaktur- und Kolonialwaren“. Hierzu gehörten vor allem Tuchwaren, die Vieten nicht nur in seinem Geschäftslokal, sondern in der Vorweihnachtszeit auch regelmäßig im Rahmen von Sonderaktionen in einigen Wirtschaften des Kirchspiels anbot. Daneben verkaufte Vieten gängige Artikel wie Porzellan, Trinkgläser, Flaschen sowie Haushaltswaren aus Blech, Bronze, Kupfer, Messing, Stein und Zinn. Man konnte in diesem Kaufhaus aber auch Blumenampeln mit Goldverzierung, Kruzifixe, Thermometer, Tintenfässchen, lackierte Schirmlampen und sogar ein komplettes Schützenzelt bekommen. Handwerker vieler Gewerke und Ackerer fanden ein Sortiment an Werkzeugen vor. Im Außenbereich in der Nähe des Geschäftshauses lagerten große Holzvorräte von Buchen, Eichen, Tannen und Weiden sowie Birn- und Apfelbäumen, steinerne Fensterrahmen, Viehtröge und vorgefertigte Grabsteine.

Als im März 1857 Johann Jacob Vieten und neun Monate später sein ältester Sohn Anton Vieten (1812 – 1857) verstarben, sahen sich die beiden Witwen im Rahmen der Erbteilung zum Verkauf aller Warenbestände, der kompletten Ausstattung des Ladenlokals und ihrer zehn Transportkarren bzw.-wagen gezwungen. Trotz dieser Veräußerungen führte Johann Jacob Vietens Witwe – vermutlich mit ihrer verwitweten Schwiegertochter – das Handelsgeschäft und das Ladenlokal weiter. Nur das Baumaterialien-Geschäft ging in die Hände des Sohnes Hubert Vieten (1825 – 1872) über, der später ebenfalls auf der Beeckerstraße zusätzlich eine „Manufaktur- und Kolonialwarenhandlung“ eröffnete und somit in direkte Konkurrenz zu den beiden Witwen im Stammhaus Vieten trat. Diese stellten schließlich spätestens Anfang 1863 ihre Geschäftstätigkeiten ein. Johann Jacob Vietens hinterbliebene Ehefrau wanderte in die USA aus, ihre Schwiegertochter zog vermutlich zu ihrer auswärts verheirateten Tochter.

Wie groß das Vermögen war, das der ursprüngliche Schneider Johann Jacob Vieten im Laufe seines Lebens erworben hatte, kann man schon an seinem Immobilienbesitz ermessen. Er bestand aus drei Wohnhäusern und fünf Bauplätzen an der Erkelenzer Chaussee (die in dieser Zeit städtebaulich erschlossen wurde), zwei Häusern auf der Klosterstraße, vier auf der St.-Peter-Straße, einem auf der Beeckerstraße, zwei am Beeckertor und zwei am Wickrathertor. Hinzu kamen 19 Morgen Ackerland, drei Morgen Gartenland und über fünf Morgen Grundstücke mit Fichten oder Gehölz. Keine Dahlener Familie sonst konnte zu diesem Zeitpunkt so viele bebaute Grundstücke ihr Eigen nennen.

Elektro Rütten

Später befand sich in dem Gebäude Elektro Rütten, der jahrzehntelang seine Werkstatt und Verkaufsräume hier hatte. 


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Am Beecker Tor stand früher ein Geschäftshaus. Der Schneider Johann Jacob Vieten führte dort seit 1829 einen Laden. Er verkaufte Stoffe und viele Haushaltswaren. 1848 ließ er ein großes Haus bauen. Es war damals das höchste Wohnhaus in Dahlen. Im Laden standen viele Schränke voller Tuchwaren. Es gab auch Werkzeuge, Farben, Lampen und Kreuze. Draußen lagen Holz, Steine und Grabsteine. Nach Vietens Tod 1857 wurde das Geschäft geschlossen. Seine Frau wanderte später nach Amerika aus.