Fritz Thürnau

Fritz Thuernau

Fritz Thürnau
Steinbachstraße 9
53913 Swisttal
Tel.: 02255 / 8667

 


Biografie

Fritz Thürnau wurde 1938 in Mönchengladbach geboren. Hier erlebte er den Krieg und die Nachkriegszeit. 1944 bis 1948 Besuch der Volksschule in Neuwerk und von 1948 bis 1955 eines Gymnasiums in Mönchengladbach. In den 50er Jahren hatte er intensiven Kontakt zur Bündischen Jugend und unternahm Fahrten per Autostop in viele Länder Europas. Ab 1955 war er Hilfsangestellter beim Technischen Überwachungs-Verein (TÜV), und machte von 1957 bis 1960 eine Maschinenschlosserlehre. Ab 1967 absolvierte er das Studium der Sozialarbeit mit Abschluss als Dipl. Sozialarbeiter und ließ sich alsTrainer für Gruppendynamik (DAGG) ausbilden. Im Rahmen verschiedener Tätigkeiten in der Sozialarbeit war er Abteilungsleiter für Aus- und Fortbildung beim Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt. Mehrere Jahre war er freiberuflich als Organisationsberater und in ehrenamtlicher Funktion als Generalsekretär der Deutsch-Türkischen Gesellschaft der Knoblauchfreunde e.V. tätig. Bis 2004 war er Mitglied im Rat der Gemeinde Swisttal. Fritz Thürnau ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er ist im Ruhestand und lebt abwechselnd in Swisttal-Odendorf bei Bonn, in Brandenburg und in der Türkei. Der Autor hat erst seit seinem Ruhestand begonnen, Erinnerungen und Eindrücke niederzuschreiben. In der Geschichtensammlung „Der Mann, der den Ziegenkopf rettete“ sind Erlebnisse, Eindrücke und Beobachtungen aus seinen mehr als 20jährigen Aufenthalten in einem kleinen Dorf an der türkischen Südküste festgehalten. In einer zum Teil ironisierenden und skurrilen Form beschreibt er Erlebnisse in einem türkischen Dorf und versucht dabei, Lebensgewohnheiten, Rituale, landeskundliche Gegebenheiten und Entwicklungstendenzen in die Erzählungen einzubinden. In seinem kürzlich im Zeitgut-Verlag erschienenen Buch „Und plötzlich kam der Frieden“ schildert der Autor unprätentiös seine Kindheit in Mönchengladbach-Neuwerk, Kriegszeit und erste Nachkriegszeit, Bombennächte im Bunker und erste Begegnungen mit amerikanischen Soldaten. Ein Stück seiner Lebensgeschichte also. Stark beschäftigt ihn in seinem Buch die Frage, wieso es möglich war, dass sich die Menschen in Deutschland vom Nationalsozialismus haben verführen lassen und welche Folgen sich daraus ergaben.


Bibliografie

1978
Veränderung der sozialen Praxis durch Veränderung der Fortbildung in: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, Jg. 29

1982
Gruppendynamik in Institutionen und Organisationen in: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, Jg. 33

1988
Neue Manager braucht das Land in: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, Jg. 39

1996
Das pralle Leben der Wörter in: sozialmagazin

1997
Strategien zur Perspektiventwicklung in: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit

2003
Glück gehabt (nicht veröffentlicht)

2004
Der Mann, der den Ziegenkopf rettete Erfundenes und Geträumtes - Geschichten aus der Türkei (nicht veröffentlicht)

2005
Und plötzlich kam der Frieden, Zeitgut-Verlag, ISBN 3-933336-75-9


Leseprobe

Mehmet öldü

Mehmet ist gestorben. Wir kennen oder kannten ihn seit vielen Jahren. Er war Museumsbeauftragter in Olympos und führte die wenigen Touristen, die Ende der achtziger Jahre nach Olympos kamen, durch die alte, kaum freigelegte Ruinenstadt und konnte immerhin in deutscher Sprache die wichtigsten Daten und Ereignisse dieser geschichtsträchtigen Stadt vermitteln. Heute ist in Olympos einiges freigelegt, Schilder und Hinweise sind aufgestellt und die historischen Geschehnisse sind auch in einer fürchterlichen, manchmal kaum zu verstehenden Sprache auf Deutsch erklärt. Aber der alte Mehmet fehlt. Als er in Rente ging „emekli oldu“, bedauerten wir das. Wenn wir durch die wunderschöne Olympos-Schlucht zum Meer gingen, vermissten wir den liebenswürdigen, älteren Herrn, der großen Wert auf seine Kleidung legte, uns immer sehr freundlich grüßte und sich freute, wenn, wir in unserem kümmerlichen Türkisch, und er in seinem bruchstückhaften Deutsch, uns ein wenig unterhielten. Es waren immer die gleichen Worte, die wir austauschten. Wie es uns geht, ob es in Deutschland kalt sei, das Wetter sei heute so schön, und er nur noch wenige Jahre, später waren es dann Monate, bis zur Rente brauche. Dann könne er sich endlich seinem Garten widmen. Häufig sahen wir ihn mittags, wenn er auf seinem Gebetsteppich, nach Mekka gerichtet, kniete und als gläubiger Muslim eines der fünf täglichen Gebete, verichtete. Mehmet versuchte, nach den fünf Grundpflichten eines gläubigen Muslim zu leben: das Aussprechen des Glaubensbekénntnisses „Es gibt keine Gottheit außer Gott (Allah), Mohammed ist sein Prophet,“ die täglichen fünf Gebete (salat), das Almosengeben (zakat), das Fasten im Monat Ramazan und die Wallfahrt nach Mekka (Hacc). Diese Wallfahrt braucht aber nur unter geeigneten Umständen und einmal im Leben unternommen zu werden. Mehmet`s Wunsch, diese Fahrt nach Mekka machen zu können, hatte sich also nicht erfüllt. Es gab nach seiner Verrentung für ihn keinen Nachfolger, vielleicht hatte die Museumsverwaltung dafür kein Geld, vielleicht aber auch meinte sie, die Schilder würden zur Erklärung ausreichen. Wie auch immer. Mehmet fehlte uns, hin und wieder sahen wir ihn, wenn er spazieren ging und immer lief zwischen uns zur beiderseitigen Freude das gleiche Sprachritual ab. „Iyi günler“ und „güle, güle“ hieß es dann zum Schluß, wenn wir weitergingen. Wir hatten allerdings den Eindruck, dass ihm der Ruhestand nicht so ganz behagte, denn immer wieder sprach er von seiner früheren Tätigkeit und häufig konnten wir ihn auch an seiner alten Wirkungsstätte, aber ohne seine Museeumsuniform, sehen. Vielleicht war es auch das Fehlen dieser eindrucksvolle Uniform, die ihn für mich so sehr verändert und älter aussehen ließ. Dann hörten wir, dass Mehmet in Antalya mit einem bösartigen Tumor im Kopf im Krankenhaus liege, es ginge ihm nicht gut. Seine letzten Tage verbrachte er zu Hause bei seinem Sohn. An einem Nachmittag, ich war im Gespräch mit meinem Nachbarn Ferhat, meldete sich dessen Handy. „Mehmet bay, bay. Mehmet kaputt. Mehmet öldü“. Mehmet war gestorben. Als wir kurze Zeit später zu Mehmets Haus gingen, waren die Frauen dort schon zusammengekommen, um seinen Tod laut weinend zu betrauern. Die Männer standen auf der Terasse und vor dem Haus und hatten die rituellen Waschungen vorgenommen. Die gläubigen Moslems nehmen vor jedem Betreten der Mosche und vor jedem Gebet und auch, wenn sie sich vor dem Haus eines Verstorbenen versammeln, diese rituellen Waschungen vor, um sich die Sünden abzuwaschen und die Seele zu reinigen. Die nächsten weiblichen Anverwandten hatten die Leiche Mehmets gewaschen, ihn in sein Totenleinen gehüllt und auf die Totenbahre gelegt. Am nächsten Morgen gegen 10.00 Uhr wurde sie dann mit dem Auto zur Moschee gefahren. Die Männer bildeten an der Moschee ein langes Spalier, die Totenbahre mit Mehmets Leiche wurde dann von Mann zu Mann weitergereicht, so dass jeder Mann Mehmet ein Stück mit zu Grabe trug. Es ist ein bewegender Augenblick, wenn die Bahre mit dem Toten von Hand zu Hand weitergereicht wird. Jeder ist beteiligt und das Tragen der Leiche wird nicht Sargträgern, die bei uns häufig von einer Firma gestellt werden, überlassen. Wie in allen moslemischen Ländern wird auch in der Türkei die Leiche nicht in einem Sarg beerdigt, sondern mit dem weißen Totentuch bedeckt mit dem Gesicht nach Mekka in das Grab gelegt. Damit nun der Tote nicht direkt mit der Erde in Verbindung kommt, werden Bretter über die Leiche gegen die Grabwand gelehnt und danach erfolgt das Begräbniszeremoniell. Der Dorfhodscha und die Hodschas aus den Nachbardörfern singen abwechselnd auf Arabisch Begräbnissuren, die von den Männern, die sich in Hockhaltung auf den Fersen sitzend niedergelassen hatten, im Chor mit einem gesungenen „Amin“ (also ungefähr wie unser lateinisches Amen) beantwortet wurden. Es klang wie eine gesungene Litanei. Dann erfolgte das Totengebet, wobei die Hände nicht gefaltet, sondern die offenen Handflächen zum Himmel gehalten werden. Anschließend wurde das Grab mit Erde zugeworfen. Das macht allerdings nicht wie bei uns ein amtlicher Totengräber, der sozusagen anonym nach dem feierlichen amtlichen Teil ohne Anwesenheit der Trauergäste das Grab von Berufs wegen zuschaufelt, sondern hier ergreift jeder Mann nach und nach die Schaufel, wirft Erde in das Grab und somit wird und wurde Mehmet auch von jedem persönlich beerdigt. Um den Grabhügel werden Steine gelegt und der Grabhügel wird mit Baumzweigen belegt. Es ist ein uraltes Ritual, die Moderne macht sich aber auch hier dadurch bemerkbar, dass hin und wieder das Cep-Telefon, das Handy, klingelte. An der eigentlichen Beerdigung, der Grablegung, nehmen nur die Männer teil. Die Frauen haben im Haus des Verstorbenen seine Wäsche gewaschen, das Haus gereinigt und ein schlichtes Totenmahl für die engeren Verwandten und Freunde vorbereitet. Nach diesem Abschiedsessen nimmt der Alltag wieder seinen üblichen Verlauf.