Burkhard Spinnen

Burkhard Spinnen

Mondstraße 137
48155 Münster
Tel.: 0251 / 31 14 36
Mobil: 0177 / 52 81 378
E-Mail: Bspinnen@aol.com


Biografie

Geboren 1956 in Mönchengladbach; nach Abitur und Wehrdienst Studium der Germanistik, Publizistik und Soziologie; 1984 Magister, 1989 Promotion; bis 1995 wissenschaftlicher Assistent am Germanistischen Institut der Universität Münster; seit 1995 freier Schriftsteller. 1997-2000 Vertreter einer Professur für Literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Der Autor ist Mitglied des deutschen P.E.N. Er lebt in Münster, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Für allgemeine Angaben verweist der Autor auf den Spinnen-Artikel in "Kritisches Lexikon Deutscher Gegenwartsliteratur". Autor: Holger Schlodder.


Preise, Auszeichnungen, Stipendien

1991
Aspekte-Literaturpreis des ZDF ("Dicker Mann im Meer")

1992
Preis der Kärntner Industrie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb

1995
Märkischer Literaturpreis

1996
Platz 1 der SWF-Bestenliste ("Langer Samstag")

1996
Kranichsteiner Literaturpreis

1997
Stipendium des Deutschen Literaturfonds

1999
Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung

2004
Niederrheinischer Literaturpreis der Stadt Krefeld

2007
Deutscher Hörbuchpreis

2008
Rheinischer Literaturpreis der Stadt Siegburg


Bibliografie

Literarische Veröffentlichungen

1986
Die Munstermacher. Eine satirische Szene.
Selbstverlag

1991
Dicker Mann im Meer. Geschichten.
Frankfurt/Main ISBN 3-627-10130-8 (Taschenbuchausgabe 1999, ISBN 3-442-72207-1)

1994
Kalte Ente. Geschichten.
Frankfurt/Main ISBN 3-89561-030-5 (Taschenbuchausgabe 1996, ISBN 3-596-12971-0)

1995
Langer Samstag. Roman.
Frankfurt/Main ISBN 3- 89561-031-3 (Taschenbuchausgabe 1997, ISBN 3-442-72066-4)

1996
Trost und Reserve. Kurze Prosa.
Frankfurt/Main ISBN 3-89561-032-1 (Taschenbuchausgabe 1998 , ISBN 3-596-13737-3)

1998
Modelleisenbahn.
München ISBN 3-423-20217-3

1998
Kleine Philosophie der Passionen: Modelleisenbahn.
dtv ISBN 3-423-20217-3

2000
Belgische Riesen. Roman.
Frankfurt/Main ISBN 3-89561-034-8

2004
Lego-Steine. Kindheit um 1968.
Frankfurt/Main ISBN 978-3-89561-039-4

2005
Der schwarze Grat - Die Geschichte des Unternehmers Walter Lindenmaier aus Laupheim.
btb Verlag ISBN 3-442-73240-9

2006
Der Reservetorwart.
btb Verlag ISBN 3-442-73449-5

2006
Kram und Würde. Glossen und Feuilletons.
Frankfurt/Main  ISBN 978-3-89561-041-7

2007
Mehrkampf.
Schöffling ISBN 978-3-89561-042-4

2009
Müller hoch Drei. Kindere- und Jugendbuch.
Frankfurt/Main ISBN 978-3-89561-043-1 

2010
Auswärts Lesen - Eine Litanei.
Residenz-Verlag ISBN 978-3-7017-1548-0

2012
Nevena.
Frankfurt/Main ISBN 978-3-89561-044-8

Einzelveröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, u.a. in "Sprache im technischen Zeitalter", "Westfalenspiegel", "Der Rabe", "Neue deutsche Literatur", "Sinn und Form", "Die Horen", "Die Weltwoche", "Berliner Zeitung", "Neue Züricher Zeitung".

Außerdem veröffentlichte Burkhard Spinnen am 14.08.2006 einen Artikel über Günter Grass in der Online-Datenbank von "Die Welt". Den Text finden Sie hier zum Download hinterlegt.


Wissenschaftliche und essayistische Arbeiten

1990
Zeitalter der Aufklebung. Versuch zur Schriftkultur der Gegenwart,Münster/New-York ISBN 3-89325-028-x

1991
Schriftbilder. Studien zu einer Geschichte emblematischer Kurzprosa, Münster ISBN 3-402-03523-5

2000
Bewegliche Feiertage. Essays über Literatur und Verwandtes, Frankfurt a.M.

2005
Klarsichthüllen. München

2008
Gut aufgestellt. Ein Dialog über Sprache in der modernen Wirtschaft. Freiburg ISBN 978-3-451-05961-2

Wissenschaftliche und essayistische Texte, insbesondere über die zeitgenössische Medienkultur, u.a. in "Neue Rundschau", "Freibeuter", "Der Alltag", "Sprache im technischen Zeitalter", "Die Weltwoche", "Schreibheft", "Literaturwissenschaft und Linguistik", szenische Essays für den Hessischen und den Süddeutschen Rundfunk. Rezensionen und Glossen, vornehmlich für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Burkhard Spinnen hatte von

1997 bis 2000 eine Gastprofessur am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig inne.


Leseprobe

Plötzliche Unsicherheit

Mit Überraschung, beinahe mit einem Anflug von Panik, bemerkt ein unverheirateter Mann eines Morgens in der S-Bahn, daß er nicht auf Anhieb sagen kann, ob er - rein theoretisch natürlich! - mit der Frau ihm gegenüber würde schlafen wollen. Bislang hat er das stets gekonnt. Das heißt sogar: meistens, wenn er ein Abteil, einen Warteraum oder dergleichen betritt, stellt sich der Mann sofort und vollkommen beiläufig die Frage und beantwortet sie im Zuge einer raschen Musterung aller anwesenden Frauen jeweils eindeutig mit Ja oder Nein. Nun darf kein Irrtum aufkommen! Der Mann ist alles andere als ein Don Juan. Seine allgemeine Haltung zu Frauen durchschnittlicher Art, weder könnte man ihn besonders draufgängerisch noch übertrieben schüchtern nennen. Und letztlich ist seine Angewohnheit womöglich bloß eine harmlose Marotte. Was aber, andererseits, nichts ändert an seiner Fassungslosigkeit jetzt. Vier Stationen sind es, bis er aussteigen muß aus der S-Bahn. Ihm gegenüber sitzt noch immer die junge Frau mit der randlosen Brille und dem kurzen Rock. Und von seiner Seite kein annähernd sicheres Urteil! Vielleicht, denkt der Mann, ist ihm mittlerweile die Routine verlorengegangen; man wird immerhin älter. Außerdem nimmt ihn tageweise der Beruf vollkommen ein und geht er abends früh zu Bett. Und überhaupt, es ist eigentlich zum Lachen! Indessen mustert der Mann, um wenigstens, wenn schon die Intuition ihn verlassen hat, System in die Sache zu bringen, die junge Frau von Kopf bis Fuß: Ihre Haut scheint glatt und gesund, ebenso die Haare, regelmäßige Gesichtszüge hat sie, blaue Augen, an ihrer Kleidung wäre das eine oder andere auszusetzen, aber darauf kommt es ja eigentlich nicht an. Der Busen ist, soweit man das schließen kann, rund und groß; und die Beine sind, das ist nun ganz gut auszumachen, ziemlich gerade und schlank. Und? - Der Mann weiß nicht, was soll er denken. Das könnte jetzt, fühlt er, immer so weitergehen und nähme doch nie ein Ende. Fast ist er drauf und dran, die junge Frau anzusprechen. Oder, weiß Gott! Sie gleich zu entführen oder immerhin sie unter falschem Vorwand sonstwohin zu locken. Eine ganze Woche mit ihr zu verbringen. Vielleicht in Venedig, in einem alten Hotel. Das Zimmer wäre riesig. Sie lägen auf seidenem Bettzeug, und vom Kanal her stiege die Hitze eines Spätsommertages herauf. Irgendwo läuteten Glocken. Drittletzte Station. Die junge Frau steht auf und steigt aus, ein Mädchen setzt sich auf ihren Platz. Von seiner rechten Wange herab bis in den Halsausschnitt zieht sich ein großer, unregelmäßiger roter Fleck, wahrscheinlich eine Verbrennung, vielleicht auch eine angeborener Blutschwamm. Und den Mann, da er das sieht, überkommt mit großer Macht ein ihm bislang unbekanntes Mitleid. So daß er an der nächsten Haltestelle, also eine zu früh, aussteigen und den Rest des Weges zur Arbeit zu Fuß gehen muß, beinahe unter Tränen.

(aus: Trost und Reserve, erschienen im Fischer-Taschenbuchverlag in Frankfurt a. M., 1998, S. 56f )