Günter Seuren

Günter Seuren

 


Biografie

Geboren am 18.6.1932 in Wickrath als Sohn eines Maschinenschlossers; Hugo-Junkers-Gymnasium in Rheydt; 1953 Abitur; journalistische Laufbahn bei der "Neuen Post" in Düsseldorf; ab 1955 freier Schriftsteller und Filmkritiker der "Deutschen Zeitung". Günter Seuren lebte seit 1967 in der Schweiz und in München. Im Dezember 2003 verstarb er.


Preise

1963
Förderpreis (Literatur) des Landes Nordrhein-Westfalen

1966
Drehbuchprämie und Silberner Bär der Berliner Festspiele für "Schonzeit der Füchse" 1967 Georg Mackensen-Literaturpreis

1987
Filmpreis des Hauptverbandes deutscher Filmtheater für "Encantadas"- (Vgl.: KLG 32. Nlg, 1989)


Bibliografie

1961
Winterklavier für Hunde. Gedichte, Köln (2000 Neudruck.
München ISBN 3-9355284-21-7)

1962
Ich bringe Dreck ins Haus. Erzählung (in: Ein Tag in der Stadt. Hrsg. von Dieter Wellershoff. Köln, S. 53-118

1964
Das Gatter. Roman. Köln 1999 Neuauflage; ISBN 3-434-53034-7

1966
Schonzeit für Füchse. Drehbuch nach dem Roman "Das Gatter" (in der Zeitschrift "Film" Heft 6, 1966, S. 45-56)

1966
Lebeck. Roman, Köln (1969 als Taschenbuch erschienen)

1968
Das Kannibalenfest. Roman, Köln

1969
Rede an die Nation. Prosatext, Stierstadt/Taunus

1970
Der Abdecker. Roman, Frankfurt a.M. (1983 neue Ausgabe, Berlin; ISBN 3-88880-016-1)

1974
Der Jagdherr liegt im Sterben. Gedichte. Reinbek bei Hamburg ISBN 3-499-25053-5

1979
Die fünfte Jahreszeit. Roman.
Reinbek bei Hamburg ISBN 3-498-06134-8 (1980 DDR_Ausgabe, Berlin, Weimar)

1980
Abschied von einem Mörder. Erzählung.
Reinbek bei Hamburg ISBN 3-499-25142-6(das neue buch 142)

1982
Der Angriff. Erzählung.
Reinbek bei Hamburg ISBN 3-499-25166-3 (das neue buch 166)
1987 als Taschenbuch ISBN 3-499-15855-8

1985
Die Asche der Davidoff.
Reinbek bei Hamburg ISBN 3-499-15585-0 1989
Schätze dieser Erde: Abenteuer, Glück und Gold.
München ISBN 3-7951-1077-7

1992
Hundekehle. Roman.
Berlin ISBN 3-359-00679-8 ; 1995 Neue Ausgabe ISBN 3-359-00710-7

1993
Schatzsucher. Auf der Jagd nach dem verlorenen Gold der Jahrhunderte.
Bergisch-Gladbach ISBN 3-7857-0647-2 (2000 Neuauflage zusammen mit Sylvio Heufelder ISBN 3-8289-0746-6

2000
Die Krötenküsser.
Frankfurt a.M. ISBN 3-8218-0825-X (2002 Taschenbuchausgabe ISBN 3-442-72829-0

2001
Die Galapagos-Affäre.
Berlin ISBN 3-550-08345-9

2002
Jenseits von Wimbledon.
Frankfurt a.M. ISBN 3-8218-0871-3


Leseprobe

Zur Zeit war ich solo, konnte den Leuten nicht den beruhigenden Anblick von Mann und Frau bieten, die Seite an Seite durchs Leben gehen. Wir hatten uns getrennt, und ich schleppte eine kontrollierte Depression mit mir herum. Es hatte ganz beiläufig angefangen. Sie hatte bezahlt und saß irgendwo im Parkett. Ich war noch gut im Geschäft, kassierte ein paar Hunderter beim Leseabend und dachte überhaupt nicht an aussterbende Arten. Im Gegenteil, an dem Abend ging ich mit Freunden und Bekannten noch in eine Kneipe, um den Nachgeschmack vom Tingeln durch Buchläden und Volkshochschulen runterzuspülen. Unter den entfernten Bekannten war ein neues Gesicht. Sie hatte einen weißen Bordeaux im Kühlschrank. Alles fing von vorn an. Es dauerte länger, als ich erwartet hatte. Glücksarbeit, den vollgeladenen Einkaufswagen durch den Supermarkt schieben, an der Kasse stehen, zahlen und dabei spüren, daß man den Wohltäter spielt, um sich das Wochenende zu erkaufen. Besuchsweise lieben und dann zurück an den Schreibtisch. Sie war geschieden, brauchte einen Seelenmasseur. Aber dann kam diese Nacht, die mich veranlaßte, mich mehr um aussterbende Arten zu kümmern als um ein geregeltes Sexualleben. Das ist kein Witz. Ich brauchte eine Therapie, als alles vorbei war. Es war dunkel im Zimmer, nur der Fernseher war noch eingeschaltet. Wir hatten getrunken und irgendwann vergessen, auf die Fernbedienung zu drücken. Und wir hatten gerade noch soviel Beleuchtung, um die nackte Haut auf dem Teppich zu er-kennen. Außerdem hatte der Bildschirm momentan nur den einen Sinn, das Zimmer so auszuleuchten, daß wir die Weingläser auf dem Teppich nicht umkippten, wenn wir uns gegenseitig noch einen Schluck an die Lippen balancierten. Plötzlich sah ich diese kleine, dunkle Figur in der Tür, die vielleicht schon länger dastand, sich mit beiden Händen die Augen rieb, dann die Arme hängen ließ, als hätte man diesem Schatten das Schlimmste, was denkbar war, angetan. Dann sagte er: "Mutti!" Und noch einmal: "Mutti!" Wegen der Umarmung hörte sie nichts. Und der Schatten sagte: "Ich kann nicht schlafen." Ich lockerte die Umarmung und sagte: "Dein Sohn steht in der Tür." Von da an war alles vorbei. Er hatte uns noch nie nackt gesehen. Das war also der Besucher, der ihn daran hinderte, unter die Decke seiner Mutter zu kriechen. Er war nicht bereit, den Platz mit mir zu teilen, vielleicht war es auch umgekehrt. Sie schaltete das Licht an, hob ihn hoch und hatte Mühe, mit dem Neunjährigen, der sich an sie klammerte, auf den Beinen zu bleiben. Als sie aus dem Zimmer ging, sah er über ihre Schulter. Unter Tränen lächelte mir sein Haß entgegen. Sie brachte ihn in sein Bett zurück und kam lange nicht wieder. Ich hätte gern gewußt, worüber sie sich unterhielten. Jedes Wort, das gegen mich war, hätte ich gern gewußt. Dann legte sie sich wieder hin, müde, lustlos, abgeliebt. Was hat er gesagt, wollte ich wissen. Nichts, er hat nur schlecht geträumt. Warum sagte sie nicht, was sie hätte sagen sollen? Zieh dich an und geh. Er ist mir wichtiger als du. Dann hätten wir uns das in die Länge gezogene Ende ersparen können.

(aus: Die Krötenküsser, erschienen im Eichborn-Verlag in Frankfurt a. M., 2000, S. 13-15)