Egidius Paul Rütten

Egidius Paul Rütten

Theodor-Körner-Straße
17 41812 Erkelenz
Tel.: 02431 / 81 933


Biografie

Geboren 1936 in Mönchengladbach; 1956-1958 Studium der freien Grafik an der Werkkunstschule Krefeld. Danach arbeitete der Autor als Werbegrafiker, lebte kurze Zeit in Frankreich, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, zeichnete und malte. 1962-1966 Studium der Pädagogik und Philosophie an der Universität Bonn; anschließend Tätigkeit als Lehrer und Fachleiter für Kunsterziehung in Mönchengladbach. Neben der Malerei und der Grafik experimentierte der Autor mit Worten, fertigte Textcollagen, die er zum Teil in seine Bilder integrierte, schrieb sporadisch auch Gedichte. Seit 1991 widmete sich Rütten intensiver dem Schreiben. Der Autor über sich: "Bei meinen Texten handelt es sich um assoziativ erfahrene Bilder, Empfindungen, Gedanken, die sprachlich komprimiert, verdichtet werden. Auslöser zum Schreiben sind häufig Textfragmente aus Zeitschriften, Plakaten, Werbetexten, aber auch Aufgeschnapptes, Aufgelesenes aus Gesprächen in Kneipen, auf der Straße, im Supermarkt. Dabei spielt König Zufall für mich eine wichtige Rolle. So kommt es beim Schreiben zu überraschenden, unverhofften Konstellationen, die den Rhythmus des Gedichts, den Plot in einer Erzählung in Gang halten. Dabei entwickelt sich der Text fast wie von selbst weiter. Ich bin mir am Anfang nie sicher, wohin eine Erzählung geht, wie sie endet. Eigentlich gibt es in meinen Texten gar kein Ende im Sinne einer Vollendung. Was mich interessiert und neugierig macht, ist der Prozeß des Schreibens."


Bibliografie

Literaturzeitschriften und Anthologien

1993
Schritte finden, Geilenkirchen

1994
Begebnisse (zusammen mit Ortwin A. Derichs u. Gerd Sonntag). Geilenkirchen ISBN 3-931061-00-0

1995
Randwärts gerichtet. Erzählungen. Geilenkirchen ISBN 3-931061-02-7

1998
Im Auge Spiegelsplitter. Gedichte. Geilenkirchen ISBN 3-931061-03-5

2000
Schneetreiben. Roman. Rottenburg a/N. ISBN 3-931627-93-4


Leseprobe

Der Pächter der Kaffeebude hatte Bretter in den Morast vor seinem Laden gelegt, ein schmal beplankter Gang, auf dem man die letzten fünfundzwanzig Meter trockenen Fußes zu ihm gehen konnte. Die Bohlen schmatzten im Matsch bei jedem Schritt, quietschten, wenn sie beim Gehen aneinanderrieben. An einigen Stellen gurgelte lehmiges Wasser zwischen den Ritzen herauf. Bevor ich in den Laden trat, schüttelte ich die Nässe von meinem Mantel, schleuderte die Tropfen wie mit einer komisch altertümlichen Begrüßungsgeste von meinem Hut. Meine Brille beschlug sofort, als ich in den überheizten Raum kam. Die vertraute Figur des Pächters sah ich nur schemenhaft hinter seiner Theke, hörte sein übliches Begrüßungskürzel, das sich immer aufs Wetter bezog. Heute: "Schmuddelwetter, soll noch so bleiben übers Wochenende." Ich nahm die Brille ab, wischte die Gläser blank. Jetzt konnte ich wieder klarer sehen. Meine Zeitung lag schon da, die Flasche Bier wurde auf die Theke gestellt. Ich setzte den Flaschenöffner an, das vertraute Zischen, der Kronenkorken flog in den Kübel in der Ecke. "Ich hab nur noch Brötchen mit Käse und ein Baguette mit Schinken." Ich klemmte die Zeitung unter den Arm, nahm das Brötchen, die Flasche Bier und stellte mich an einen der hohen runden Tische in der Nähe des Fensters. Von hier hatte ich einen Blick auf den halb abgerissenen Trakt eines Wohnblocks. Das Dreietagenhaus war nur noch als Wand zum angrenzenden Wohnblock vorhanden. Im obersten Stock, auf himmelblauer Tapete mit Sprenkelmuster leuchteten in Augenhöhe ein paar hellere Rechtecke, dort hatten Bilder gehangen, vielleicht auch ein Spiegel. Tapetenfetzen am oberen Zimmerrand flatterten schlapp wie blaue Flügel im Regengrau. Hier war vermutlich das Schlafzimmer gewesen, möglicherweise auch das Wohnzimmer. In der Etage darunter eine Tapetenlandschaft, noch schwach erkennbar der Blick auf die Felsstürme des Dolomitenmassivs wie eine riesige Postkarte, vielleicht auch eine Ansicht des Colorado Plateaus mit dem Grand Canyon. Mitten durch die Felsformation ging ein Riß. Daraus quoll eine senffarbene Masse, aufgeweichter Mörtel, verlief sich im Tal des Felsmassivs, eine breiige Endmoräne, vertropfte sich auf den Resten eines Schranks an der unteren Wand. Ringsum das Rattern von Preßlufthämmern, da splitterte Holz, kreischte Eisen auf Eisen, schrammten Raupenketten über Beton. Eine Abrißbirne wummte im Gleichtakt gegen die Stahlbetonwand mir gegenüber. Die hielt noch stand, wankte aber bei jedem Schlag, würde sich nicht mehr lange halten können. Zwei Greifbagger reckten die Hälse, drehten suchend die Zangenköpfe hin und her, schnappten prüfend mit den Kiefern, bevor sie zupackten, zupften manchmal spielerisch hier an einem Stützpfeiler dort an einem Dachvorsprung, knickten Eisenträger durch, zermalmten krachend eine Betonplatte. Ich biß in mein Brötchen, nahm ab und zu einen Schluck aus der Flasche. "Das ist bald alles weg." Der Kaffeebudenbesitzer gab seinen üblichen Kommentar zu dem Geschehen da draußen. "Hier kommt dann ein riesiges Freizeitzentrum hin, sowas wie Disneyland, ein Treff für die Wohngebiete drumherum, das wird sogar ein Anziehungspunkt für die großen Städte ringsum mit Einkaufsmegamarkt, wo du alles kriegen kannst, und Dreifachsporthallen, ein überdachtes Fußballstadion, ein Erlebnispark mit Computerspielen und so'n Kram. Da kannst du als Robinson deinen Freitag treffen oder mit Neil Armstrong auf dem Mond spazierengehen oder eine Nacht mit Kleopatra oder, wenn du willst, mit Madonna verbringen." Er geriet beim Gläserputzen ins Schwärmen. "Ich will sehen, daß ich dann hier ein piekfeines Bistro aufmache. Der Antrag dafür läuft schon. Hab bloß noch nicht das Startkapital beisammen." Wie jedesmal, wenn er von seinem Traum eines eigenen Nobelcafes erzählte, redete er sich in Begeisterung, glaubte vielleicht mittlerweile schon selbst an seinen Traum von Glanz und Glamour. Ich schaute hinaus durch die Regenschwaden auf die grotesken Gesten der beiden Greifbagger. Die bewegten sich wie artifizielle Riesenechsen in einer zerfallenden Welt. Im dichter werdenden Regen verschwamm das Geschehen vor meinem Fenster, bekam eine unwirkliche Unschärfe. Die Restgemäuer mit den Sparren ragten ins Himmelsgrau. Das Dachstuhlgerippe, morsches Gebälk, verrottetes Holz glomm phosporfaulig. Die Absperrgitter, die Holzwände schienen sich aufzulösen wie in einem dampfenden Säurebad. Darin versank die ganze Umgebung, rutschte ab im lehmig-rostigen Schlamm, verflüssigte sich im grundlosen Morast. Nur noch die unablässig schnappenden Kieferzangen der Bagger ragten aus der trüben Brühe, suchten die graubraun-schlierige Oberfläche nach Greifbaren ab, fanden aber nichts wirklich Faßbares. Unfaßbar die versinkenden Reste einer erledigten Zivilisation von gestern. Noch trieben einige Teile wie verlorene Wracks auf dem ölig glatten Schlammspiegel. Da schwamm ein Fernseher schräg auf dem Kopf, übertrug immer noch eine Talkshow, eine Waschmaschine glitt vorüber, die unablässig die Wäsche in der Trommel drehte, eine Jukebox, die unaufhörlich dieselben Songs verplärrte. Und mitten darin ich in dem Stehcafé wie auf einer schwimmenden Insel, einer Art Arche, langsam abdriftend, einen weiten Kreis beschreibend, sich um sich selber drehend, ich. Die Kreisbewegung wurde allmählich schneller und der Radius verkürzte sich bei jedem Umlauf. Der Fernseher, die Waschmaschine, die Jukebox und einiges andere Gerümpel drehten sich mit, vollführten einen tollen Reigen. Spiralig näherte ich mich mitsamt dem Café dem Zentrum, wurde vom wirbelnden Sog erfaßt, eingesogen in den tintigen Trichter eines bodenlosen Strudels. Um mich war ein Rauschen. Schwärze rotierte in atemloser Schnelligkeit um meinen Schädel. Mein Atem stockte, brach ab. Ich rang nach Luft. Es dröhnte überlaut in meinen Ohren. Die nassen Wände schlugen über mir zusammen. Es klatschte naß in mein Gesicht.

(aus der Erzählung "Abbruch")