Sonja Otto

Sonja Otto

41363 Jüchen
Tel.: 0 21 66 / 85 92 14
E-Mail: sonja.otto@arcor.de


Biografie

Geboren am 22. März 1979 in Mönchengladbach. Nach dem Besuch des Gymnasiums an der Gartenstraße begann sie 1998 mit dem Studium der neueren deutschen Literatur, neueren englischen Literatur sowie der Mediävistik und Sprachwissenschaft an der Universität Bonn. In 2004 wird sie ihr Studium mit dem Magister abschließen. Seit November 2002 ist Sonja Otto verheiratet.
Sonja Otto hat 1999/2000 ihren ersten Roman Madame Godeau - Eine unzeitgemäße Begegnung geschrieben. Dieser Roman ist sehr persönlich geprägt und die Frucht einiger Jahre intensiven Erlebens und Fühlens- ist ,wie die Autorin selbst urteilt, kein leichtes Buch. Er ist aber trotz seines teilweise philosophisch-wissenschaftlichen Inhalts keineswegs ein Buch nur für einen professionellen Leserkreis. Mit viel Fantasie und einer ausgeprägten Beobachtungsgabe, die kein Detail auslässt, hat die Autorin mit den Mitteln ihrer Sprache fotografisch Szenen und Begebenheiten beschrieben, die den Leser mitten ins Geschehen versetzen und ihn mit Spannung und Erwartung erfüllen. Ein sehr junger Mensch, Antonie, liebt innig tiefen Blickes Madame Godeau, eine alternde Frau, eine Frau von mythischer Schönheit, heiliger Unnahbarkeit, eine Frau mit stillem Edelsteinblick. Hilfloser Hass ist zunächst- Antonies Reaktion auf den scheinbar- feindlichen Gegenpol jener Schönheit. In magischer Bande verleben Antonie, Madame Godeau und die Erzählerin ein einziges Wochenende in einem abgelegenen Schloss namens Hohenmut. Mit ihnen und um sie herum: unterschiedliche Altersgenossen Antonies; Heranwachsende, der herausfordernden Spannung zwischen Erinnern und Fortschreiten, dem EINST der Vergangenheit und dem der Zukunft, kraftlos ausgesetzt. Die rätselhafte tiefgründige Verbundenheit zwischen Antonie und Madame Godeau als Menschen verschiedener Generationen ist geprägt durch eine kaum überwindbare Distanz. In ihrer tiefen Verehrung zu Madame Godeau leidet Antonie unter dieser Distanz. Zu welcher Konsequenz wird sie letztendlich fähig sein?
Über ihren Roman sagt die Autorin selbst: Die Frage nach der Verbindung von Mythos und Moderne ist das Herz des Romans. Seine Seele ist tiefe Empfindung und philosophisch-psychologische Reflexion. Der Stoff basiert nicht auf reiner Fiktion, sondern ergab sich aus der Wirklichkeit, die ja bekanntlich immer interessanter ist als alles Erdachte. Doch erzählt der Roman natürlich nicht Wirklichkeit, sondern vielmehr die Wahrheit des Möglichen und ist damit doch wieder fiktional, auch, um seiner theoretischen Substanz gerecht zu werden Neuromantische Emotion und Sentimentalität finden in Madame Godeau Ausdruck, tiefe Reflexion und der moderne Umgang junger Menschen miteinander wie auch mit ihrer Identität und ihrem Zeitalter...
Sonja Otto hat einen weiteren kleinen Roman für die nahe Zukunft geplant. In diesem Roman wird das komplizierte und schwierige Wesen eines Künstlers im Mittelpunkt stehen, der, zwischen Rausch und Verzweiflung balancierend, an seiner Umwelt und eigenen Wesensbedingtheit zerschellt.


Bibliografie

2001
Madame Godeau - Eine unzeitgemäße Begegnung, Roman, Verlag Frieling & Partner. Berlin, ISBN: 3-8280-1410-0


Leseprobe

aus Madame Godeau, Seiten 80-82 und 214-215

Jetzt erwachte ich: All das war nicht der Grund, warum ich mich in diesem Moment ihrer Zimmertür näherte. Ich wollte zu ihr, wollte sie aus der Nähe sehen und allein, nicht wie ein entferntes Portrait, beständig von anonymen Menschenmassen umgeben, die es ansehen, zu ihm aufschauen, ohne die dargestellte Schönheit zu erkennen.... Sie war eine Frau von ungewöhnlicher Schönheit. Doch für mich war sie noch mehr, unverkennbar mehr: Sie war ein kleines Mädchen, das im Jahre des Inkrafttretens des NATO-Vertrags auf die Welt gekommen war, in dem Jahr, als, noch umnebelt von Trümmerstaub und Rauchschwaden der überheblichen, in pathologisch-zwanghafter Besinnungslosigkeit gewagten Schlacht zur Inkorporation der Welt, die Bundesrepublik Deutschland konstituiert worden war und die Sowjetunion ihre erste Atombombe gezündet hatte. Fünf Jahre bevor Adorno vom Altern der Moderne sprechen würde. In diesem Jahr war Lara geboren worden: als Kind eines Jahrhunderts, dessen Kunst sich in allen Zweigen eine neue Kultur gegeben, sich durch eine neue Art des Ausdrucks und der expressionistischen, zweckorientierten Handschrift moderner Stilrichtungen von jeglichem Historismus völlig abgelöst zu haben schien. Die Kunst des Expressionismus. Ein Schaffen aus den individuellen innersten Gefühlen, Kreationen befruchtet von friedloser, unmittelbarer Seelenlage: eine Kunst des Ausdrucks, auf den Theaterbühnen wie in der Malerei, eine Kunst der artistischen Inszenierung direkter Trieb- und Wesensmächte. War sie diesbezüglich nicht ein aktuelles Äquivalent zum literarischen Zeitalter des Sturm und Drang lediglich mit dem Unterschied, daß die moderne Ausführung jener pathetischen Unendlichkeitssehnsucht sowie der quälenden Verzweiflung des romantischen 18. Jahrhunderts, der Verzweiflung an der Polarität von empfindsam strebendem Geist und Individuum, wissentlich entbehrte und somit gerade jenen tieferen Grund für die Revolte gegen das bürgerlich  rationale Weltbild versäumt hatte auszudrücken? Der Expressionismus also als dilettantische Wiederbelebung, als abstrakte Renaissance des so geistvoll lebensdurchdringenden, ehemals überwundenen Sturm und Drang? Oder war er eine reinerbige Kreation des 20. Jahrhunderts? Und wie würde dann das nächste, zwangsläufig und gesetzmäßig irgendwann auf diese Periode folgende, besinnlich beschwichtigende klassische Zeitalter heißen? Würde es dieses geben...? In diesem Jahrhundert war Lara geboren worden. Als Madame Godeau hatte ich sie kennengelernt, nach ihrem Wesen zu suchen begonnen und von Zeit zu Zeit spürte ich es: Ich hatte das sensibel verletzliche Kind in ihr gefunden, war zu ihm zurückgekehrt, ich konnte es erkennen, in seine Augen sehen, konnte das kleine Mädchen in ihr begreifen. Das kleine Mädchen ich sah es, es war mir vertraut wie nichts anderes in der Welt. Wenn ich dorthin ging, wo sie war, dann war es jedes mal das gleiche Gefühl von phantastischer Rückkehr zu ihr. Rückkehr zum ewig Bekannten und warm Vertrauten; Heimkehr zur eigenen Keimzelle, zum behaglichsten Ursprung jene uralte inhärente Verwandtschaft, die endlos wiederbelebt wurde, neu begann. Es war das Gefühl ewiger Verwandtschaft. Natürlich wußte Madame Godeau nichts von meiner innigen Sehnsucht; vielleicht spürte sie etwas, doch klar erfahren hatte sie meine liebevolle Empfindung für sie niemals. Sie gab mir die gleiche allgemeine Freundlichkeit, die sie jedem ihrer Schüler schenkte. Oft verhielt sie sich mir gegenüber sogar seltsam gleichgültig, nämlich indem sie mir die qualvolle Gewißheit bestätigte, daß sie mit allen anderen ihrer Schüler womöglich sogar mit jedem anderen Menschen spielerischer, leichter in ein Gespräch jeglicher Art kommen konnte als mit mir. Sie hatte recht; so war es. Niemals sprach sie mich an. Niemals hatten wir allein miteinander gesprochen. Vielleicht hatte sie Angst, Angst vor der fordernden Sehnsucht eines fiebernden, todkranken Kindes. Doch diese Angst hätte sie nicht haben müssen; diese Kind war ich nicht. Sie war mir eindringlich vertraut. Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als bei ihr zu sein und sie zu trösten. Doch Lara hatte erwachsen werden müssen, bereits lange bevor ich auf diese Welt kam, so aussichtslos spät zu spät, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Madame Godeau behandelte mich mit gutgemeinter Distanz; wie vertraut mir auch ihr Mädchengesicht war, wußte sie nicht. Sie würde nicht vor mir weinen. Und durch die Masse hindurch schenkte sie mir genau die leise Freundlichkeit, welche für mich schon längst unerträglich und zur grausamsten Qual geworden war. Niemand war mir so innig vertraut wie sie. Ich war es gewohnt, zu schweigen. Niemals würde sie vor mir weinen. Ich schwieg aus Angst. Es schien, als habe sie Vorbilder in der Vergangenheit. Doch die Wahrheit war eine andere: Die Vergangenheit hatte Idealbilder, die sich in ihr zu ergreifender Realität vereinigten, steigerten....

Wo war das berechenbare normale Leben geblieben, der gewohnte friedliche Tagesablauf? Würde es ein Zurück geben? Würden wir in einigen Stunden einfach dieses Gebäude, diesen Hügel verlassen und zurückkehren in unser Alltagsleben, als wären wir nie hier oben gewesen? Ich hatte das Gefühl, von mir selbst, von dem, was ich bisher kennengelernt hatte, ewig weit entfernt zu sein doch gleichzeitig war ich allem jetzt ganz, ganz nah. War es gerade die Entfernung, die jene Nähe schuf...? Schmerzhaft brannten meine Augen; das ständige Dröhnen im Kopf, das Glühen im Gesicht; mein Körper schmerzte.... Wohin würde Toni gehen, nachher, wenn alles vorbei sein würde? Würde sie die Stufen des Treppenhauses noch einmal hierher hochsteigen? Würde sie, nein  sie würde nicht abreisen... Ich saß auf dem Bett, den Kopf an der kalten Wand. Hinter dem Fenster Wolkenschleier, davor in grauer Trübe die dunkelrote Kerze. Die Flamme war einfach ertrunken, der Docht für immer einbetoniert. Die Kerze stand kühl. Ihre Kontur war klar. Wo würde Toni hingehen, nachher... War es gerade die Entfernung, die jene Nähe schuf?...