Hildegard Kremer

Hildegard Kremer

Hülserbleck 36
41065 Mönchengladbach
Tel:: 02161 / 60 34 85



Biografie

Geboren am 16.01.1935 in Krefeld; dort aufgewachsen; Studium der Chemie an der Textilingenieurschule Krefeld (heute Fachhochschule Niederrhein), Abschluß als Textilingenieur (heute Diplomingenieur); Berufstätigkeit in der Textilindustrie, von 1992 bis 1997 Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Niederrhein, Fachbereich Textildesign. Seit 1971 arbeitet sie als freie Journalistin, heute überwiegend im Bereich der Kirchenpresse. Pseudonym: Hike. Seit 1962 lebt sie in Mönchengladbach. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn. Die Autorin über sich: "Sehen, erleben, empfinden, nachdenken, weiter fragen, den Humor nicht ganz vergessen und aus alledem etwas entstehen lassen, das im Gegensatz zum journalistischen Bericht mehr als einen Tag Gültigkeit hat. Das Geschriebene loslassen, ihm soviel Atem gegeben haben, dass es selbständig weiter lebt, anregt, entzündet, hilft, freut, ärgert oder tröstet." (vgl.: Literatur-Atlas NRW, 1992, S. 142)



Bibliografie

1982
Blickpunkt leben. Lyrisches und Nachdenkliches. Kevelaer ISBN 3-7666-9265-8

1983
Wie mich mein Sohn erzieht. Heitere Geschichten um Mutter und Sohn. Kevelaer ISBN 3-7666-9315-8

1985 Die Geheimnisse des Jeremias Tabbeldei. Ein ungewöhnliches Buch zur Erstkommunion. Kevelaer ISBN 3-7666-9403-0

1988
Aber ich lebe noch so gern. Notizen über Altwerden, Altsein und Sterben. Düsseldorf ISBN 3-491-72202-0

2001 Die neuen Großmütter. Anregungen für eine neue Rolle im Leben ISBN 3-49172-455-4)

2001
Ich lass dich nicht allein. Die späten Jahre meiner Mutter ISBN 3-49172-443-0



Leseprobe

 

Winterwunder

ein jubelndes Lied möchte ich dir singen von neuer Schönheit in alltäglichen Dingenvon des Winterwundersverletzlicher Haut von einer neuen Welt die meine Seele geschaut Schneeblüten schweben auf kahlen Zweigen Weißdiamanten tanzen den Sonnenreigen Häuser sind behutsam instand-beschneit Trennmauern mit Phantasiearabesken bereift verfeindete Wege verlieren die Spur ein Friedensnetz deckt bräutlich die Gräben zu ein behutsames Lied will ich dir singen von einer neuen Chance in alltäglichen Dingen von Wundern die immer wieder geschehnwenn man den Mut hatneue Wege zu sehn und zu gehen (aus: Blickpunkt: Leben : Lyrisches und Nachdenkliches, erschienen bei Butzon und Bercker in Kevelaer, 1982)

 


Noblesse oblige

"Es wird Zeit, daß es Ferien gibt", sagte ich zu meinem Sohn, als ich ihn - was ich in letzter Zeit tunlichst vermied - in seinem Zimmer besuchte. Sein Bett zu machen, hatte ich als sichtbaren Protest gegen das herrschende System einer für mich nicht mehr tragbaren Unordnung aufgegeben. Mein Sohn schreckte an seinem Schreibtisch hoch, sah mich geistesabwesend an und murmelte: "Scheidemann hat die Republik ausgerufen."

"Und ich den Notstand", konterte ich, indem ich einen mißbilligenden Blick auf das Tohuwabohu von Kleidern, benutzten Gläsern, Zettelhäufchen und Bücherstößen gleiten ließ. - "Hast recht, Notverordnung, Artikel 48 der Weimarer Verfassung. Außerkrafttreten des Persönlichen, sprich Eigentum und Menschenrechte."

"Wie du dein Eigentum regelst, müssen wir wohl auch demnächst in Paragraphen festlegen."

Ein prüfender Rundumblick meines Sohnes, und dann der Bumerang: "Paragraph eins: Meine Ordnung ist das individuelle Streben nach Persönlichkeitsentfaltung und hat nichts zu tun mit den traditionellen Denkmustern eines in schematisierten Formen erstarrten Hausfrauenhirns. Ende. Im übrigen habe ich vor, in den Ferien zu arbeiten."

"Sehr lobenswert, dein Zimmer und deine Mutter werden dir dankbar sein", meinte ich vorsichtig, denn "arbeiten" war mir im Zusammenhang mit Ordnung schaffen neu. Und richtig:

"Daß du dich man nicht vertust. Ich möchte in den Ferien richtig arbeiten, jobben, bei einer Firma, gegen money."

"Ach, nachdem du es jahrelang nicht nötig hattest. Wohl zu aufwendig gelebt, wie?"

Mein Sohn schnaubte und lehrte dann, daß Arbeit ein nicht zu unterschätzendes Element menschlichen Lebens sei und daß er sich dieses Element ein paar Wochen lang erfahrbar machen wolle.

Als erstes profitierte von dieser Wunschvorstellung die Post, indem durch unzählige Telefonate mit eventuell in Frage kommenden Firmen der Normalwert unserer Telefonrechnung in die roten Zahlen kam. Aber das soziale Netz der Familie fing sie auf. Weiterhin auffangen durfte es die schlechte Laune, denn der recht spät entwickelte Arbeitswille meines Sohnes erfuhr manchen Dämpfer von seiten der vielen Firmen, die leider nicht auf den Arbeitsenthusiasmus meines Sohnes vorbereitet waren und anderweitig disponiert hatten. Bis es dann doch zu einer Vorstellung kam.

Äußerlich in Selbstsicherheit gewandet, zog Veit los, um mir dann einige Zeit später zu berichten, daß man ihn eventuell einstellen werde. Allerdings entsprach der Stundenlohn von 5,50 Mark weder des Sohnes hochgeschraubten noch seiner Mutter nüchterner Erwartungen. Aber in der Not frißt der Teufel auch ausbeuterisch klingende Fliegen.

Der Ferienbeginn rückte näher, und eines Tages erkundigte sich telefonisch ein Herr Soundso, ob mein Sohn noch immer gewillt sei, besagten Job, der im Entkernen von Kirschen für eine honorige Pralinenmarke bestand, annehmen wolle. Ich bestätigte es, und mein Sohn tat es noch einmal hinterher. Er bekam die telefonische Zusicherung, daß er zur Ferienarbeit angenommen sei. Schriftliches bekam er aber nicht. Was ich, im Gegensatz zu meinem optimistischen Sohn, für bedenklich hielt. Und dann kam sie doch: die fotokopierte Feststellung, daß die Kirschen in diesem Jahr früher als erwartet reif und weniger als erwartet viel gewesen seien und daß man bedaure und vielleicht später..

Diese erste Erfahrung mit der "großkotzigen Arbeitgeberdiktatur" brachte meinen Sohn fast zum Rasen und mir die Erkenntnis, daß es vom gutwilligen Staatsbürger bis zum protestierenden Weltverbesserer nur ein kleiner Schritt ist. Die Familie fing diesen Schritt auf, war auch gewillt, dem leeren Schülerportemonnaie Sozialhilfe zu gewähren. Aber das traf nicht des Pudels Kern. Mein Sohn wollte im Grund nur einmal lernen, wie das so ist, wenn man acht Stunden täglich in den Produktionsprozeß eingespannt ist, ohne dabei selbst entscheiden zu können, wann und wie lange man Pause macht und wem man sich am Arbeitsplatz stellen muß.

Er brachte seine Negativerfahrungen in der Schule zur Sprache, und sieh da: das Image von der Ichbezogenheit der Oberstufenschüler erwies sich, wenigstens in diesem Fall, als nicht stichhaltig. Veit bekam von einem Kurskollegen den Tip, es doch einmal bei dessen eigenen Arbeitgeber zu versuchen, einem Geschäft für englische Antiquitäten, das hin und wieder Aushilfskräfte für den Möbeltransport brauchte. Veit hinterließ in besagtem Exklusiv-Shop seine Adresse und die Hoffnung, daß ein Hin- und-wieder-Job immer noch besser sei als gar nichts.

Eines Tages, kurz nach Ferienbeginn, wurde mein Sohn tatsächlich kurzfristig zum Möbeltransport beordert. Spätabends kam er, todmüde, aber strahlend, zurück. Mit einem Stundenlohn von sieben Mark und der Zusicherung, daß er für weiteres verwendbar sei. Die Welt bekam wieder ihr normales Gesicht.

Inzwischen hat es sich eingependelt, daß Veit in unregelmäßigen, aber heiß ersehnten Abständen, an "English Antiques" seine Behutsamkeit erweist, seine Sprachkenntnisse eine gewisse Fachbezogenheit erfahren, England als Reiseziel an Interesse gewinnt und sein Geschmack sich am 17 th century hochstilisiert. Dazu ab und zu in der Arbeitspause einen Old English Sherry, bei finanzkräftigen Kunden ein entsprechendes Trinkgeld und zu Hause einen Pfeifenständer mit einiger Auswahl. Dazu der Tabakduft von "spezial exklusive".

Noblesse oblige...

(aus: Wie mich mein Sohn erzieht : heitere Geschichten um Mutter und Sohn, erschienen bei Butzon und Bercker in Kevelaer, 1983)