Peter Klusen

Peter Klusen

41747 Viersen
Tel.: 02162/ 3 11 54

 

Biografie

Geboren 1951 in Mönchengladbach; lebt, zeichnet und schreibt seit 1981 in Viersen; er studierte Germanistik, Publizistik, Kunst und Sozialwissenschaften in Mainz und Aachen. Heute arbeitet er als Oberstudienrat am Franz-Meyers-Gymnasium in Mönchengladbach.

Peter Klusen ist Verfasser von Kinder- und Jugendtheaterstücken, Gedichten, Erzählungen und einem Roman sowie Übersetzer.1987 hat er seinen ersten Karikaturenband veröffentlicht. Nebenbei entwirft er Buchumschläge und gestaltet Illustrationen in pädagogischen Fachpublikationen. Er wirkte mit an der Gestaltung des Anabas Lehrerinnen- und Lehrerkalenders.

 

Bibliografie

(Auswahl)

1984
Das Wunder-Elixier. Ein modernes (Schul-) Märchen.
Weinheim ISBN 3-7695-1510-2. 3. Aufl. 1995

1985
Die chinesischen Gartenzwerge. Eine Farce voller Vorurteile.
Weinheim ISBN 3-7695-0586-7. 4. Aufl. 1998

1986
Die computergesteuerte Regenmaschine. Eine turbulente Gangsterjagd mit Gesang und Happy-End.
Weinheim ISBN 3-7695-0599-9

1987
Rettet dem Lehrer. Karikaturen.
Gießen ISBN 3-87038-282-1

1987
Riesenfrieder, Kuchenkrümel und der grosse Bär. Die Geschichte von einem, der auszog, das Fürchten zu ver lernen.
Weinheim ISBN 3-7695-0249-3

1988
Das Fest der Frösche. Ein gewagtes Spiel mit Musik.
Weinheim ISBN 3-7695-0332-5. 3. Aufl. 1996 

1991
Riesenfrieder, Kuchenkrümel und der grosse Bär. Die Geschichte von einem, der auszog, das Fürchten zu verlernen. Ein Roman für Kinder.
Wegberg ISBN 3-926525-09-6

1994
Besuch aus dem Weltraum. Ein Kasperlespiel nicht nur zur Verkehrserziehung für die Kinderbühne oder das Puppentheater.
Weinheim ISBN 3-7695-1613-3

1994
Lichterloh im siebten Himmel. Gedichte.
ISBN 3-922690-51-3

1996
Desperado oder Jeder ist seines Glückes Schmied. Jugendstück, 3. Aufl.
Weinheim ISBN 3-7695-0326-0
 
1996
Prinz und Bettelknabe. Eine historische Satire für junge Menschen jeden Alters nach Motiven des gleichnamigen Romans von Mark Twain, Weinheim

1998
Klapsmühle. Alles ganz normal. Sketche.
Düren ISBN 3-89778-704-0

1999
Schöne Aussichten. Kurzgeschichte, In: Mit List und Tücke.
Lindau ISBN 3-9804163-5-6

1999
An einem dieser Tage. Erzählung, In: Leselust.
Köln ISBN 3-920862-23-6

2004
Der Tod kostet mehr als das Leben
ISBN 3-923261-72-1

2008
Augenzwinkernd - Eine lyriische Kammersinfonie in drei Sätzen. (Gedichtesammlung).
Editions Treves. - ISBN 9783880815056 

2010
Der lächerliche Ernst des Lebens. 
Editions Treves. - ISBN 978-3-88081-518-6  

 

Leseprobe

An einem dieser Tage

Es gab Tage, da traute Gerbig sich nicht vor die Tür. Er wachte im Morgengrauen auf, spähte in den Himmel und wußte sofort, daß dies nicht sein Tag war. Wichtige Erledigungen oder Termine verschob er unverzüglich und kroch wieder ins Bett, um größeres Unheil zu vermeiden.

Als er an diesem Morgen, nach einem ersten, skeptischen Blick in die Wolken, Wasser lassend im Bad stand, roch er das nackte Unheil. Laut raunte er in die Kloschüssel: "Kein Schritt vor die Tür heute!"

Es regnete in Strömen, dunkle Wolken hatten sich über den Dächern zusammengeballt, und die Autos bewegten sich mit kreischenden Keilriemen aus den Parklücken.

Das Telefon gellte und riß Gerbig aus seinen Betrachtungen. Die Haare standen ihm wirr zu Berge, und mit einer Hand hielt er seine Schlafanzughose fest. Es war der kackbraune Frotteepyjama, an dessen Hose der Gummizug seit Monaten ausgeleiert war.

"Ich muß gelegentlich ein neues Gummi einziehen", seufzte Gerbig laut und zog die Hose energisch hoch, dann hielt er auch schon den Telefonhörer in der Hand.

"Gerbig?"

Er meldete sich am Telefon immer mit diesem fragenden "Gerbig?", dem er einen genervten Unterton beigab, als empfinde er es als eine Zumutung, von wem auch immer angerufen zu werden.

"Was?", schrie er.

Er lauschte stumm und bekam einen glasigen Blick. Nach einer Weile legte er den Hörer neben den Apparat und wankte wieder ins Bad.

"Meine Musch", flüsterte er tonlos. "Jetzt ist es also passiert."

Frau Rütten, eine entferntere Nachbarin, hatte seine Katze gefunden. Hinter dem Haus auf dem Rasen. Ihre Worte hatten sich in seinem Kopf eingenistet wie eine Schar kreischender Fledermäuse. Sie sei mitten in der Nacht von fürchterlichen Schreien aus dem Schlaf gerissen worden. Die Katze habe sich mit völlig unkoordinierten Bewegungen auf dem nassen Boden hin- und hergewälzt. Etwa zehn Minuten lang. Eine Annäherung an sie sei unmöglich gewesen. Unentwegt habe sie mit allen Vieren und ausgefahrenen Krallen um sich geschlagen. Nach einem letzten grauenhaften Schrei sei das Tier endlich unter heftigen Zuckungen zu Tode gekommen und habe sich schnell versteift. Sie müsse wohl irgendwo Gift gefressen und sich noch bis in den Garten geschleppt haben. Den Kadaver habe sie in die Mülltonne geworfen, wegen der Kinder.

Er hatte es geahnt. Sie war gegen Mitternacht aus dem Haus gegangen, er hatte deutlich die Katzenklappe gehört, und später war sie nicht in sein Bett gekommen. Das hatte ihn die ganze Nacht irritiert, hatte ihn keinen richtigen Schlaf finden lassen.

Nun würde er sich ankleiden, einen starken Kaffee trinken, in den Keller hinuntersteigen und seine Schrotflinte aus dem Ölpapier wickeln. Das Gift hatte seine Musch beim alten Jansen gefressen. Daran gab es überhaupt keinen Zweifel. Und dem würde er nun einen letzten Besuch abstatten.

Gerbig versteckte das Gewehr unter dem dicken Wollmantel. Den Kragen hochgeschlagen, marschierte er gegen den Wind. Sein Gesicht war wie versteinert, und es mischten sich seine warmen Tränen mit dem eisigen Regen.

Musch war ihm vor zwölf Jahren zugelaufen. Seitdem hatten sie zusammengelebt. Vor fünf Jahren hatte er sie mit denselben Symptomen vor Jansens Gartentür gefunden. Am hellichten Tag. Damals hatte er das Tier vom Boden hochgerissen, war, ungeachtet der bösen Fleischwunden, die sie ihm in beide Hände und Unterarme schlug, mit ihr zum Tierarzt gehetzt und dort vor Schmerz und Erschöpfung zusammengebrochen. Als er wieder zu sich kam, saß Musch auf seiner Brust. Schnurrend blinzelte sie ihn an. Am anderen Tag war er zu Jansen gegangen und hatte ihn zur Rede gestellt. Ohne Umschweife war er auf das Gift zu sprechen gekommen, und Jansen hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht zu leugnen.

"Ich kann die Viecher nicht ab", hatte Jansen gesagt, "nicht nur die Katzen. Es kommen auch Hunde und Karnickel! Das ist mein Garten, da mach ich, was ich will!"

Gerbig hatte ihn damals gewarnt, aber Jansen hatte nur gelacht und sich an die Stirn getippt.

"Mein Garten ist mein Paradies. Da wächst nur, was ich gepflanzt habe und sonst nichts! Katzen- und Hundepisse ist Gift für den Rasen. Ich habe ein Gegengift, das ist reine Notwehr!"

Sie waren in heftigem Streit auseinandergegangen und hatten sich seitdem nicht mehr gegrüßt. Weder auf der Straße noch im Supermarkt oder beim Internisten, wo sie einmal drei Stunden gemeinsam im Wartezimmer verbracht hatten, ohne ein Wort zu wechseln.

Der Himmel hatte sich ein wenig gelichtet, als er vor dem eingeschossigen Klinkerbau Jansens anlangte. Ohne zu zögern, drückte er den Klingelknopf. Durch die Tür hallte gedämpft der Dreiklangton. Er betätigte ihn noch einmal und noch einmal und richtete mit der Rechten den Lauf der Flinte in Bauchhöhe senkrecht gegen die Tür. Drinnen ging das Licht an. Im Schloß wurde ein Schlüssel gedreht. Gerbig entsicherte das Gewehr und faßte mit der Linken entschlossen den Lauf.

Die Tür wurde geöffnet, und Gerbig drückte ab. Der Knall betäubte ihn, und der Rückstoß warf ihn fast auf die Straße. Jansens mächtiger Körper flog blutüberströmt zurück in den Hausflur. Die Schrotladung hatte ihm den Unterleib zerfetzt. Ein winselndes Röcheln war zu hören, Hände und Füße zuckten und verkrampften fast augenblicklich. Reglos und in der Mitte geknickt hatte sich Jansens blutiger Körper in der Diele verkeilt, das tote Gesicht war schmerzverzerrt, und die Augen blickten fragend ins Leere.

Gerbig versteckte das Gewehr unter seinem Mantel und ging nach Hause. Er fühlte sich besser, erleichtert. Er hatte es tun müssen. Und es war richtig und gerecht gewesen, diesen Mörder zu töten. Er hatte ihn seinerzeit gewarnt. Er war selbst schuld.

Noch eine Tasse Kaffee war in der Warmhaltekanne, Gerbig goß die Tasse voll. Der Kaffee schmeckte bitter. Gleich würde er die Polizei anrufen und ein Geständnis ablegen. Aber was hieß hier Geständnis? Er würde den Sachverhalt ganz objektiv darstellen. Jansen war selbst schuld.

Er wählte die Nummer, nannte seinen Namen und erzählte dem Beamten, was vorgefallen war. Er dürfe das Haus nicht verlassen, ein Streifenwagen werde ihn gleich abholen, hatte man ihm gesagt.

Gerbig ging ins Schlafzimmer, um das Nötigste einzupacken. Ihm fiel ein, daß er nur noch den braunen Frotteeschlafanzug mit dem ausgeleierten Gummizug hatte, die anderen waren in der Wäsche. Der Schlafanzug lag noch auf dem Bett. Gerbig griff mechanisch danach und fuhr mit einem langgezogenen Schrei zurück. Unter dem Schlafanzug lag seine Musch, schnurrte behaglich und blinzelte ihn erstaunt und verschlafen an.

(aus: Leselust, erschienen im Dittrich-Verlag in Köln, 1999)