Clemens Füsers

Kurfürstenstraße 156
10785 Berlin
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Mobil: 0173 / 292 57 53
E-Mail: CFüsers@aol.com

 

 

Biografie

Geboren 1955 in Viersen, aufgewachsen in Mönchengladbach; 1973-1980 Ausbildung und Tätigkeit als Fachpfleger für Geistes- und Nervenkranke und Therapeut an der Rheinischen Landesklinik Mönchengladbach; nach dem zweiten Bildungsweg 1981-1987 Studium der Anglistik und Romanistik an der TU Berlin (MA); seit 1987 freier Journalist, Autor und Regisseur, dabei seit 1986 freier Mitarbeiter der Neuen Züricher Zeitung. Clemens Füsers, seit 1996 Mitglied im Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD), ist Autor und Regisseur zahlreicher Reportagen, Sketche, Glossen sowie von Kurzfilmen für diverse TV-Sender. Mit dem Schreiben begann Füsers schon in der Zeit als Pfleger. Da aufgrund reichlicher Medikation die Nachtwachen mitunter ruhig verliefen, begann Füsers die tägliche Arbeit in den Grenzbereichen der menschlichen Psyche prosaisch zu verarbeiten. Es war naheliegend, dass Patienten die Vorlage für seine literarischen Figuren darstellten, und bis heute sind in seinen Erzählungen die Verwirrung des Geistes und die Zerrissenheit der Gefühle zentrale Themen geblieben. Motto all dieser Gebeutelten könnte lauten: "Es irrt der Mensch, so lang er strebt!". Im preussischen Exil wurden Füsers seine rheinisch-katholischen Wurzeln wieder bewußt, und so sind seine Texte durchzogen von der typisch rheinischen Ambivalenz zwischen Melancholie und Frohsinn. Indes der Abstand zu den Wurzeln für ihn die Reflexion erst ermöglichte, frei nach dem Joyce-Zitat: "Heimat ist immer da, wo man weg will"

 

Bibliografie

1997 Chicago Sechs mal Sechs. Erzählungen.Berlin ISBN 3-932191-03-X  2000 Danke, gestorben. Roman. Berlin ISBN 3-932191-14-5 

Prosa
(in der Literaturbeilage der "Neuen Züricher Zeitung")

1987
Les anecdotes du nouveau-baroque. Texte zur gleichnamigen Ausstellung von Xavier Regis Delerue, Galerie am Klausenerplatz, Berlin 

1987
Der Ton macht die Musik. Der Stachel des Skorpions

1988
Schräges am Abhang. Theorie und Praxis. Liebe ohne Grenzen

1989
Bei Pfeiffers. Die Seele des Kindes. Ein Wohltätigkeitsbasar

1990
Der Segen des Fortschritts 

1998
Amors Irrtum.
I n: Muschelhaufen Nr. 38, S. 7-23

1998
Der blinde Fleck.
I n: Hundspost - Zeitung für die literarische Gegenwart, Nr. 10, S. 12 f.  

Bühne

1994
Co-Regisseur und Co-Autor des kabarettistischen Bühnen-programms Gabi Decker: "Ich wär so gerne Chauvinist"

1998
Co-Autor des kabarettistischen Bühnenprogramms "Gabi Deckers Klassentreffen"

Musik

1998
Children can't be wrong. The Mariachi Hip-Hop-Club, (Lyrics), Virgin Records

Film & TV Beiträge
(Auswahl)

1986
"585 KHZ", Co-Autor und Hauptdarsteller, Fernsehfilm ZDF, Regie: H. Schier

1989
"Chicago 6 x 6", Buch und Regie, 35mm Kurzfilm, Produktion: Madeleine Remy Filmproduktion

1990
"Kalter Rauch", Buch und Regie, Kurzkrimi Rias TV, Beta S/W

1991
"Tote trinken keinen Karo", Buch, Regie und Produktion, Kurzkrimi, Deutsche Welle TV, Premiere, Beta S/W

1993
"Das Geheimnis des Maltesers", Buch, Regie und Produktion, Kurzkrimi, Deutsche Welle TV, Premiere, Beta S/W

1994
"Die Reise nach Tunesien", Drehbuch, 35mm Kurzspielfilm, Regie und Produktion: Christian Hannoschöck (Prädikat: "Wertvoll") 

1994/95
"Der Frauenarzt von Bischofsbrück", Drehbuch, Fernsehserie Pro Sieben, Regie: Roman Kuhn

1995
"Made in Germany", Drehbuch, Regie, Comedyshow RTL II, Produktion MPS München

1996/97
"Spott-Light", Autor, Kabarett Show SFB (ARD), Regie u. Produktion: Dieter Hallervorden

1998
"Tod durch Liebe", Drehbuch, Folge der Krimiserie "Im Namen des Gesetzes", Opal Film, RTL



Leseprobe

Die Vorhänge blieben Tag und Nacht geschlossen, in den Fassungen fehlten die Glühbirnen, und den Fernseher mit der kaputten Bildröhre hatte er von seinem Nachbarn umsonst bekommen, ihm reichte der Ton. Ansonsten lag und stand alles in der Wohnung an seinem gewohnten Platz, eine Maßnahme, die seinen Alltag lebensnotwendig bestimmte. Er übte eine jener raren Tätigkeiten aus, die für Menschen geeignet sind, die nicht den Mond von der Sonne unterscheiden können. Ansonsten wählte er jeden Freitagabend die Nummer, die er schon seit über einem halben Jahr in seinem Tastentelefon gespeichert hatte. Während er den Hörer zwischen Ohr und Schulter klemmte, legte er seine dunkle Brille auf die Sessellehne, und als er die sanfte, rauchige Stimme am Ende der Leitung vernahm, hatte er schon die Hose geöffnet und beide Hände fest um sein Geschlecht gelegt. Das Spiel mit den Worten war immer das gleiche; er nannte sie Lola, und sie sagte chèrie zu ihm; sie taten, als seien sie Frischvermählte, die aus irgendeinem Grund weit von einander getrennt sind und die sich in verzehrender Gier nach ihren Körpern sehnen. Sie verlangte stets nach seinem heißen Samen, und er sprach von der makellosen Zartheit ihrer Haut und dem süßen Nektar ihrer feuchten Muschel. Hatte der Mann sich in den ersten Gesprächen noch ausschließlich an der Geilheit des Gesprochenen gerieben, so verzückten ihn zusehends die Stimme und der Tonfall der Frau. In letzter Zeit hatte er darüber mehrfach seine Erregung vergessen und mußte seinen Höhepunkt, so wie es die Frau am Telefon mit aller Wahrscheinlichkeit auch tat, vortäuschen. Das Spiel war in der Regel nach knapp zehn Minuten zu Ende, doch seit kurzem versuchte der Mann, dem anonymen Dialog eine persönliche Wendung zu geben, was die Frau am Telefon, deren Stimme ihn so sehr fesselte, immer brüsk zurückwies. Danach blieb alles dunkel wie zuvor. Der Mann, der sein eigenes Gesicht nur erahnen konnte, betrat das ihm vertraute Postamt und klopfte mit seinem dünnen Stock gegen den Kunstharzständer, der die Diskretionszone markierte. Nach einigen Sekunden rief ihn der Postbeamte an den Schalter, wo der Mann einen Zahlschein unter dem Panzerglas hindurchschob, und während der Schalterbeamte, dessen Äußeres er sich noch nie vorzustellen genötigt sah, den Schein für ihn ausfüllte, empfingen seine Ohren wie immer den Klangteppich seiner Umgebung. Als er die Töne filterte, durchzuckte seinen Körper ein Erdbeben, dessen Epizentrum kurz unter seinem Herzen lag. Mithilfe seiner geschulten Sinne gelang es ihm einigermaßen mühelos, den Ursprung seiner Erschütterung zu orten. Am benachbarten Schalter unterhielten sich zwei Personen weiblichen Geschlechts. Er erkannte die Stimme der einen Frau sofort, es war die Stimme, für die er überhaupt noch lebte, sie war der Ursprung seiner Eruption. Die Frauen sprachen schlecht über Männer, und eine von ihnen zählte nun ein Bündel frisch knisternder Geldscheine nach. Er strengte sich an, keine anderen Laute wahrzunehmen, und dabei wunderte er sich, daß ihm noch nie der Gedanke gekommen war, jene Frau, deren Stimme ihn so oft verzaubert hatte, könne in der gleichen Stadt, geschweige in seiner unmittelbaren Nähe wohnen. Merkwürdigerweise mußte die Frau, deren Duft er aus dieser Entfernung leider nicht einsaugen konnte, deutlich kleiner sein als ihre Freundin, denn er registrierte genau, wie sich die ihm phonetisch Fremde beim Sprechen tief nach unten beugte. Er fühlte, wie sich die beiden Frauen umdrehten und stumm den Ausgang des Postamtes ansteuerten; dabei quälte ein schrilles Quietschen, das von einem abgenutzten Einkaufswägelchen herrühren mußte, sein Trommelfell.

 

(aus: "Hundspost" Nr. 10, Hundspost e.V., Hamburg, 1998, S. 12)