Jutta Chrisanth

Tel: 0 21 61 / 59 00 42

Biografie

Geboren 1957 in Mönchengladbach; aufgewachsen ebenda und in Birth am Niederrhein; 1977 Abitur an der Bischöflichen Marienschule; 1977-1981 Studium der Sozialarbeit an der Fachhochschule KöIn; 1985 Beruflicher Wechsel in den Bereich Verwaltung.Jutta Chrisanth ist seit 1992 Iiterarisch aktiv, zunächst vor allem durch Teilnahme an Schreibwerkstätten und an Schreib- und Leseprojekten unterschiedlicher Art und im Zusammenspiel mit anderen Künstlern. Sie ist Mitbegründerin der Autorengruppe Federspur, die 1997 ins Leben gerufen wurde, und Mitglied des Duo Criminale, das seit Ende 2004 Krimilesungen im Raum Mönchengladbach veranstaltet.

 

Bibliografie

1997
erste Veröffentlichung im Rahmen der Mönchengladbacher Literaturtage

1997
Veröffentlichung als Mitglied im "Forum der Begegnung", Düsseldorf

1997
Lesung im lokalen Rundfunksender "Radio 90,1" (Weihnachtsgeschichten)

1998
Veröffentlichung in der Textsammlung "Mord im Ort"

1998
Lesung im lokalen Rundfunksender "Radio 90,1" (Krimis und Weihnachtsgeschichten) durch die Schauspielerin Regine Andratschke

2003-2005
Gründung des "1. Literarischen Schnellimbisses" in Mönchengladbach, Schau Raum déjà-vu - eine jährliche Lesereihe

Nov. 2005 
Lesung im Museum Abteiberg im Rahmen der 1. Mönchengladbacher 

Okt. 2006 
Lesung im BIS-Kulturzentrum im Rahmen der 2. Mönchengladbacher Krimitage 

Nov. 2006 
Schöne Bescherung, erschienen in der Anthologie "Weihnachtsgeschichten am Kamin", Rowolt-Verlag 

In Arbeit

- "Give me five" merkwürdige 5-Minutengeschichten
- "MG-mordskurz" Kurzkrimis aus Prominenten- und anderen Kreisen
- "Geschichten vom Meer" Nordseeimpressionen
-  sowie eine bisher ungeordnete Sammlung von Kurzkrimis und
    Geschichten, die so oder anders jedem passieren könnten.



Leseprobe

Meersalz

Die bunt gestreiften Strandkörbe waren leer.
Die Sonnenanbeter waren jetzt um diese frühe Stunde um die reichlich gedeckten Frühstückstische versammelt, joggten ihre ersten Runden am Strand oder belauerten misstrauisch den neuen Tag von ihrem Bett aus.

Die Zimmermädchen liefen ungeduldig im Flur auf und ab und die Pensionsbesitzerinnen zählten die Brötchen, die in den nimmersatten Mäulern der Touristen verschwanden.

Der perfekt gebräunte Kanuvermieter lag in seiner Hängematte und wartete auf frische lebenshungrige Schönheiten. In der Regel waren es drei, die sich im Laufe der Sommerferien in ihn verliebten. Er, süchtig nach der Euphorie des ersten Augenblicks, nahm die Abschiedsmelancholie der jungen Mädchen gelassen hin.

Der ein wenig seltsame Holger stocherte gelangweilt mit seiner Schippe in einem angeschwemmten Muschelhaufen herum und der alte Herr, der diesen überdimensionalen Sandwall um seinen Strandkorb errichtet hatte, saß in seiner kleinen Nordseefestung und las die Bildzeitung. Hin und wieder ein Auge auf die Dame mit dem rosafarbenen Tuch werfend, die scheinbar die Sonne nicht vertrug.

Der Dicke aus dem Sauerland, der jetzt schon seit fünfzig Jahren auf die Insel kam, radelte über die Strandpromenade und machte seine erste Kontrollfahrt für diesen Tag.

Die schöne Mittfünfzigern saß frisch geölt auf ihrem orangefarbenen Handtuch und hatte der Sonne den Rücken zugedreht.

Nur der struppige Rauhaardackel mochte es schattig. Er hob an der offen stehenden Schublade eines Strandkorbes sein Bein und verschwand unter der Wolldecke, die wohl irgendjemand am gestrigen Abend zurückgelassen hatte.

Ich gähnte entspannt und ließ mich rücklings in den feuchten Sand fallen. Als mich die erste große Welle der Flut überrollte, nahm ich einen kräftigen Schluck. Das Meer war kalt und salzig.

Baltrum, im August 2004


Der Verführer

Es war schrecklich heiß. Viel zu heiß für diesen Frühsommermorgen und erst recht für diese sonst so milde Flussgegend.
Ich verließ die Autobahn und folgte der Landstrasse. Auf welch’ fürsorgliche Weise er mir den Weg zu sich beschrieben hatte. Voller Sorge, dass wir uns vielleicht verpassen könnten. Ich hatte alles brav notiert, wohl wissend dass der Zettel - wie die meisten meiner schnell zusammen gekritzelten Aufzeichnungen - bestimmt wieder im letzten Augenblick in einem Blätterberg meines Schreibtischs verschwinden würde. Außerdem wollte ich ihn viel lieber intuitiv finden. Vielleicht ein wenig zu spät kommen.

Als ich mit meinem neuen Wagen an den Parkplatz des Hauses Nr. 65, einem sonnengelb gestrichenen kleinen Landhaus, mit ein, zwei Schmetterlingen im Bauch heranschlich, war es halb zwölf. Ich war zu früh.

Er trug eine helle Sommerhose, ein blütend weißes T-Shirt, ein blauweiß kariertes Hemd mit kurzen Armen und war leicht gebräunt. So hatte ich ihn noch nie gesehen.

Zuerst begegneten sich unsere Blicke, dann scheu herantastend unsere Hände. Er war erfreut. Ich auch. Beinahe hätte ich vergessen, weshalb ich eigentlich hergekommen war.

Er hatte es nicht vergessen, nahm mich kurzentschlossen bei der Hand und führte mich - wie versprochen - auf Entdeckungsreise durch sein farben- und sinnenfrohes Gartenreich.

Romantisch umrankend, harmonisch aufeinander abgestimmt und dann wieder anschmiegsam, aber auch wild wuchernd, die Sinne erregend, hatte er es geschmackvoll arrangiert und mit unendlich viel Liebe angelegt. Bouquets und Düfte komponiert, die mein Herz und sicher noch so manch’ anderes höher schlagen ließen.

Ich lächelte verzaubert und folgte ihm auf Schritt und Tritt, das ein oder andere Kompliment hauchend, sporadisch Seufzer des Glücks von mir gebend, übersah wohlwollend wie er heimlich mit seinen warmen braunen Augen die meinen, den Mund und meine in strahlendes Türkis getauchten Brüste ertastete und nahm sie mit Freuden hin, die Früchte seiner Arbeit.

Als ich ihn ins Haus begleitete war es Punkt zwölf.

Die Küche war klein. Er hatte gleich die Tür hinter sich geschlossen. Auf dem liebevoll gedeckten Tisch warteten Kaffee und Kuchen für zwei und aus einer Stereoanlage wehte leise Musik herüber. Dann nahm er die Brille ab und schaute mir hemmungslos auf den Grund meiner Seele.

Da, jetzt spürte ich sie wieder. Die beiden Schmetterlinge, oder waren es mittlerweile drei?

Er sprach derweil von Liebe. Erzählte von gekränkten Gefühlen, von neu erwachter Sinnlichkeit, beruhigender Meditation, von nie gekannten Lebensfreuden, von erlaubten und verbotenen Genüssen, vom Verlassenwerden und vom Neuentdecken und ich, ich hörte ihm aufgeregt zu und dachte die ganze Zeit an Blumen. Wenn er doch bloß über Blumen sprechen würde.

Als er mir endlich vier Exemplare von "Kraut und Rüben" und drei Hefte "Mein schöner Garten" in die Hand drückte, war es halb zwei.

Ich verließ ihn glücklicher als ich gekommen war, mit frisch gepfückten Bohnen, Zucchini und Rote Beete im Kofferraum, einem berauschend schönen Blumenstrauß auf dem Beifahrersitz und dem Gefühl, geliebt zu werden.

Sicher würde er jetzt wieder seine alte Hose, das verschwitzte Hemd und den Nierenschutz anziehen. Was machte das schon. Schließlich war er mein Gärtner und ich würde ihn frühestens im Herbst wiedersehen. Dann, wenn die Sträucher beschnitten und die Pflanzen winterfest gemacht werden müssten. Ich atmete tief durch und dachte an meinen Mann. Heute würde ich ihm etwas Köstliches kochen. Italienischen Bohnensalat von erntefrischen Bohnen, liebevoll eingelegte Zucchini in Olivenöl und selbst gekochte Rote Beete mit Schnittlauch und kleingeschnittenen Schalottenwürfeln und auf dem Tisch würde dieser betörend duftende Blumenstrauss stehen.


Eine ungewöhnliche Karriere

Mit sechzehn widerfuhr Gottlieb das Glück, das erste Mal die Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen. Diese Begegnung mit der so genannten Staatsgewalt hatte ihn nicht unangenehm berührt. Offen gestanden hatte es ihm vielmehr ein Vergnügen bereitet, auf das er zukünftig keinesfalls mehr verzichten wollte.
Beim Eintreffen der beigebraun gewandeten Herren hatte er wie stets dienstags und donnerstags im Eingangsportal des hiesigen Standesamtes gehockt und versucht, Heiratswillige mit seinem eigens dafür entwickelten Fragebogen von diesem weit reichenden und für mindestens einen der Beteiligten fatal endenden Schritt abzuhalten.
Mit ausgesprochenem Zartgefühl und einer Sensibilität, die derartigen zwischenmenschlichen Ausnahmesituationen angemessen war, konfrontierte er die bis dahin Ahnungslosen mit einem Test, der aus 12 Fragen bestand. Der Einfachheit halber handelte es sich ausschließlich um Ankreuzfragen. So nahm die Beantwortung nur wenig Zeit in Anspruch und er konnte die Auswertung direkt und in wenigen Minuten sicherstellen.
Meist suchten die Herren der Schöpfung danach das Weite, was auch nicht weiter verwunderlich war, trugen sie doch in der Regel das größere Risiko bei diesem gesetzlich streng geregelten Bund. Ein bißchen seltsam das Ganze, aber eben nicht kriminell, mussten die Polizisten konstatieren.
Die ersten telefonischen Belästigungen von heiratswilligen Männern, deren Adresse er aus der Vorankündigung des Standesamtes entnommen hatte, brachten ihm eine Verwarnung durch den Schiedsmann in seinem Wohnbezirk ein. Er hatte die bis dahin Wildentschlossenen pausenlos mit Anrufen traktiert und ihnen die Hölle auf Erden prophezeit.
Unangenehmer wurden die Begegnungen mit der Justiz nachdem er unaufgefordert im Vorleben heiratswilliger Damen und ihrer nächsten Anverwandten umfangreiche Recherchen angestellt und die Ergebnisse den zukünftigen Ehegatten und Schwiegereltern hatte zukommen lassen.
Die Zuschauer der ersten Gerichtsverhandlung hatte er jedenfalls zum Staunen gebracht. Ja, ja da war so manches pikante Detail aus dem Vorleben der vermeintlichen Jungfräulein zu Tage getreten und auch die lieben Verwandten warteten häufig genug mit Abscheulichkeiten und Kuriositäten auf, die an Peinlichkeit kaum zu überbieten waren.
Die erste Braut fischte man im August des letzten Jahres aus dem Wasser. Ein Spaziergänger entdeckte sie in einem Fluss ganz in der Nähe der elterlichen Wohnung von Gottlieb. Es dauerte lange bis man ihn mit der Tat in Zusammenhang brachte. Später sollte sich herausstellen, dass er sie an seinem 25. Geburtstag aus dem Hinterhalt kommend mit seiner Krawatte erwürgt hatte.
Dem vorausgegangen waren zahlreiche Observationen, manchmal rund um die Uhr. Die Tatwaffe fand die Polizei in seinem Kleiderschrank. Sie hing ordentlich über einer Seidenschnur neben den sieben weiteren Krawatten.
Bei der späteren Vernehmung hatte er zu Protokoll gegeben, dass es für ihn ein besonderer Kick gewesen sei, die Bräute sozusagen auf den letzten Drücker, also am Vorabend der standesamtlichen Trauung davon abzuhalten, einen Mann unglücklich zu machen.

Und nun saß er auf der Anklagebank im Schwurgerichtssaal seiner Heimatstadt und folgte teilnahmslos den Ausführungen des gerichtlich bestellten Gutachters, der ihn tagelang untersucht und mit Fragen gequält hatte, die nur einer stellen konnte, der von heiratswütigen Frauen nichts verstand.
Er sprach von ausgeprägtem Ordnungs- und Gerechtigkeitssinn, einem hochgradig gestörten Mutter-Sohn-Verhältnis und einem erstaunlich guten Geschmack bei der Auswahl von Krawatten.

Doch Gottlieb war mit seinen Gedanken schon längst bei seinem Zellenkumpel, der ihm vertraulich erzählt hatte, dass er seine Verlobte im Knast heiraten wolle.

Ein schrecklicher Gedanke, aber auch eine neue Herausforderung.


Familienglück

Er wird sich am Abend mit seinen Freunden beim Bier in seiner Stammkneipe treffen und mit Ihnen über den geplanten Segelturn sprechen. Später wird er wie immer von seiner Frau abgeholt werden, weil er vorhat, ein paar Bierchen mehr zu trinken. Er hat zwar den Namen seiner Frau angenommen, aber Zuhause hat er trotzdem das Sagen.
Sie hat Architektur studiert und einen sehr guten Abschluss gemacht. Sie haben früh geheiratet, weil der Kleine unterwegs war. Gearbeitet hat sie nie in ihrem Beruf. Sie zieht mit wechselnder Begeisterung die Kinder groß und hütet Haus, Garten und Hund.
Er wird wieder mit der neuen Kellnerin flirten. Auf dem Nachhauseweg wird sie über die Schulprobleme der Kinder sprechen und er wird an den kleinen, festen Po der Kellnerin denken. Er wird sich zurücksehnen nach der Zeit, als er noch keine familiären Verpflichtungen hatte. Er wird auch an seine Affäre mit der Praktikantin denken, die sechs Wochen im Betrieb war und sich Hals über Kopf in ihn verliebt hatte. Er hat es vermieden, sich über die Praktikumszeit hinaus, mit ihr zu treffen, weil er keine neuen Verpflichtungen wollte.
Er wird an die ersten Monate mit seiner Frau zurückdenken, als die Kinder noch nicht da waren und sie eine tolle Figur hatte. Sie wird müde sein und ihn bitten, sich das nächste Mal von einem Freund mitnehmen zu lassen.
Wenn sie Zuhause ankommen, wird Licht im Haus sein.
Er wird das neue Auto in die zu enge Garage fahren und sie wird die Treppe hoch stürmen, um nach den Jungs zu sehen.
Sie wird gerade noch mitbekommen, wie der Mann mit der Strumpfmaske aus dem Flurfenster des obersten Stocks in den Garten hinunter springt.
Die Schränke werden durchwühlt, der Safe leer geräumt sein und die Kinder werden stumm in ihren Betten liegen.
Sie wird die Kinderbetten noch in der Nacht frisch überziehen und wochenlang das Haus immer wieder vom Dachboden bis zum Keller vom Schmutz befreien.
Nichts soll mehr an die grausige Tat erinnern.
Fremdgehen wird er nicht mehr.
Die Grabpflege werden sie sich teilen.


Hochzeit

Aus der Tiefe des Meeres dröhnte
sein herzhaftes Lachen empor.
Der glühende Sonnenball würde
gleich zu ihm hinabtauchen und
dann würde das Fest beginnen.

Die Perlmuttmuscheln öffneten
neugierig ihre Schalen und sahen
den tanzenden Seehechten zu.

Die jungen Austern blieben wie
immer verschlossen.

Der frisch vermählte Meeresgott
war glücklich.

Baltrum, im August 2004


Hundeleben

Er war einer dieser schmuddelig gefleckten Strandhunde,
die am Hafen in den Körben herrenloser Fahrräder schliefen.

Kurzbeinig und stummelschwänzig und mit einem schrecklich unanständigen Gang. Als die gutriechende Pudeldame ihn entdeckte, zog er den Schwanz ein und sprang zurück in seinen Fahrradkorb. Vielleicht war sie gut im Bett, aber er hatte Null Bock auf Heiraten und Familienleben.