Nachrichten aus der Musikschule

Wie war Musikschule in den vergangenen acht Wochen?

Lehrer, Schüler und eine Sekretärin erzählen von ihren Erfahrungen in den letzten Wochen. Von glücklichen und witzigen Momenten, von Anstrengung und Frust - und was sie aus dem Musikunterricht in Zeiten des Lockdowns mitnehmen.

Denis Schmitz

Alle reden groß von Digitalisierung. Jetzt kam sie mit der Brechstange. Ich habe sofort meinen ganzen Stundenplan ins Internet verlegt. 30 von meinen 32 Gitarrenschülern haben mitgemacht. Weil man nicht zeitgleich begleiten kann, habe ich den Unterricht mehr als Ping Pong aufgebaut, also mit viel Zuhören, Vor- und Nachspielen. Das brachte eine andere Ruhe und ich war nach den Stunden emotional nicht so ausgepowert wie sonst. Ich fand toll, dass es für uns Lehrer keine strengen Vorgaben von der Schulleitung gab. Stattdessen wurde auf unser Engagement und unsere Ideen vertraut. Dann habe ich viel mehr Lust, mein Bestes zu geben. Unterricht in meinem Wohnzimmer hat aber auch Nachteile. Du musst vorher immer Ordnung machen und gucken, dass keine leere Bierflasche herumsteht. Aber der Trick ist, die eine Hälfte des Zimmers aufzuräumen und den ganzen Kram hinter den Bildschirm zu schieben.

Sophie Sczepanek

Ich war sehr froh, dass ich online Kontakt mit meinen Klavierschülern halten konnte. Ich habe auch Tutorials auf meine Homepage gestellt, die ich in Zukunft weiter einsetzen werde. Ein Schüler hat mir in der ersten Online-Stunde über die Handykamera seine riesige Playmobil-Sammlung gezeigt. Wir haben dann jede Woche ein Motto festgelegt: Ritter, Feuerwehr oder Indianer. Nach jedem Üben hat er eine Figur aufs Klavier gestellt und mir am Ende der Woche ein Bild der langen Reihe geschickt.

Rüdiger Blömer

Ich bin gelernter Tonmeister, daher bereiten mir Technik und Equipment kein Kopfzerbrechen. Aber ich finde Online-Unterricht schrecklich. Nicht nur, weil mir das Gequietsche auf der Geige, das bei mir ankommt, in den Ohren weh tut. Auch wenn der Schüler eine Superleitung und tolle Kamera hätte, würden 90 Prozent fehlen. Es kommt auf die Energie an, die zwischen Lehrer und Schüler fließt. Da wird etwas in der Tiefe verzaubert und verändert. Der Schüler braucht einen Lehrer, der schimpft, lacht, sich freut, ihn ermutigt. Auf dem Handy-Display oder am Laptop sieht er nicht mal, wenn ich die Augenbraue hochziehe. Ich bin heilfroh, dass dieser Spuk ein Ende hat.

Francis Norman

In schwierigen Zeiten zeigt sich, wie tragfähig eine Beziehung ist. Mir war sehr wichtig, in den letzten Wochen verlässlich für meine Schüler da zu sein. Man musste viele Abstriche hinnehmen. Aber die Kinder waren sehr dankbar. Ich habe auch angestoßen, dass über 100 große und kleine Streicher bei sich zu Hause das Lied „Ich lieb den Frühling“ aufgenommen haben. Der Film, der daraus zusammengeschnitten wurde, lässt unsere Verbundenheit durch Musik so schön spüren. Jetzt freue ich mich riesig, meine Schüler wieder zu sehen. Und dass auch die ganze Bandbreite des Unterrichts wieder möglich ist.

Joshua (12)

Ich habe gerade eine unterirdische Bewässerung in meinen Gemüsegarten eingebaut. Bei meiner letzten Klavierstunde mit Klaus Paulsen bin ich in den Garten gegangen und habe ihm über Webcam mein Gemüsebeet gezeigt. Er hat mir Tipps gegeben, wie ich gefräßige Schnecken fernhalte. Es ist praktisch, dass er genauso gerne gärtnert wie ich. Ich hatte nämlich nicht ganz so viel Klavier geübt.

Elke Diekhoff (Sekretärin)

Als Knall auf Fall die Musikschule geschlossen wurde, war bei uns in der Verwaltung ein Riesen-Durcheinander. Ununterbrochen ging das Telefon. Die Lehrer waren verunsichert und hatten Fragen. Viele brauchten auch einfach jemanden zum Zuhören.  Ich kam mir fast vor wie eine psychologische Beraterin. Jeden Tag kamen neue Vorgaben, manchmal sogar mehrmals täglich. Es ist nicht immer leicht, in einer städtischen Behörde kreativ zu arbeiten. Aber die Kommunikation zwischen Lehrern und Büro ist bei uns sehr gut. Wir haben dann viel diskutiert, jeder hat seine Ideen eingebracht. In der Krise habe ich besonders gemerkt, was für ein vertrauensvolles Klima hier herrscht.

Mechthild Mohren

Ich habe meinen Schülern auf einer Apfelwiese Geigenunterricht gegeben. Wir hatten ja tolles Frühlingswetter. Oft sind Passanten stehen geblieben und haben zugeschaut. Es kamen zufällig auch mal Leute vom Ordnungsamt vorbei. Die haben sich auch über die schöne Musik gefreut. Nach dem Unterricht durfte jedes Kind eine Runde in den Apfelbäumen klettern. Wir haben auch regelmäßig kleine Konzerte im Freien gegeben. Eine Achtjährige hat zum Beispiel unterm Fenster eines Altenheims Volkslieder auf der Geige gespielt und dazu gesungen. Sie hat tollen Applaus bekommen.

Klaus Paulsen

Ich muss gestehen: Ich habe nicht mal ein Smartphone. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich in meinem Leben noch lernen muss, wie eine Videokonferenz geht. Aber nun war die Situation da und ich dachte mir: Mach das Beste daraus. Ein neuer Computer war bei mir sowieso überfällig. Einen Tag habe ich dann geübt und dabei viel Hilfe von Kollegen und Schülern bekommen. Dann war ich fit und habe meinen Gesangsunterricht online gegeben. Weil Begleiten mit der Verzögerung übers Internet nicht geht, habe ich meine Schüler viel a capella, also alleine, singen lassen. Das werde ich auch in Zukunft mehr machen. Und meine nächste Baustelle ist ein Smartphone.

Stefan Vörding

90 Prozent meiner Trompetenschüler haben beim Unterricht über Skype mitgemacht. Am Klang zu arbeiten, konnte man vergessen. Aber für mich war der Online-Unterricht eine sehr gute Überbrückung, um meinen Schülern Konstanz zu geben und damit sie nicht einrosten. Ich habe sie mehr spielen lassen als zu kontrollieren.  Jetzt war langsam die Oberkante erreicht. Der Reiz des Neuen nutzte sich schon ab. Ich bin erleichtert, dass jetzt wieder richtiger Unterricht möglich ist.

Marion Bleyer-Heck

Ich habe mir den Online-Unterricht immer über den Tag verteilt. Das fand ich viel entspannter als wenn in der Musikschule einer direkt nach dem anderen zum Flötenunterricht kommt. Dadurch hatte ich auch am Ende noch Zeit, mit meinen Schülern zu reden. Das war mir in den letzten Wochen sehr wichtig. Sie haben mir zwischendurch oft Aufnahmen geschickt. Alle haben viel geübt und Fortschritte gemacht. Es ist schon witzig, wenn eine Schülerin beim Unterricht nasse Haare und einen Handtuch-Turban auf dem Kopf hat. Aber ich hatte auch mal mein Lümmel-Sweatshirt an und kam barfuß aus dem Garten.

Phillip (10)

Meine Klavierlehrerin Frau Sczepanek kommt immer mit einem Lächeln im Gesicht. Das muntert mich auf, egal was für ein Tag ist. Wenn sie neben mir sitzt, klappt vieles irgendwie plötzlich. Es tut mir gut, wenn sie da ist, mich ermutigt und sich freut. Beim Online-Unterricht geht all das nur halbe halbe. Am Handy ist sie wie hinter einer Glasscheibe und ich sehe sie ja auch nur klein. Ich mag beim richtigen Unterricht, wenn sie mir etwas vorspielt. Dann stelle ich mich immer neben sie, um genau zu gucken. Ich freue mich ganz riesig, dass ich jetzt wieder in die Musikschule darf.

Lara Diez

Der Online-Unterricht hat unsere Einsamkeit aufgehoben. Deshalb habe ich ab der ersten Woche meinen kompletten Tanz- und Theaterunterricht ins Internet verlegt. Aber den Kontakt zu halten und wirklich etwas zu vermitteln, war viel schwieriger. Ich musste mich extrem gut vorbereiten, um jeden Moment die Aufmerksamkeit der Schüler zu halten. Und ständig hüpfte jemand aus der Kamera oder ich konnte nur den Oberkörper sehen, nicht die Füße. Aber es gab auch viele tolle und witzige Momente. Einmal rief ein fünfjähriges Mädchen am Ende: „Lara, ich liebe dich!“

Christian Malescov

Ich habe all meine Schüler online unterrichtet. Trotz aller technischen Widrigkeiten hat das einiges gebracht. Sie hatten ja viel Zeit zum Üben und jeder ist jeder ein Stück weitergekommen. Für mich war okay, dass die Schüler in mein Wohnzimmer gucken konnten. Das hat für mich mit Vertrauen zu tun. Von den Zimmern der Schüler habe ich nicht viel mitbekommen, dafür war ich zu sehr aufs Unterrichten fokussiert. Denn es ist viel anstrengender, Energie aufzubauen. Ich habe beobachtet, dass ich eindringlicher wirke, wenn ich ganz nah an die Kamera gehe und der Schüler mein Gesicht in Großaufnahme sieht. Das habe ich gezielt eingesetzt. Und mir fiel auf, dass eine kleine Schülerin beim Vorspielen immer wieder in die Kamera guckte, ob ich noch da bin. Beim Live-Unterricht macht sie das nicht mal, wenn ich hinter ihr stehe. Wir spüren die Präsenz des anderen dann einfach.

Silvia Joeris

Ich fand sehr ermüdend, die ganze Zeit in den Bildschirm zu gucken. Und hohe Querflöten-Töne klingen übers Internet einfach gruselig. Daher habe ich auch Anregungen übers Telefon oder Mail gegeben. Es war sehr gut, den Kontakt zu halten. Aber Unterricht würde ich das nicht nennen. Eine fünfjährige Schülerin hat sich immer geduckt oder ist zur Seite gegangen, wenn sie müde wurde. Dann konnte ich sie auf dem Bildschirm nicht mehr sehen. Ich musste sie mit Zureden oder einer schönen Melodie zurücklocken – oder aufhören.

Hanna Heck (5)

Ich habe Ballett und Flötenunterricht. In letzter Zeit habe ich am Computer getanzt und am Handy geflötet. Das fand ich super, es ist halt mal was anderes. Und ich konnte tanzen, obwohl ich nicht in die Musikschule durfte. Die Kinder aus meiner Gruppe habe ich nicht so vermisst. Ich komme dann ja immer aus dem Kindergarten. Aber das Kuchenbuffet in der Musikschule hat mir gefehlt. Deshalb hat Mama mir vorher immer Proviant auf das Fensterbrett gelegt. Wenn ich zwischendurch Hunger kriegte, konnte ich schnell ein Kartoffelbrötchen essen.

Bildnachweis: privat/Musikschule

Bildreihenfolge: Denis Schmitz, Sophie Sczepanek, Rüdiger Blömer, Francis Norman und Anna (15), Joshua (12), Elke Diekhoff, Mechthild Mohren und Bennett (8), Klaus Paulsen, Stefan Vörding, Marion Bleyer-Heck, Phillip (10), Lara Diez, Christian Malescov, Silvia Joeris, Hanna Heck (5), Coroni-Bild aus dem Online-Theaterkurs

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