Harmonieplatz

- Station des Rundgangs "Versteckte Schönheiten"

Harmoniestraße 1
41236 Mönchengladbach
Gisbert Fongern - Untere Denkmalschutzbehörde
Gisbert Fongern - Untere Denkmalschutzbehörde

Beschreibung

Rundgang: Versteckte Schönheiten

Rheydt gehört 1945 zu den sehr stark zerstörten Städten des Nordrhein-Gebietes. Von 11.174 seit Mai 1940 bombardierten Gebäuden sind bei Kriegsende weniger als 1.000 Bauten unbeschädigt. 80 % der Innenstadt ist dem Erdboden gleich gemacht.

Dringendste Aufgabe der Wiederaufbauplanung ist die Instandsetzung der lebenswichtigen Stadtfunktionen und die Schaff ung von Wohnraum, die großräumige Lenkung des Verkehrs in breiten Trassen um den Stadtkern herum, der Ausbau von Erschließungsstraßen in das Zentrum sowie die Aufl ockerung und Durchgrünung der Innenstadt.

Auf Vorschlag von Prof. Dr. Hans Schwippert übernimmt der Architekturpublizist und spätere Architekt Alfons Leitl die Funktion des Generalplaners für den Wiederaufbau. Er propagiert einen rigorosen Neuanfang. Statt den alten Stadtkern Rheydts wieder aufzubauen, sieht er Vorzüge darin, eine neue Stadt an günstigerer Stelle zu errichten, zumal die wirtschaftliche, insbesondere die industrielle Entwicklung der Stadt im Jahr 1946 in keiner Weise vorherzusagen ist.

So ordnet Leitl bis Herbst 1947 im Generalbebauungsplan das gesamte Rheydter Stadtgebiet im Hinblick auf Verkehr und Verteilung der Flächen neu. Schon im März 1948 wird die Wiederaufbauplanung durch den Wiederaufbauminister des Landes Nordrhein-Westfalen genehmigt. Am 25.08.1949 erlässt der Stadtrat ein Ortsstatut, das Geschosshöhen und Geschosszahlen für die Innenstadt verbindlich vorschreibt. Die vom Rat beschlossenen Grundlagen, die umfassende städtebauliche Neuordnung und das planerische Konzept zusammen mit seiner Umsetzung in Verwaltung und Politik sind wegweisend für andere Städte. Sie gelten als Vorbild für das im Aufstellungsverfahren befi ndliche und seit dem 29. April 1950 rechtsgültige nordrhein-westfälische Wiederaufbaugesetz. Es geht in der Folgezeit als „Lex Rheydt“ in die Wiederaufbaugeschichte ein.

Der aus den Vorgaben entwickelte Bebauungsplan verleiht der Innenstadt von Rheydt durch das Zusammenwirken von Häuserzeilen aus Wohn- und Geschäftshäusern sowie wechselnden Straßen- und Platzräumen einzeitgemäßes städtisches Gepräge. Es wird durch moderne Bautechniken mit Skelettkonstruktionen und Flachdächern ergänzt. Zugleich baut Leitl auf den vorhandenen Siedlungsstrukturen auf, bewahrt beispielsweise bei der Hauptstraße vor den Kammbauten die Breite der früheren Straße und schafft so Anknüpfungspunkte für die stadtgeschichtlich- städtebauliche Identität.

Kern der Leitl’schen Aufbauplanung ist die Hauptstraße, die die hohen städtebaulichen, künstlerischen und gestalterischen Intentionen verdeutlicht. Ihre markante Kammbebauung schafft durch Vor- und Rücksprünge platzartige Aufweitungen. An markanter Stelle steht das Wohn- und Geschäftshaus des Tabakwarenhändlers Paul Wallraf (Hauptstraße 30 / Harmoniestraße). Das als Stahlskelettkonstruktion errichtete Objekt ist zentraler Baustein der Kammbebauung an exponierterer stadträumlicher Stelle und dient als Musterhaus für die gesamte Geschäftshauszeile. Auch Althausbestand integriert Leitl durch vorgesetzte Balkone beim Haus Harmoniestraße 1 geschickt in die verschwenkte Straßenführung, die sich im Haus Harmoniestraße 3 fortsetzt.

Als Pendant hierzu zeigt das Haus Hauptstraße 26 eine markante Lochfassade. Allen Gebäuden sind verputzte Tragkonstruktionen eigen, deren gemauerte Füllungen zeittypische, der Sgraffi to-Technik ähnliche, geometrische Putzapplikationen zeigen.

Der Innenstadtbereich Rheydts dokumentiert in besonderer Weise die Wiederaufbauleistung und städtebauliche Neuordnung nach den starken Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Aus diesem Grund ist der Aufbaubereich mit seiner charakteristischen Bebauung der 1950er und 60er Jahre am 01.08.2016 förmlich als Denkmalbereich festgesetzt worden.

Information zum Baustil: NACHKRIEGSMODERNE / 50ER-JAHRE ARCHITEKTUR

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Nachkriegsmoderne geprägt durch Inhalte und Wirkungen der Klassischen Moderne, insbesondere des Bauhauses.

Die Architektur der Wiederaufbaujahre wird bis zum Ende der 50er Jahre als Erste Nachkriegsmoderne bezeichnet. Nach der Internationalen Bauausstellung in Berlin im Jahr 1957 mündet sie in eine Übergangsphase, ehe sich ab dem Beginn der 1960er Jahre die Zweite Nachkriegsmoderne etabliert. Die erste Phase von 1945 bis 1957 ist gestalterisch von der Rasterfassade bestimmt. Während einer Übergangsphase zwischen 1957 und 1963 bestimmt die Vorhangfassade die Außengestaltungen. Sie mündet in die zweite Phase, die ab 1970 von Postmoderne, Dekonstruktivismus u. a. abgelöst wird. Die Unterscheidung in zwei Phasen entspricht zwar grundsätzlich den Entwicklungen in Westdeutschland und in der DDR. Dort folgte die Architektur jedoch schon früh einem politisch bedingten Umschwenken zu traditionalistischem Bauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg fi ndet Stahlbeton weite Verbreitung im Bauwesen. Er wird als vielseitig einzusetzender Baustoff geschätzt. Er ordnet sich architektonisch-gestalterischen Vorgaben unter und mit ihm lassen sich preiswert sowie schnell Bauprojekte umsetzen. Die Nachkriegsmoderne ist gekennzeichnet durch einen radikalen architektonischen Wechsel, mit dem man sich von den traditionell- konservativen Strömungen aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bzw. den monumentalistischen Auswüchsen insbesondere während der 1930er Jahre deutlich distanziert. Dennoch bleiben allenthalben die allgemeine Materialknappheit und Bescheidenheit der ersten Nachkriegsjahre spürbar.

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