Henrike Naumann

2000
Kategorie: Ausstellungen Kultur
Museum Abteiberg
2000, Kleiderständer im Vorzimmer, 2018 Foto: Henrike Naumann

HENRIKE NAUMANN 
2000 
11. März – 10. Juni

Sittenbild deutsch-deutscher Wohnkultur

Museum Abteiberg zeigt vom 11. März bis 10. Juni die Ausstellung „2000“ von Henrike Naumann

Warum ist es heute einfacher, einen gewellten Spiegel zu finden als einen geraden? Henrike Naumann legt in ihrer Ausstellung unter dem Titel „2000“, die im Museum Abteiberg ab Sonntag, 11. März, eröffnet wird (12 Uhr/Künstlergespräch 14 Uhr) und bis zum 10. Juni zu sehen ist, eine zeitgeschichtliche Archäologie der Hinterlassenschaften der Postmoderne in Deutschland frei. Was macht die Allgegenwärtigkeit postmodernen Designs in Kopie der Kopie im Alltag mit den Deutschen? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hatte der postmoderne Bauboom ab 1990 für das Leben der Menschen in der ehemaligen DDR? Kann man sich durch Möbel radikalisieren? Und wie war das gleich noch mit der Expo 2000 in Hannover, deren Chefin wenige Jahre zuvor als Treuhand-Präsidentin die Abwicklung der Ostbetriebe verantwortete?

Naumann nimmt das Milleniumsjahr als Ausgangspunkt für eine Betrachtung der 1990er Jahre in Ost- und Westdeutschland und der Nachwirkungen postmodernen Designs auf die deutsche Gesellschaft. „Ich war gerade fünf Jahre alt und habe natürlich nicht verstanden, was politisch abging. Mich hat aber fasziniert, dass plötzlich mit der Wende auch ein Möbelwechsel erfolgte und alle Leute ihre Möbel an die Straße stellten“, erzählt Henrike Naumann. Basierend auf die damaligen Beobachtungen und den daraus im Laufe der Jahre resultierenden ihren Überlegungen verwandelt sich nun die Große Wechselausstellung des Museums Abteiberg in einen sonderbaren ‚Deutschen Pavillon‘, eine Grabungsstätte, in der die Trümmer der Postmoderne und der Deutschen Einheit versammelt sind. Die Ausstellung bewegt sich zwischen Museum, Messestand, Concept Store, Wohnzimmer und Ruine.

Expo 2000 und Terror 2000, Treuhand und Love Parade, Gerhard Schröder und Dr. Motte, Generation Golf und Möbel Höffner – ein deutsch-deutscher Pavillon gefüllt mit Objekten und Möbelstücken, subjektiv und emotional ausgewählt: aus dem Archiv der Künstlerin, aus dem Exposeeum Hannover und aus Mönchengladbachs Wohnzimmern. Ihre Videoarbeiten, die auf analogen wie digitalen Videoformaten entstehen, liegen im Raum wie Trümmer aus einer nahen Vergangenheit, die antiken Tonscherben unserer Zeit.

Henrike Naumann (*1984 in Zwickau) studierte Bühnenbild an der Kunstakademie in Dresden, anschließend Szenenbild an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg und begründete ihren Übergang zur Bildenden Kunst mit der Möglichkeit, das Publikum unmittelbarer in Räume hinein zu versetzen, folglich mit dem Phänomen der Immersion. Alle Elemente eines Interieurs, alle Möbel und Accessoires einer räumlichen Einrichtung arbeiten daran, das Publikum einzunehmen. Naumann operiert mit einer beinahe perfiden Nutzung der Erfahrungen, Bewertungen und Vorurteile des Publikums. Sie lenkt darauf hin, dass man Vertrautes entdeckt und sich in dessen Bewertung beobachtet: Positiv, negativ, selten neutral.

Konkret ging es in ihren ersten Arbeiten, die unmittelbar aus ihren Studieninhalten heraus in Ausstellungsräume kamen, um Ästhetik und Gesellschaft seit der deutschen Einheit, die Konfrontation von Ost und West und das Phänomen von Rechtsradikalismus und extremem Hedonismus in ihrer eigenen Generation. Naumann erlebte es als Jugendliche in Zwickau und geriet am Ende ihres Studiums dort zurück in ihre eigene Vergangenheit, als 2011 die Terrorgruppe NSU aufflog, die in Zwickau seit 1992 ihre unerkannte bürgerliche Existenz gelebt hatte.

Das Projekt 2000 für das Museum Abteiberg handelt von der Zeit der Postmoderne in Deutschland, von einer Verbindung zwischen politischer, gesellschaftlicher und ästhetischer Wende, den Relikten dieser Zeit und ihren Versprechungen: Expo 2000 und der Jahrtausendwechsel als Höhe- und Endpunkte, danach wurde die Postmoderne als Vergangenheit notiert. Der Ort dieser Ausstellung spricht Zeichen: Das Museum Abteiberg, eröffnet 1982, war einer der Gründungsbauten der Postmoderne. Henrike Naumanns Projekt 2000 steht in intensivem Dialog mit Hans Holleins Architektur und ebenso mit seiner vorausgegangenen Ausstellung „Alles ist Architektur. Eine Ausstellung zum Thema Tod“ (Städtisches Museum Mönchengladbach 1970), die bereits in Holleins Begriffen ein posthistorisches Grabungsfeld war. Die Ausstellung wird realisiert in Kooperation mit dem Kunstverein Hannover und dort anschließend zurück an den Ort der Expo 2000 gehen. Realisiert mit großzügiger Förderung durch die Hans Fries-Stiftung und mit Unterstützung des Exposeeum Hannover.

Informationen zur Künstlerin: www.henrikenaumann.com.



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