Hinterlassenschaften eines Kunstdetektivs

Museum Abteiberg zeigt DEN SCHRANK VON RAMON HAZE und begibt sich auf eine Zeitreise

Was wird aus der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts? Welche Werke bleiben erhalten und welche Kunstrezeption setzt sich durch? Welche medialen Arbeiten sind noch lesbar und wir werden sie konserviert? Fragen über Fragen, mit denen der Besucher der aktuellen Ausstellung im Museum Abteiberg, die am kommenden Sonntag, 11. November (12 Uhr), eröffnet wird, konfrontiert werden. Dass für die Ausstellung das komplette Foyer einschließlich der architektonischen Verkleidung der Säulen kaum mehr wiederzuerkennen ist, fördert die zu erwartende und auch beabsichtigte Irritation unter den Besuchern der Ausstellung, die rein zufällig zum Karnevalsauftakt am 11.11. startet und bis zum 28. April 2019 zu sehen ist. Eine gehörige Portion Humor steckt nämlich in dem gewitzten Spiel zwischen Realität und Fiktion, das Holmer Feldmann und Andreas Grahl bewegt. Als reine Kunstfigur erfinden beide den „Kunst-Terminator“ Ramon Haze, der als Künstler, Sammler und Kunstdetektiv in der Zukunft lebt, auf die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts zurückblickt und dadurch neue Perspektiven und Sichtweisen eröffnet. Die Ergebnisse der Untersuchungen seiner schwierigen Feldforschung werden in einer totalen Installation präsentiert. Begriffe wie Kunst, Künstler, Vergänglichkeit und Zukunft werden auf hoher Ebene neu verhandelt.

 

Holmer Feldmann und Andreas Grahl kreierten den SCHRANK VON RAMON HAZE als eine Fiktion, die als ein Gemeinschaftswerk mit weiteren Autoren und Akteuren gelang: dem ‚Sammlerkollegen’ Piotr Baran, den angestellten Schauspielstudenten; Xenia Helms, Joe Kuss, Jan Wenzel und Valentin Wetzel als Ko-Autoren der Werkbeschreibungen, dem Grafiker und Typografen Markus Dreßen, zusammen mit Jan Wenzel Mitbegründer des Verlags Spector Books in Leipzig, wo der großformatige Tafelband erschien. Klaus Werner, seinerzeit Gründungsdirektor der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig, war maßgeblicher Förderer für die zweite Präsentation des Schranks 1999.

 

DER SCHRANK VON RAMON HAZE ist die Hinterlassenschaft, in der die Kunst des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt und Bemerkenswertes gefunden wird: So etwa neun unbekannte Urinale von Marcel Duchamp, gefunden in Dresden, wo Duchamp sie 1912 hinterließ und nie mehr zurückholen konnte. Dies könnte erklären, warum Duchamp in den 1960er Jahren eine Multiple-Edition herausgab. Zwei auffällig ähnliche Kinderlaufställe, einer bekannt als das Werk des Russen Ilja Kabakov, der andere von einem völlig unbekannten kolumbianischen Künstler. Der Kolumbianer war entweder Kabakovs Vorbild oder dachte rein zufällig so ähnlich wie Kabakov; dass Kabakov ihn inspirierte, schließen die Indizien aus. Weit mehr als 160 Stücke zählt das Gesamtkonvolut der Sammlung von Ramon Haze, einige von ihnen mangels Quellen noch immer unerschlossen, 158 Objekte publiziert in einem kommentierten Werkverzeichnis.

 

Die Sammlung selbst ist eine Wiederentdeckung. 1996 wurde sie, von den beiden jungen Künstlern Holmer Feldmann und Andreas Grahl veröffentlicht, die sie zunächst im Keller einer brachen Industriehalle in Leipzig ausstellten. Aus dieser Zeit ist ein Film erhalten, der die damaligen Führungen durch Leipziger Schauspielstudenten zeigt. Drei Jahre später wurde die Sammlung erneut im neueröffneten Leipziger Hauptgebäude der Dresdener Bank gezeigt und erhielt dort besagtes Werkverzeichnis. Die Sammlung ist eine posthistorische Fiktion, entstanden in der Zeit nach 1992, als die Leipziger Schule und der Kunstmarkt schlechthin den Sieg der zugleich avantgardistischen und opportunistischen, mit den Zeitläuften des 20. Jahrhunderts paktierenden bildenden Kunst feierten. Von den Fiktionen, die Künstlerinnen und Künstler in den vergangenen Jahren in die Welt brachten, ist die von Ramon Haze und seinem (künftigen) Schrank der Kunst des 20. Jahrhunderts die wohl irritierendste und berührendste, vielleicht auch sinnhafteste.

 

Da ist Jeff Koons Arbeit der Basketbälle im ausgetrockneten Aquarium, weil kein Museum mehr in der Lage war, sich zu kümmern. Da sind abstrakte Formen und Farben mit gegensätzlichen inhaltlich-ideologischen Funktionen. Die ist das Modell der Unendlichen Säulen von Constantin Brancusi, das keiner kannte. Da sind Ideen, Visionen, Spinnereien von Kunst = Leben, wie die im Urmodell vom VW-Käfer, Archetype, 1934, den Ferdinand Porsche als eine Muschel für die moderne Familie erdachte. Da sind gesellschaftsbezogene und radikal kritische Kunstkonzepte, gemäßigt bildhafte wie die große Skulpturengruppe Verführer und Verführte (Kurt Helm, 1996) und explizit terroristische wie das Ensemble Salpeter, das gemäß Ramon Haze von Andreas Baader, 1970-1972, stammt.

 

„Mit der ‚Totalen Installation‘ der Hinterlassenschaft von Ramon Haze im Museum Abteiberg gelangt die Sammlung des Ramon Haze 22 Jahre später an den Ort ihrer eigentlichen Bestimmung, in ein Museum. Sie transportiert eine im Jahr 1996 aufgestellte und zwischenzeitlich fast vergessene Frage in die Gegenwart: Was war die moderne Kunst? Und zwar mit Relikten und Gegenständen, die aus der gesamten Dingwelt des 20. Jahrhunderts übrig blieben“, betont Museumsdirektorin Susanne Titz. Die Übergange zwischen der Sammlung des Museums Abteiberg und der Sammlung des Ramon Haze werden irritierend und fließend. Die Frage nach dem Grund der Objekte wird zu einer Leitfrage in dieser wissenschaftlichen Fiktion.

 

Die Ausstellung wird die Räume im Museum völlig verändern. Das Publikum trifft auf das Wohnzimmer von Ramon Haze, den Schrank, der Initiation und Eingang in die Sammlung gibt. Daran anschließend eine Szenerie von Schwerlastregalen, Stellagen, Auslagen und Aufhängungen verschiedenartigster Objekte in den offenen Räumen der Straßenebene. Litfasssäulen mit Texten erzeugen eine übergroße Raumbeschriftung – in Anspielung auf das sonst als elitär und undidaktisch wahrgenommene Fehlen von Raumtexten im Museum Abteiberg. Der Plot der Werkbeschreibungen und Interpretationen wird auf mehrerlei Weise verstärkt, durch den glücklich erhaltenen Film der Schauspielerführungen in Leipzig 1996 und eine neue Reihe experimenteller Führungen, die in der Ausstellung ausprobiert werden.

 

In seiner Verbindung einer Kritik von Kunst- und Zeitgeschichte ist der SCHRANK VON RAMON HAZE brillant, sein kritisches Moment vielleicht erst heute deutlich sichtbar: Als Setzung einer klaren Missachtung bzw. Missinterpretation der Kunst des 20. Jahrhunderts, als Herstellung einer fundamentalen Distanz zur Kunst der Vorgänger und Einrücken all ihrer Ideale, Visionen, Begriffe und Werte in die Vergangenheit. Anlässlich der Ausstellung im Museum Abteiberg erscheint am 16. Dezember das seit langer Zeit vergriffene Katalogwerk des Ramon Haze in einer neuen, überarbeiteten und erweiterten Auflage, mit neuen Aufnahmen der Installationen im Museum Abteiberg. Auflage 500, nummeriert, Vorzugspreis während der Ausstellung 49 Euro, Buchhandelspreis 79 Euro.

Die Realisiserung dieses Projekts wurde großzügig unterstützt durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und die Hans Fries-Stiftung.

Wo Realität und Fiktion verschwimmen: Holmer Feldmann und Andreas Grahl haben sich im Museum Abteiberg mit einem Wohnzimmer häuslich eingerichtet und präsentieren die Hinterlassenschaften der in der Zukunft lebenden Kunstfigur Ramon Haze, unter anderem neun Urinale von Marcel Duchamp.
Wo Realität und Fiktion verschwimmen: Holmer Feldmann und Andreas Grahl haben sich im Museum Abteiberg mit einem Wohnzimmer häuslich eingerichtet und präsentieren die Hinterlassenschaften der in der Zukunft lebenden Kunstfigur Ramon Haze, unter anderem neun Urinale von Marcel Duchamp.