Hinter jedem Stein die Geschichte eines Menschen – neue Stolpersteine in Mönchengladbachs Gehwegen

Neue Stolpersteine halten die Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit lebendig. Am vergangenen Donnerstag (24. Mai) hat sie der Künstler Gunter Demnig verlegt. Mit besonderem Besuch aus den USA. 

An diesem Tag (24. Mai) sind es zwei Stellen, die der Künstler Gunter Demnig aufsucht. Zunächst werden Steine auf der Werner-Gilles-Straße 2 verlegt. Dort in Rheydt in unmittelbarer Nähe der Synagoge  wohnte mehr als zwei Jahrzehnte lang die Familie eines Lehrers an der jüdischen Volksschule: Max Heymann. 

Er wurde am 15. Januar 1887 in Aldenhoven im Kreis Jülich geboren. In Rheydt zum 1. April 1921 als Lehrer angestellt, bezog er die Lehrerwohnung im Schulgebäude. Ein Jahr nach seiner Anstellung, am 17. März 1922, heiratete er die aus Detmold stammende Anna Buchholz, die im Weißwarengeschäft ihrer Tanten als Verkäuferin arbeitete. Sie war am 1. November 1895  zur Welt gekommen. Vorübergehend hielt sich das junge Paar in Detmold bei den Verwandten von Anna Buchholz auf. Im selben Jahr wurde Heymann Mitglied der Walter-Rathenau-Loge in M.Gladbach, einer jüdischen Freimaurerloge, der unter anderen der Rheydter Rechtsanwalt Josef Joseph angehörte. Das Ehepaar Heymann hatte zwei Kinder, den am 30. Juni 1923 in Rheydt geborenen Walter Heymann und die ebendort am 26. November 1925 geborene Edith Heymann.  

Neben seiner Lehrerstelle an der jüdischen Volksschule bekleidete  Heymann noch die Stelle des Kantors und Predigers an der Synagogengemeinde. Heymann setzte sich vor allem für eine bessere Ausstattung der Schule ein und nahm dabei die Stadt Rheydt in die Pflicht.

Als Lehrer, der besonderen Wert auf die  Disziplin seiner Schüler legte, unterschied sich Heymann wohl in nichts von den meisten der damaligen Pädagogen, die ihre Autorität durch übermäßige Strenge zu sichern suchten. Seine Gesetztestreue ging so weit, dass er sogar die gegen die Juden erlassenen und die Menschenwürde verletzenden Gesetze strikt befolgte. So achtete er darauf, dass seine Schüler vorschriftsmäßig den Davidstern auf der Kleidung trugen, wozu Juden seit September 1941 verpflichtet waren.   

Bei dem Pogrom vom 10. November 1938 wurde die Rheydter Synagoge zwar zerstört, das ihr vorgelagerte Schulgebäude blieb allerdings unversehrt. Heymann wandte sich in dieser Situation an die Kriminalpolizei mit der Frage, ob es möglich sei, den Unterricht wieder aufzunehmen. Dies wurde ihm gestattet. Die Schülerzahl war aufgrund der Emi-gration vieler Juden mittlerweile aber  so gering, dass eine Schließung der Israelitischen Volksschule Rheydt  bevorstand. Nach der Zusammenlegung der jüdischen Volksschulen M.Gladbach und Rheydt übernahm Heyman die Leitung dieser Schule.  

Was folgte, war ein Drama besonderer Art, das mit Max Heymanns energischer Persönlichkeit zu tun hatte, aber auch heute noch Fragen aufwirft. Zu Zeiten, als eine Emigration noch möglich gewesen wäre, hatte er es stets abgelehnt, für sich und seine Familie Visa für ein anderes Land anzunehmen. Grund dafür mag das Pflichtgefühl gewesen sein, das er seiner Gemeinde, vor allem aber auch seinen Schülern gegenüber empfand. Als die Deportationen eingesetzt hatten und bekannt wurde, dass am 22. April 1942 von Düsseldorf aus ein Transport nach Izbica abgehen sollte, erschien Max Heymann am 20. April vor der Gestapo M.Gladbach und erklärte, mit seiner Frau Anna zu dem an [sic] 21.4. 1942 stattfindenden Transport zum Osten freiwillig teilnehmen zu wollen. Wie freiwillig angesichts der drohenden Gefahr, die für Heymann und seine Familie in jedem Fall weiter bestanden hätte, diese Erklärung auch gewesen sein mag, sie war jedenfalls ein eindrucksvolles Zeichen seiner Solidarität mit den verfolgten Juden und zugleich der starken Verbundenheit mit seinem Land, das zu verlassen er selbst in Zeiten der Bedrängnis und höchster Gefahr keinen Anlass gesehen hatte. Ob ihm bewusst war, dass er sich und seine Familie damit dem fast sicheren Tod preisgab, diese Frage muss offen bleiben.  

Tatsächlich wurden Max und Anna Heymann sowie die beiden Kinder Walter und Edith am darauffolgenden Tag, dem 21. April 1942, über Düsseldorf nach Izbica im südöstlichen Teil Polens deportiert. Über das weitere Schicksal der Familie ist nichts bekannt. Das Amtsgericht Rheydt erklärte Max Heymann 1959 für tot, der Todeszeitpunkt wurde auf das Jahr 1942 festgesetzt.  

Max Heymann, seiner Frau Anne Heymann und ihren beiden Kindern Walter und Edith wurden am 24. Mai 2018 an der Werner –Gilles – Straße 2 in Rheydt vier Stolpersteine gesetzt.                                

Auf den Steinen an der Parkstraße stehen die Namen der Opfer Max, Irma und Isaac Kurt sowie von Hedwig Reinemann.

Bei dieser Verlegung sind an diesem Tag auch Familienmitglieder  aus den USA in Mönchengladbach mit dabei. Der Enkel von Hedwig Reinemann, Ralph Falkenstein, war sichtlich gerührt von der Form des Gedenkens an seine Familie. In seinen Worten betonte er wie wichtig es sei, dass ein solches Gedenken uns auch daran erinnern muss, dass niemand diskriminiert werden dürfe: „Wir gehören alle zu einer Welt.“

Außerdem zeigte er sich sehr dankbar, dass trotz des Umzugs die Mitarbeiter des Stadtarchivs, der Familie noch nach der Verlegung einen Einblick in Dokumente geben konnten. 

Bürgermeister Ulrich Elsen hob hervor, dass die Verlegung der Stolpersteine eine besondere Bedeutung habe, da Menschen ihre Namen wieder gegeben würden: „Unter der Nazi-Herrschaft hat man diesen Menschen ihre Namen genommen, sie versucht zu Nummern zu machen ohne eigne Identität und Bedeutung. Dieses schreiende Unrecht können wir nicht ungeschehen machen, aber es ist ein wichtiges Zeichen, dass hier nun wieder ihre Namen stehen. Dass wir ganz deutlich machen, wir vergessen nicht! Und so auch ein Zeichen dafür setzen, dass wir alles tun müssen, dass sich so etwas nie mehr wiederholt.“