Fremdheit überwinden – Brücken bauen

Der Integrationspreis der Stadt geht an das Berufskolleg Rheydt-Mülfort für Wirtschaft und Verwaltung

Der diesjährige Integrationspreis der Stadt Mönchengladbach geht an das Berufskolleg Rheydt-Mülfort für Wirtschaft und Verwaltung. Für das Gemeinschaftsprojekt "Fremdheit überwinden - Brücken bauen" erhielt das Berufskolleg gestern (17. Januar) bei der Verleihung des Integrationspreises 2019 im Jugendclubhaus Westend durch Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners den mit 900 Euro dotierten ersten Preis. Bereits zum siebten Mal würdigt die Stadt Mönchengladbach mit dem Preis Personen und Initiativen, die sich um Integration in der Stadt verdient gemacht haben. Aus acht Bewerbungen ermittelte die Jury die Preisträger. Erstmals wurde der Preis durch die Borussia-Stiftung gesponsert.

"Mönchengladbach lebt vom vielseitigen Engagement der Vereine und Einzelpersonen, die Wege der gesellschaftlichen Teilhabe aufzeigen und dadurch die Demokratie und gemeinsames Leben in unserer Stadt stärken", bedankte sich Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners bei den Preisträgern. "Fremdheit überwinden - Brücken bauen" ist ein Gemeinschaftsprojekt dreier Klassen des Berufskollegs Rheydt-Mülfort für Wirtschaft und Verwaltung, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein können: einer Regelklasse der Höheren Berufsfachschule und zweier internationaler Förderklassen mit neu hinzugewanderten Schülerinnen und Schülern, die Deutsch als Zweitsprache lernen. Insgesamt trafen so 35 Schülerinnen und Schüler aus 13 Nationen aufeinander und wurden von der Schulleitung und den Fachlehrer für Politik, Religion und Deutsch als Zweitsprache im Projektverlauf begleitet. Inhalt des Projektes war, sich der Frage zu stellen, wie man Fremdheit begegnet, mit ihr umgeht und sie überwinden kann. Zu Beginn des Projekts stand zunächst das gegenseitige Kennenlernen im Vordergrund. Es wurden Partnerinterviews geführt, Teamspiele gemacht, Filmausschnitte gesehen, mit Bildern gearbeitet, diskutiert und dabei gemerkt, dass die Wünsche und Bedürfnisse dieselben waren, unabhängig von Herkunft, Sprache und dem bisher Erlebten. Die Schülerinnen und Schüler entschlossen sich dazu, mit Hilfe ihres Schulhausmeisters Josef Conen eine Mauer und eine Brücke zu bauen, welche die Distanz und Fremdheit verschwinden und Menschen aufeinander zukommen lässt. An zwei Projekttagen formulierten sie auch gemeinsam mit dem Musiker und Produzenten Sebastian Schade Liedzeilen zur Mauer- und Brückenthematik in die sie ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus und Fremdheit einbringen konnten und die zu zwei Liedtexten zusammengefügt wurden. "Das Projekt half, den Schülerinnen und Schülern, Zuwanderung und Differenz als Chance zu begreifen und zu verstehen, was gebraucht wird, um Fremdheit zu überwinden und Vorurteile abzubauen und trägt dazu bei, dass Schule ohne Rassismus nicht nur ein Motto bleibt, sondern gelebt und erlebbar wird", betonte die städtische Integrationsbeauftragte Marion Blinten bei der Vorstellung des Projektes.

Der 2. Platz (600 Euro) ging an Start Up in Germany. Der Verein ist ein Zusammenschluss von jungen, motivierten, zugewanderten und bereits angekommenen Menschen, die sich verantwortlich fühlen, die sogenannte "Flüchtlingskrise" gemeinsam anzupacken und diese nicht als Krise, sondern vielmehr als Chance für dieses Land zu sehen. Sie sind seit mehreren Jahren in Vollzeit für einen Betreuungsverband in der Erstaufnahmeeinrichtung in Mönchengladbach tätig. Ehrenamtlich organisieren sie immer wieder Veranstaltungsreihen im Chapeau Kultur in Rheydt. So soll die Reihe "Länderabend" Ehrenamtlichen, die mit Geflüchteten arbeiten, der breiten Nachbarschaft, aber auch der gesamten Stadtgesellschaft die Möglichkeit gegeben werden, die jeweiligen Kulturen der Neuzugewanderten kennenzulernen. Dadurch werden Hemmungen sowie Vorurteile abgebaut und in der bereits bunten, vielfältigen Gesellschaft diskutiert, vermittelt und aufgeklärt.

Mit dem 3. Preis (400 Euro) wurde der Bildungspark MG ausgezeichnet. Viele Jugendliche fragen sich, was Politik mit ihrem Leben zu tun hat. Im Bildungspark Mönchengladbach wird ihnen anhand der vielen Facetten des Fußballs aufgezeigt, dass auch ihr Alltag politisch, ihre Meinung gefragt und das Diskutieren für eigene Interessen lohnenswert ist. Hier wird die Faszination für Fußball genutzt, um Kinder und Jugendliche für Themen zu begeistern, für die sie im Alltag schwer zugänglich sind . Der Bildungspark ist eine Bildungseinrichtung des Trägers "De Kull Jugendhilfe e.V.", die sich in Mönchengladbach innerhalb der politischen und gesellschaftlichen Bildung engagiert. Die Hauptaufgabe ist die Durchführung von kostenlosen Workshops zu den Themen Anti-Diskriminierung, Rollenbilder in der Gesellschaft, Umgang mit Social Media, Hate Speech, Stadtgestaltung und suchtpräventive Arbeit. Daneben gibt es weitere gesellschaftspolitische Veranstaltungen wie Aktionen, Lesungen, Begegnungsfeste und Fachtage.

Für ihre Verdienste in der engagierten Integrationsarbeit mit einer Urkunde ausgezeichnet wurde van Ri Nguyen für die katholische vietnamesische Gemeinde St. Vinzenz von Paul. Van Ri Nguyen wurde gemeinsam mit seiner damals fünfköpfigen Familie nach der Flucht 1981 aus Vietnam von der Cap Anamur gerettet und kam 1982 nach Deutschland. Seither engagiert er sich mit einer tief empfundenen Dankbarkeit für den gelungenen Neustart hier in zahlreichen sozialen und integrativen Bereichen. Bei seinem Engagement in zahlreichen Hilfsprojekten, Spendenaktionen, Vereinen, Verbänden und Institutionen, in denen er über Jahrzehnte aktiv und tatkräftig mitarbeitet oder mitgearbeitet hat, liegt ihm am Herzen, Menschen in Notsituationen zu helfen. Für seine Verdienste im sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Bereich wurde er auch mit der Verdienstmedaille der Bunderepublik Deutschland ausgezeichnet.

Seit Jahren kümmern sich die Eheleute Katharina und Meinulf Barbers gemeinsam mit Wolfgang Funke ehrenamtlich um die Erstellung des Abrahamischen Kalenders, der alle wichtigen Termine mit den allgemein gültigen Festen und Feiertagen der zum Kreis der abrahamischen Religionen gehörenden Gemeinschaften in Mönchengladbach. Dieser Kalender bildet eine wichtige Informationsquelle für das Wissen über die Feste und Feiertage der jeweils anderen Glaubensgemeinschaften, lädt ein zur (An-)Teilnahme und unterstützt das gegenseitige Verstehen, den gegenseitigen Respekt und ein friedliches Miteinander in Mönchengladbach. Der Kalender leistet einen wichtigen und kontinuierlichen Beitrag zum interkulturellen und interreligiösen Verständnis und wird auch an alle Schulen verteilt.

"Ich bin Brückenbauerin und verstehe kulturelle Verschiedenheit als Bereicherung." Das sagt Martina Gehler, die seit über 30 Jahren mit ihrer Arbeit Chancengleichheit und gleichberechtigte Teilhabe an Bildung, Ausbildung, Arbeitsmarkt und am gesellschaftlichen Leben für alle, vor allem für sozial benachteiligte Menschen, fördert. Sie plant und organisiert Integrationsprojekte und Veranstaltungen, Kinder- und Jugendprojekte, die auch zum Thema Demokratie informieren, schafft Plattformen, die den Austausch zu den verschiedensten gesellschaftspolitischen, vor allem sozialen Themen fördern. Sie bezieht Stellung gegen Diskriminierung, Rassismus und Menschenfeindlichkeit und setzt sich für Vielfalt und Integration ein.

Als Ehrenamtlerin in der Flüchtlingshilfe hat Ursula Hammacher in den vergangenen Jahren viel Kraft und Zeit investiert, um Integration und Willkommenskultur zu leben und für gegenseitiges Verständnis und Akzeptanz zu werben. Bei ihren Besuchen in der Flüchtlingsunterkunft in Bettrath lernte sie viele der Geflüchteten kennen und unterstützte sie fortan in allen Lebenslagen. Ihr unermüdlicher persönlicher Einsatz reichte von Sachspenden, Möbel- und Hausratsbeschaffung über Begleitung zu Institutionen und Ämtern, Hilfe bei Antragsstellungen, Suche nach Praktikums- und Ausbildungsstellen bis hin zur Koordination und Begleitung von Arztbesuchen. Sie wird trotz ihrer 78 Lebensjahre nicht müde, sich für "ihre" Familien und andere syrische Flüchtlinge einzusetzen und hat damit stark dazu beigetragen, dass Mönchengladbach für diese Menschen zu einem Stück Heimat geworden ist.

Artemis Issangelef Tounis wirkt überall mit. Sie organisiert sogar von zu Hause aus, auch wenn es ihr selbst mal nicht gut geht. Nichts hält sie von ihrer Hilfe ab. Ihre Gedanken gelten immer erst den Menschen, die Unterstützung benötigen. Sie kümmert sich neben den Belangen der griechischen Gemeinde auch um andere Vereine, die Unterstützung brauchen. Sie beschafft Infos, begleitet zu Terminen, unterstützt bei Wohnungs- und Arbeitssuche und vieles mehr. "Artemis Issangelef-Tounis ist eine Frau, die selbstbewusst und durchsetzungsstark anpackt, nie aufgibt und sich nicht unterkriegen lässt, bis sie ihr Ziel erreicht hat. Dort wo sie gebraucht wird, steht sie zur Stelle", so Marion Blinten bei der Verleihung der Urkunde.