Ein wahrer Schatz der Kunstgeschichte

Das Museum Abteiberg in Mönchengladbach erwirbt eine der weltweit renommiertesten privaten Kollektionen von u. a. Fluxus-Kunst, die Sammlung und das Archiv von Erik und Dorothee Andersch. Die Kulturstiftung der Länder unterstützte den Ankauf.

Die Neusser Sammlung Andersch und das damit zusammenhängende Archiv von Erik und Dorothee Andersch gehen in die Sammlung des Museums Abteiberg ein. Die offizielle Übergabe der Sammlung erfolgte heute in Anwesenheit der NRW-Ministerin für Kultur und Wissenschaft, Isabel Pfeiffer- Poensgen, und Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners im Rahmen eines kleinen Festaktes, an dem auch Prof. Dr. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, Dr. Fritz Behrens, Präsident der Kunststiftung NRW, und Prof. Dr. Michael Loschelder, Vorstand der Hans Fries-Stiftung teilnahmen. Die Sammlung Andersch gilt als eine der weltweit renommierten, größten und umfassendsten Kollektionen von Fluxus-Kunst und benachbarten künstlerischen Bewegungen der 1960er und 70er Jahre.

„Für eine international so renommierte Sammlung, eine der großen und umfassenden von Fluxus-Kunst und artverwandten Bewegungen, hätte es auch andere Interessenten gegeben. Weltweit. Die Entscheidung für das Museum Abteiberg freut mich außerordentlich“, betonte Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners bei der Übergabe. „Die Sammlung wird nicht nur den Museumsbestand ideal erweitern, experimentelle Ausstellungsprojekte ermöglichen und kunstinteressierte Besucher anziehen. Sie wird hier auch künstlerisch etwas bewegen. Unseren Kunstbegriff vielleicht noch stärker öffnen und erweitern“, so der Oberbürgermeister weiter. „Was aus unzähligen Einzelteilen entstand, ist heute ein wahrer Schatz der Kunstgeschichte, der den Zeitgeist des Fluxus atmet und Perspektiven auf die damalige Kunstszene im Rheinland und zur amerikanischen Avantgarde darstellt. Für das Museum Abteiberg ist es ein wirklicher Glücksfall“, so NRW-Ministerin für Kultur und Wissenschaft, Isabel Pfeiffer- Poensgen,

Die zeitgenössische Kunst fand bereits in den 1920er-Jahren ihren herausgehobenen Platz in der städtischen Sammlung, als Walter Kaesbach, Direktor der Kunstakademie Düsseldorf, seiner Heimatstadt wertvolle Gemälde von u. a. Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Otto Müller stiftete. Den Bestand erweiterte das Mönchen¬glad-bacher Museum geschickt um Werke von beispielsweise Alexej von Jawlenski,Heinrich Wilhelm Lehmbruck und Max Pechstein. Dieser herausragende Sammlungsschwerpunkt fiel jedoch 1937 der nationalsozialistischen Aktion „Entartete Kunst“ zum Opfer, bis auf sieben Stücke wurde das Museum um seinen zeitgenössischen Bestand gebracht.

Vor fünfzig Jahren entschied sich der frisch ernannte Museumsdirektor Johannes Cladders dazu, sein Museum erneut den zeitgenössischen Künstlern zu öffnen: Den Auftakt machte Joseph Beuys mit seiner ersten großen Museumsausstellung, zahlreiche Künstler der Fluxus-Bewegung folgten. „Antimuseum“ nannte Cladders seine Vision, mutig räumte er den gegenwärtigen künstlerischen und radikal institutionskritischen Strömungen Platz in seinem neuartigen Ausstellungskonzept ein. Es gelangen ihm in der Folge wichtige Erwerbungen wie die große Vitrine „Lager“ (1962-1966) und das Revolutionsklavier (1969) von Joseph Beuys sowie Werke von Robert Filliou, George Brecht, Dieter Roth und Daniel Spoerri.

In dieser Zeit begannen – oft im direkten Austausch mit den Künstlern – auch Erik und Dorothee Andersch aus Neuss mit dem systematischen Sammeln von Fluxus-Kunst und benachbarten künstlerischen Bewegungen. Kunstfelder wurden so umfassend wie möglich mit dokumentarischen Materialien erfasst, einzelne Künstler sind in ihrer jetzt für Mönchengladbach erworbenen Kollektion mit herausragenden Einzelwerken vertreten: So prägen namhafte Werke von Joseph Beuys und Dieter Roth in einer großen Spannbreite (wie beispielsweise Roths Multiple „Portrait of the Artist as Vogelfutterbüste“ aus Schokolade), große Objektgruppen von Robert Filliou, George Brechts Steinarbeit VOID, aber auch seltener gesammelte Künstler wie Takako Saito das Profil des Sammlung. Daneben dokumentieren in einer singulären Breite Kataloge, Flugblätter, Zeitschriften, Editionen, Schallplatten, Postkarten und Multiples die Ausstellungstätigkeit von Künstlern wie beispielsweise Al Hanson, George Macunias, Yoko Ono, Wolf Vostell und Robert Watts. Das Archiv kann zeigen, wie intensiv die europäische und die US-amerikanische Avantgarde miteinander kommunizierten. Besonders fokussiert die Sammlung die große Bedeutung der Kunstszene des Rheinlands für die Entfaltung der damaligen Künstlergeneration. Ihr Motto von der Demokratisierung der Kunst zieht sich als Leitmotiv auch durch die Sammlung, die Fluxus als intermediäre Kunstform zwischen Bildender Kunst, Musik, Poesie und Aktion facettenreich widerspiegelt.

Das Museum Abteiberg kann seine eigene Sammlung mit der jetzt erworbenen reichen Kollektion hervorragend ergänzen. Nach der Silverman-Collection (USA) und dem Sohm-Archiv in Stuttgart gilt die Sammlung Andersch als wichtigste Kollektion zum Thema. Den Ankauf für das Museum Abteiberg unterstützte die Kulturstiftung der Länder, das Land Nordrhein-Westfalen, die Kunststiftung NRW und die Hans Fries-Stiftung. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, sagte anlässlich der Neuerwerbung: „Sammlung und Archiv Andersch zählen zu den weltweit herausragenden Sammlungen von Fluxus-Kunst und benachbarten künstlerischen Bewegungen der 1960er- und 70er-Jahre. Ich freue mich außerordentlich, dass die Kulturstiftung der Länder einen Beitrag dazu leisten konnte, dass diese in Deutschland zusammengetragene, wichtige Dokumentation der Fluxus-Bewegung für das Museum Abteiberg erworben werden konnte, wo sie für die Öffentlichkeit und die Forschung zugänglich gemacht wird. Die besondere regionale Vernetzung der Sammlung zu Künstlerinnen und Künstlern im Rheinland spielte bei unserer Förderentscheidung eine wichtige Rolle.“

Vor der offiziellen Übergabe der Sammlung Andersch verschaffte sich NRW-Ministerin Isabel Pfeiffer- Poensgen im Rahmen einer Preview einen Eindruck von dem aktuellen Kulturrucksack-Projekt „Flags“, das vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft großzügig gefördert wird. Die Stadt ein Stück bunter machen – mit farbenfrohen Fahnen, die den Sommer über für gute Laune in Mönchengladbach sorgen! Das ist die Idee hinter dem Kulturrucksack Projekt "Flags – Fahnen für Mönchengladbach", das die Künstlerin Melissa Logan mit Jugendlichen im Alter von 10 bis 14 Jahren im April gestartet hat. Im Museum Abteiberg hat sie den jungen Akteuren in Workshops gezeigt, wie man Flaggen malt und sein Wissen an andere Menschen weitergibt. Als Scouts waren die jungen Leute in Begleitung von Kulturpädagogen unterwegs, um in der ganzen Stadt mit Kindern, Senioren, Menschen mit Behinderungen oder unterschiedlichen kulturellen Hintergründen Flaggen zu entwerfen. 100 der so entstandenen Entwürfe sind als großformatige Fahnen gedruckt und werden nun in der Stadt aufgehängt. Die Realisation des Projekts haben mehrere Institutionen in einer Kooperation ermöglicht: Die Projektleitung liegt beim SKM – Katholischer Verein für soziale Dienste Rheydt e.V., Partner sind das Museum Abteiberg, des Städtische Kulturbüro und die Städtische Sozialholding.

Fahnen am Museum Abteiberg
Vor der offiziellen Übergabe der Sammlung Andersch verschaffte sich NRW-Ministerin Isabel Pfeiffer- Poensgen im Rahmen einer Preview einen Eindruck von dem aktuellen Kulturrucksack-Projekt „Flags“, das vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft großzügig gefördert wird.