KaltWAND I
Wolfgang Vincke, 1954 in Mönchengladbach-Rheydt geboren, erklärte sich auf Befragen spontan bereit, als Beitrag zu den 6. Mönchengladbach/er Literaturtagen - vom 8. bis zum 11. August 2000 - und zur Wiedereröffnung der Stadtteilbibliothek Rheydt eigens für die Bibliothek ein Kunstobjekt zu fertigen, das nach der Fertigstellung als ein Geschenk an dem Ort verbleiben soll, der für ihn schlechthin ein Kulturstandort ist, eine Herberge für Bücher, die wiederum ein Synonym für geistig-kulturelle Werte sind. Hierfür gebührt ihm unser ganz besonderer Dank.
Wolfgang Vinckes künstlerisches Schaffen umkreist grob skizziert immer ein gesellschaftspolitisches Problemfeld. Sei es der Niedergang der Schriftkultur, wie von vielen prognostiziert, sei es der Werteverfall im Allgemeinen, der Umgang mit der Kultur und dem Geistesschaffen in bestimmten historischen Kontexten, insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus (vgl. die Ausstellung im Mönchengladbach/er BIS, 1993, mit dem Titel "Wider den deutschen Geist", in der Vincke den Geist der "Bücherverbrennung" mit verschiedenen Buch-Objekten anprangerte, sowie seine Arbeiten zum "Mythos des Zwanzigsten Jahrhunderts" innerhalb der Ausstellung "Zwischen Barbarei und Hoffnung", ab dem 1. September 2000 in G.A.M.E.S. of art, Sophienstrasse, Mönchengladbach; zentrales Thema war auch hier die Bücherverbrennung, jedoch in einer besonderen Konfrontation mit Alfred Rosenbergs 1930 erschienenem Buch, "Der Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts", dem nach Aussage der Dienststelle "Beauftragter des Führers" wohl zweitwichtigsten ideologischen Text neben Hitlers "Mein Kampf").
Vinckes Ansatzpunkt ist immer ein kritischer und jenseits aller künstlerischen Legitimation ist Wolfgang Vincke ein "Störenfried".
Die Installation:
W. Vincke hat an einer freien Wand gegenüber dem Lesebereich eine zuvor mit schwarzer Dispersionsfarbe gestrichene Spanplatte angebracht (Größe ca. 2,90m x 2,30m). Auf dieser Platte sind ca. 250 anonymisierte Buchblöcke in senkrechter Form neben- bzw. untereinander befestigt worden.
Anonymisierte Buchblöcke meint: die verwendeten Bücher wurden vorab ihrer Einbände und Buchdeckel entledigt, so dass sich dem Betrachter lediglich weiße Vorderseiten bieten. Die Buchblöcke selbst wurden verleimt und sind weder blätter- noch identifizierbar. Hinweise auf Buchinhalte, Autoren, Orte und Zeit werden negiert; die Objekte sind anonymisiert, reduziert, kalt und schön. Nach Beendigung der Installation präsentiert sich heute dem Betrachter ein weißes Buchmauerwerk - eben eine KaltWAND.
Der Vorgang der Buchwand-Installation konnte von den Bibliothekskunden und allen interessierten Bürgerinnen und Bürgern verfolgt werden. Das Resultat erschließt sich nun dem Betrachter. Die "KaltWAND I" folgt nicht unbedingt herkömmlichen ästhetischen Kategorien, sie provoziert. Es ist zu hoffen, dass möglichst viele Betrachter an dieser Wand innehalten und sich die eine oder andere Frage stellen:
Wie ist es bestellt um unsere Werte, um unsere Kultur?
Was meint heute Kommunikation?
Wie ist es um die Zukunft von Schrift (und damit von Buchobjekten) bestellt?
Bücher sind schlechthin Kulturobjekte. Sie sind Zeuge unserer literalen Zivilisation. Die Anzeichen und Prognosen häufen sich, dass die Schrift ihre beherrschende Stellung durch neue elektronische, industriell vorangetriebene Kommunikations-techniken verlieren wird (Zahlzeichen, Piktogramme, Icons etc.). Das Ende der Gutenberg-Ära ist eingeläutet. Bücher stellen zudem ein Synonym für geistig kulturelle Werte dar, die (nicht nur aktuell) einer permanenten Gefahr der Verletzung ausgesetzt sind; gleichzeitig stehen Bücher als Metapher für das Ewige und Unzerstörbare.
Die Installation W. Vinckes ist eine besondere Form der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Geistesleben unserer Zeit und unserer Gesellschaft, einem Geistesleben, das sich gegenüber den großen Problemen der Gegenwart in einem Zustand der Ohnmacht darstellt. "KaltWAND I" wirft viele Fragen auf und den Betrachter hoffentlich in einen Zustand großer Nachdenklichkeit. "KaltWAND I" ist ein Appell an jedermann - ein Zeichen der Hoffnung.
(F.-J. Koch, ehemaliger stellvertretender Bibliotheksleiter)
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